Bereits vor 40 Jahren traten auch deutsche Kicker in Argentinien in einer Militärdiktatur an, die für den Tod von 30.000 Oppositionellen verantwortlich war. Auch bei der bevorstehenden WM in Russland gibt es menschenrechtliche Bedenken zuhauf. Von den Spielern wird erwartet, dass sie sich nicht zur politischen Lage äußern. Plötzlich ist der Fußball angeblich wieder unpolitisch.

Mit der WM in Qatar 2022 rückt zudem ein Turnier nahe, mit dem sogar noch viel weitreichendere Menschenrechtsverletzungen einhergehen, die Organisationen wie Amnesty International oder Human Rights Watch immer wieder dokumentiert haben. Amnesty spricht von einer "Weltmeisterschaft der Schande". Hundertausende Arbeitsmigranten, die auf den WM-Baustellen und an anderen Stellen bei der Vorbereitung und Durchführung der WM beschäftigt sind, werden systematisch ausgebeutet. Hunderte sind bereits angesichts der katastrophalen Arbeitsbedingungen ums Leben gekommen.

Für Qatar ist nicht nur diese WM ein Aushängeschild, sondern auch die Investitionen in europäische Spitzenvereine wie Paris St. Germain. Auch der FC Bayern fährt jährlich ins Trainingslager nach Qatar, die Fluggesellschaft Qatar Airways ist sogar zu einem Hauptsponsor aufgestiegen. Obwohl die Menschenrechtsverletzungen bekannt sind, werden die Missstände systematisch ignoriert. Den Spielern wird weitestgehend Schweigepflicht erteilt.

Mit zweierlei Maß

Während Özil und Gündoğan Empörung ernteten für ihre politische Naivität, werden die Clubs der englischen Premiere League von russischen Oligarchen, autokratischen Herrschern aus Nahost (Manchester City) oder Trump-Unterstützern (FC Arsenal) finanziert. Seit den massiven Korruptionsfällen in der FIFA und dem Rücktritt von Ex-Präsident Blatter blieb der neue Vorsitzende Gianni Infantino die lückenlose Aufklärung der Korruptionsaffären bei diversen WM-Vergaben schuldig, die Veröffentlichung im sogenannten "Garcia"-Report, der 2014 Ansätze dazu liefern sollte, versuchte die FIFA zu verhindern.

Wer wirklich daran interessiert ist, dass der weltweite Fußballbetrieb die Menschenrechte nicht beschädigt, sollte zurecht den Auftritt von Özil und Gündoğan mit Erdoğan kritisieren; dann sollten Verbände und Fans sich aber auch nicht vor den anderen zahlreichen menschenrechtlichen Problem wegducken.

Gelegenheiten gibt es genug: Das letzte Testspiel am 8. Juni gegen Saudi-Arabien wäre so eine Möglichkeit gewesen. Ein Land, in dem es keine Pressefreiheit gibt, Minderjährige für die Teilnahme an Demonstrationen hingerichtet und trotz des wirtschaftsliberalen Kurses des neuen Kronprinzen Andersdenkende gnadenlos verfolgt werden. Gerade erst wurden mehrere Frauenrechtlerinnen verhaftet, darunter die junge Aktivistin Loujain al-Hathloul, die seit Jahren für moderate Reformen eintritt.

Für alle deutschen Fußballfans, denen es bei Özil und Gündoğans Treffen mit Erdoğan wirklich um Menschenrechte ging, ist dies eine Gelegenheit hiergegen lautstark zu protestieren, anstatt weiterhin deutsche Nationalspieler auszupfeifen - für ein Treffen, das sie im Übrigen selbst als Fehler eingestanden haben. Für alle anderen gilt: Hört auf zu pfeifen!

René Wildangel

© Qantara.de 2018

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Leserkommentare zum Artikel: Hört auf zu pfeifen!

Nein, die Kritik am Verhalten der Beiden ist auch in der Sache nicht gerechtfertigt. Deutsche und türkische Perspektiven auf Erdogan folgen grundlegend unterschiedlichen Narrativen. Weit über das Lager seiner Anhänger hinaus kann man sich als Deutsch-Türke nicht des Eindrucks erwehren, dass die deutsche Presse und Politik seit Jahren einen regelrechten Propagandakrieg gegen Erdogan führt. Es ist das gute Recht gerade auch der Deutsch-Türken, sich in dieser Frage perspektivisch der deutschen Mehrheitsgesellschaft zu entziehen, ohne sich hierfür einem Rechtfertigungsdiskurs aussetzen zu müssen. Umso mehr, da die Beiden hier ja nicht in ihrer Eigenschaft als Spieler der deutschen Nationalmannschaft aufgetreten sind; ja, das ganze hat sich ja nicht einmal in Deutschland abgespielt. Erdogan - rechtmäßiges Staatsoberhaupt eines NATO-Mitglieds - hat im Rahmenprogramm seines Staatsbesuches in England zwei türkischstämmige Profifußballer auf der Insel getroffen und als Souvenir signierte Trikots der britischen Clubs der Beiden erhalten. Nicht weniger, nicht mehr. Das Treffen fand nicht in Deutschland statt, es waren auch keine DFB-Trikots. Wenn man es ganz genau nimmt, ist an dieser Angelegenheit nicht wirklich viel dran, was Deutschland und die deutsche Mehrheitsgesellschaft betrifft.

Cem Özgönül15.06.2018 | 04:27 Uhr

Dem kann ich in weiten Teilen nur zustimmen. Ich erlebe dieses elend mediale Theater um diese beiden Spieler als Zumutung. Mensch, daß sind Fußballer und keine Agenten der Türkei, der AKP und Erdogans! Kapiert's doch einfach mal und macht nicht so einen Höllenzirkus!

Georg Westerkamp15.06.2018 | 12:28 Uhr

"Diese große Gruppe Deutscher mit migrantischen Wurzeln- mittlerweile sind das fast ein Viertel der Deutschen – hat aber das Recht über ihre eigene Identität zu bestimmen." So weit, so banal, selbstverständlich.

Ich sehe das in Bezug auf die deutsche Nationalmannschaft aber anders.

1. Ein wirkliches Bedauern habe ich nicht bemerkt, wenn, allenfalls wegen des öffentlichen Aufsehens
2. Die Fans sind deswegen enttäuscht, weil sie (die Spieler) trotz des Einsatzes für die deutsche Nationalmannschaft nicht wirklich mit dem Herzen dabei sind.
3. Wer für die deutsche Nationalmannschaft spielt, sollte schon zu uns stehen. Das sehe ich bei den beiden Spielern nicht. Ich hätte beide nicht mit zur WM genommen (auch und selbst dann nicht, wenn es den fünften Stern kosten würde)

Auf Vorwürfe, Herr Erdogan würde bei uns mit Propaganda überzogen, ist ernsthaft keine Antwort möglich. Hier werden nur seine Handlungen, seine Worte gegen Deutschland und seine Wertungen kritisiert. Nicht nur die Faschismusvorwürfe sind hanebüchen. Geiselnahme, Willkürherrschaft, Krieg gegen die Kurden im eigenen Land und Überfall auf Kurden in Syrien zum Beispiel, heimliche Unterstützung des IS mit Waffen, Geld für Öl, Krankenhaus- Versorgung...

Zur Meinungsfreiheit bei uns gehört, das gut zu finden und Herrn Erdogan zuzujubeln. Aber wer das alles so gut findet und bei uns alles kritisiert muss damit rechnen, dass man dieser Person nicht zutraut, zu Deutschland zu stehen, sondern fremde Einstellungen und andere Werte als die unseres Grundgesetzes zu vertreten.
Dass wir uns nicht falsch verstehen: Jede*r darf seinen/ihren Glauben leben, die politische Meinung äußern. Dafür würde ich erforderlichen Falles mit dem Fés, der Kippa, dem Kopftuch oder Palästinenserschal demonstrieren.
Aber eine offizielle Vertretung Deutschlands, sei es im Öffentlichen Dienst oder in unserer Nationalmannschaft (gleich ob Fußball, Basketball oder Leichtathletik...) ist damit nicht vereinbar. Kritik an unserem politischen System, an Schulen, Kitas oder welchem politischen Aspekt in unserem Land, von der mangelnden Integration, Fremdenfeindlichkeit, falscher Asyl- oder Einwanderungsregelungen, an Umweltpolitik oder Arbeitsrecht sind unbenommen. Das ist das gute Recht aller, ob mit oder ohne Migrationshintergrund (bei dem Wort dreht sich mir der Magen um).
Aber, um auf den Ausgangspunkt zurückzukommen: Wer unsere Grundwerte ablehnt oder sich trotz hiesiger Geburt und Staatsbürgerschaft als Ausländer (es geht nicht speziell um die Türkei) versteht, kann uns nicht repräsentieren.
Das ist genau der Eindruck, den die Spieler unseren Fans vermittelt haben, deswegen müssen sie halt auch die Pfiffe erst mal ertragen. Die Debatte kann weder der DFB noch der o.a. Journalist einfach für beendet erklären. Auch nicht mit Verweis auf Fifa, Katar, Russland oder Trump. Geld verdirbt den Charakter. Aber das Niveau der WM Infantinos in den USA mit 48 Teams tue ich mir nicht mehr an...

Helmut M. Oberlander15.06.2018 | 17:09 Uhr