Dass tagelang Özils und Gündoğans Treffen mit Erdoğan in Deutschland zu einer Art Staatsaffäre hochgepuscht wurde – erst meldete sich Kanzlerin Merkel, dann bat Bundepräsident Steinmeier zum klärenden Gespräch – ist mindestens ein Indikator für fehlende Gelassenheit und Selbstvertrauen in der Debatte über die gesellschaftliche Veränderung deutscher Identitäten.

Auch die Pfiffe deutscher Fans gegen Özil und Gündoğan sind dafür ein Indikator, denn dass jene kleine Gruppe pfeifender Fans sich besonders für die Menschenrechte in der Türkei interessieren, ist wenig naheliegend.

Äußerungen wie Lindners Forderung nach Singen der Nationalhymne sind Öl auf das Feuer von Ressentiments, die bei einem Teil der Fans scheinbar noch immer vorhanden sind. Gerade bei der Nationalmannschaft, die als ein Vorbild für das neue und vielfältige Einwanderungsland Deutschland gilt, hinterlassen diese anhaltenden Pfiffe gegen zwei verdiente Nationalspieler mit Migrationsgeschichte einen mehr als faden Beigeschmack.

Profifußball: Menschenrechte klein geschrieben

Bundeskanzlerin Angela Merkel; Foto: picture-alliance/dpa/NDR
Appell zur Mäßigung und Vernunft: Bundeskanzlerin Angela Merkel betonte wenige Tage vor Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft die sportliche Bedeutung der angefeindeten Nationalspieler Mesut Özil und İlkay Gündoğan für die deutsche Mannschaft. "Wir brauchen die jetzt alle, damit wir gut abschneiden", sagte die Bundeskanzlerin. "Ich glaube, die beiden Spieler haben nicht bedacht, was das Foto mit dem Präsidenten Erdoğan auslöst."

Die Kritik an Özil und Gündoğan wirkt noch aus einem anderen Grund scheinheilig. Während den beiden zu Recht vorgeworfen wird, Erdoğans Menschenrechtsverletzungen zu beschönigen, sind der Weltfußballverband FIFA, die nationalen Verbände und die Vereine in viel größerem Maße genau daran beteiligt. Zwar wird immer wieder die Mär vom angeblich unpolitischen Fußball beschworen. Aber die Weltmeisterschaften ebenso wie der Clubfußball, genauso wie andere sportliche Großereignisse sind nicht nur wirtschaftliche Schwergewichte, sondern haben auch massive politische Implikationen.

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Leserkommentare zum Artikel: Hört auf zu pfeifen!

Nein, die Kritik am Verhalten der Beiden ist auch in der Sache nicht gerechtfertigt. Deutsche und türkische Perspektiven auf Erdogan folgen grundlegend unterschiedlichen Narrativen. Weit über das Lager seiner Anhänger hinaus kann man sich als Deutsch-Türke nicht des Eindrucks erwehren, dass die deutsche Presse und Politik seit Jahren einen regelrechten Propagandakrieg gegen Erdogan führt. Es ist das gute Recht gerade auch der Deutsch-Türken, sich in dieser Frage perspektivisch der deutschen Mehrheitsgesellschaft zu entziehen, ohne sich hierfür einem Rechtfertigungsdiskurs aussetzen zu müssen. Umso mehr, da die Beiden hier ja nicht in ihrer Eigenschaft als Spieler der deutschen Nationalmannschaft aufgetreten sind; ja, das ganze hat sich ja nicht einmal in Deutschland abgespielt. Erdogan - rechtmäßiges Staatsoberhaupt eines NATO-Mitglieds - hat im Rahmenprogramm seines Staatsbesuches in England zwei türkischstämmige Profifußballer auf der Insel getroffen und als Souvenir signierte Trikots der britischen Clubs der Beiden erhalten. Nicht weniger, nicht mehr. Das Treffen fand nicht in Deutschland statt, es waren auch keine DFB-Trikots. Wenn man es ganz genau nimmt, ist an dieser Angelegenheit nicht wirklich viel dran, was Deutschland und die deutsche Mehrheitsgesellschaft betrifft.

Cem Özgönül15.06.2018 | 04:27 Uhr

Dem kann ich in weiten Teilen nur zustimmen. Ich erlebe dieses elend mediale Theater um diese beiden Spieler als Zumutung. Mensch, daß sind Fußballer und keine Agenten der Türkei, der AKP und Erdogans! Kapiert's doch einfach mal und macht nicht so einen Höllenzirkus!

Georg Westerkamp15.06.2018 | 12:28 Uhr

"Diese große Gruppe Deutscher mit migrantischen Wurzeln- mittlerweile sind das fast ein Viertel der Deutschen – hat aber das Recht über ihre eigene Identität zu bestimmen." So weit, so banal, selbstverständlich.

Ich sehe das in Bezug auf die deutsche Nationalmannschaft aber anders.

1. Ein wirkliches Bedauern habe ich nicht bemerkt, wenn, allenfalls wegen des öffentlichen Aufsehens
2. Die Fans sind deswegen enttäuscht, weil sie (die Spieler) trotz des Einsatzes für die deutsche Nationalmannschaft nicht wirklich mit dem Herzen dabei sind.
3. Wer für die deutsche Nationalmannschaft spielt, sollte schon zu uns stehen. Das sehe ich bei den beiden Spielern nicht. Ich hätte beide nicht mit zur WM genommen (auch und selbst dann nicht, wenn es den fünften Stern kosten würde)

Auf Vorwürfe, Herr Erdogan würde bei uns mit Propaganda überzogen, ist ernsthaft keine Antwort möglich. Hier werden nur seine Handlungen, seine Worte gegen Deutschland und seine Wertungen kritisiert. Nicht nur die Faschismusvorwürfe sind hanebüchen. Geiselnahme, Willkürherrschaft, Krieg gegen die Kurden im eigenen Land und Überfall auf Kurden in Syrien zum Beispiel, heimliche Unterstützung des IS mit Waffen, Geld für Öl, Krankenhaus- Versorgung...

Zur Meinungsfreiheit bei uns gehört, das gut zu finden und Herrn Erdogan zuzujubeln. Aber wer das alles so gut findet und bei uns alles kritisiert muss damit rechnen, dass man dieser Person nicht zutraut, zu Deutschland zu stehen, sondern fremde Einstellungen und andere Werte als die unseres Grundgesetzes zu vertreten.
Dass wir uns nicht falsch verstehen: Jede*r darf seinen/ihren Glauben leben, die politische Meinung äußern. Dafür würde ich erforderlichen Falles mit dem Fés, der Kippa, dem Kopftuch oder Palästinenserschal demonstrieren.
Aber eine offizielle Vertretung Deutschlands, sei es im Öffentlichen Dienst oder in unserer Nationalmannschaft (gleich ob Fußball, Basketball oder Leichtathletik...) ist damit nicht vereinbar. Kritik an unserem politischen System, an Schulen, Kitas oder welchem politischen Aspekt in unserem Land, von der mangelnden Integration, Fremdenfeindlichkeit, falscher Asyl- oder Einwanderungsregelungen, an Umweltpolitik oder Arbeitsrecht sind unbenommen. Das ist das gute Recht aller, ob mit oder ohne Migrationshintergrund (bei dem Wort dreht sich mir der Magen um).
Aber, um auf den Ausgangspunkt zurückzukommen: Wer unsere Grundwerte ablehnt oder sich trotz hiesiger Geburt und Staatsbürgerschaft als Ausländer (es geht nicht speziell um die Türkei) versteht, kann uns nicht repräsentieren.
Das ist genau der Eindruck, den die Spieler unseren Fans vermittelt haben, deswegen müssen sie halt auch die Pfiffe erst mal ertragen. Die Debatte kann weder der DFB noch der o.a. Journalist einfach für beendet erklären. Auch nicht mit Verweis auf Fifa, Katar, Russland oder Trump. Geld verdirbt den Charakter. Aber das Niveau der WM Infantinos in den USA mit 48 Teams tue ich mir nicht mehr an...

Helmut M. Oberlander15.06.2018 | 17:09 Uhr