Debatte um Darwinismus in der Türkei
Eine Kreation provoziert

In der Türkei verliert die Chefin einer Wissenschaftszeitschrift ihren Job, weil sie eine Geschichte über Charles Darwin und seine Evolutionstheorie drucken wollte. Einzelheiten aus Istanbul von Kai Strittmatter

Symbolbild Darwin/türkische Fahne; Foto: dpa/DW
Evolutionstheorie unter Beschuss: Der türkische Wissenschafts- und Forschungsrat kippte in seinem Magazin kurzerhand eine Titelgeschichte zum 200. Geburtstag von Charles Darwin.

​​ Dem für Wissenschaft und Forschung zuständigen Staatsminister Mehmet Aydin war die Geschichte sichtlich unangenehm: "Warum sollten wir uns denn über Darwin streiten?", versuchte er die Fragen beiseite zu wischen: "Der Mann ist schließlich lange tot."

Stimmt schon, aber Charles Darwin und seine Theorie der Evolution verstehen es noch aus dem Grab heraus, die Krone der Schöpfung in helle Aufregung zu versetzen.

Diese Woche war die Türkei dran. Die Welt feiert das Darwin-Jahr, da wollte auch das traditionsreiche Magazin "Bilim ve Teknik" (Wissenschaft und Technik) seine Würdigung des britischen Forschers unters Volk bringen.

Eine neue "Darwin-Affäre"

Das ging gründlich schief. Darwin flog aus dem Heft und die Chefredakteurin aus ihrem Job. Jetzt hat die türkische Presse einen weiteren Skandal und die türkische Politik eine weitere hitzige Debatte über den Einfluss der Religion auf die Politik.

Bis zum Anfang dieser Woche galt "Bilim ve Teknik" als einzig ​​ernstzunehmende populärwissenschaftliche Zeitschrift der Türkei. Jetzt, nur ein paar Tage später, schreiben manche Journalisten das Wort "Wissenschaft" nur mehr in Anführungszeichen im Zusammenhang mit dem Magazin.

"Es gibt Tage, an denen man stolz ist auf sein Land, und es gibt Tage, an denen man vor Scham am liebsten in der Erde versinkt", schreibt der Medienwissenschaftler Haluk Sahin in der liberalen Zeitung "Radikal".

Was war passiert? Chefredakteurin Cigdem Atakuman hatte zum Darwin-Jahr 16 Seiten über Charles Darwin und seine bahnbrechenden Forschungen vorbereitet. Heft und Titelbild (der junge Darwin) waren schon fertig, als es in letzter Minute Einspruch gab. Von oben.

Der Presse zufolge kippte Professor Ömer Cebeci, Vizepräsident des Rates für Wissenschaft, Technologie und Forschung ("Tübitak"), die Geschichte. "Tübitak" ist Herausgeber der Zeitschrift.

Darwin flog aus dem Heft, auf den Titel kam eine Geschichte über den Klimawandel, das Märzheft erschien mit einer Woche Verspätung. Chefredakteurin Atakuman wurde mündlich mitgeteilt, sie sei ihres Postens enthoben.

Schnurrbärte im Gesicht oder in den Hirnen

Jetzt hat die Türkei ihren "Darwin-Skandal". Der Verdacht: Die Zensur ist ein Werk von Gegnern der Evolutionstheorie, von "Köpfen, an denen die Evolution spurlos vorübergegangen ist" ("Hürriyet"), von Leuten, "die einen Schnurrbart im Gesicht oder aber in den Hirnen tragen" ("Turkish Daily News").

Das ist eine Anspielung auf die Regierungspartei AKP, deren führende Funktionäre

Hüseyin Celik; Foto: dpa
Neuer Auftrieb für Gegner der Evolutionstheorie: Erziehungsminister Hüseyin Celik bekennt sich heute öffentlich zur Hypothese vom "Intelligenten Design".

​​ fast ausnahmslos den Schnurrbart der frommen anatolischen Muslime tragen.

Zwei Dinge geißeln die Kritiker nun. Erstens den Drang der AKP, sämtliche Institutionen und Ämter des Landes mit ihren eigenen Leuten zu besetzen und dafür qualifizierte Leute auf die Straße zu setzen (einen Drang, den Vorgängerregierungen kaum weniger verspürten).

Der zweite Vorwurf ist der, gegen den die AKP sich seit ihrer Regierungsübernahme 2002 immer wieder verteidigen muss: Die Regierung von Premier Tayyip Erdogan, sagen die Gegner, trage den Islam in die Politik.

Oft ist dieser Vorwurf billige Polemik in einem erbitterten Machtkampf: Die AKP ist den Wurzeln des politischen Islam entwachsen und bekennt sich regelmäßig zum Säkularismus.

Gerne stürzt sich jedoch die misstrauische säkulare Presse auf die frommen Sprüche von AKP-Politikern, noch lieber, wenn sie darin doppelzüngige Bigotterie zu entdecken glaubt, so zuletzt als Finanzminister Kemal Unakitan für eine Operation in die USA flog und seine Frau den Journalisten (Warum kein türkisches Krankenhaus?) beschied, sie habe gebetet, und Gottes Hand habe sie nach Cleveland geleitet.

Kreationismus auf dem Vormarsch

Und immer wieder leisten sich Funktionäre der Partei kapitale politische Ausrutscher, die ihren Gegnern ein gefundenes Fressen sind. Der 2004 gescheiterte Plan, Seitensprünge gesetzlich zu verbieten, war so einer. Und nun die Darwin-Zensur.

Ausgerechnet "Tübitak". Der Rat soll im Regierungsauftrag Forschung und Entwicklung fördern, sein Auftrag ist es, die Türkei zu einer Wissensgesellschaft zu machen. "Die Zensur hat mich nicht überrascht", sagt Namik Kemal Pak, "Tübitak"-Vorsitzender aus Vor-AKP-Zeiten: "Wenn Wissenschaft politisiert wird, passiert so etwas."

​​ Im letzten Sommer hatte die AKP eigens ein Gesetz durchs Parlament gebracht, mit dem sie sich die Kontrolle über "Tübitak" sicherte. Die neue Vorsitzende, der neue Vize, der Darwin kippte: alles AKP-Leute.

Nun sitzen in der Türkei die Gegner der Evolutionstheorie nicht nur in der AKP - in einer Umfrage von 2006 gab nur jeder vierte Türke an, dass er die Evolution für eine Tatsache halte. Schon 1985, als die Generäle dem Volk mit Hilfe der Religion den Kommunismus austreiben wollten, hatte der Kreationismus Eingang gefunden in die Lehrpläne.

Erziehungsminister Hüseyin Celik bekennt sich heute öffentlich zur Hypothese vom "Intelligenten Design". Und der islamische Guru Adnan Oktar alias Harun Yahya wählte sich Istanbul zum Hauptquartier für seinen Feldzug gegen Darwin.

Für Oktar steht fest, dass Darwin schuld ist an Hitler, Stalin und Mao, am Freibeuterkapitalismus wie am PKK-Terror. Oktar ist eine bizarre Gestalt, seine kruden - von amerikanischen Evangelisten abgekupferten - Thesen aber haben Verbreitung gefunden: Seiner Fossilien-Wanderausstellung gegen die Evolutionstheorie begegnet man in den U-Bahn-Stationen Istanbuls.

Hohe AKP-Politiker haben das Vorgehen seitens "Tübitak" mittlerweile verurteilt. Auch der zuständige Staatsminister. Der Rat dürfe nicht zensieren, tadelte Mehmet Aydin:

"Er sollte vielmehr all jenen ein Forum bieten, die der Wissenschaft gedient haben", sagte der Minister mit Blick auf Darwin. Dann fügte er noch einen Halbsatz hinzu: "Wie falsch auch immer sie liegen mögen."

Kai Strittmatter

© Süddeutsche Zeitung 2009

Qantara.de

Gegner der Evolutionstheorie in der Türkei
Herr Oktar und das Internet
Der berüchtigte türkische Kreationist Harun Yahya verschickt seinen "Atlas der Schöpfung", ein Manifest gegen die Evolution, in alle Welt und schreckt inzwischen auch nicht mehr davor zurück, landesweit Webseiten sperren zu lassen. Näheres von Kai Strittmatter aus Istanbul

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In wissenschaftlichen und universitären Kreisen der Türkei werden zunehmend Befürchtungen über einen Schulterschluss der islamistischen Regierung mit der starken Lobby der so genannten Kreationisten laut. Von Dorian Jones

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