Selbstverständlich ist es angebracht, die Präferenz dieser 391 .000 Wähler zu hinterfragen. Es ist wichtig, zu verstehen, wieso diese Menschen, die selbst in einer Demokratie leben, ein System bejahen, das die Demokratie in der Türkei eindeutig zurückschrauben wird. Seien Sie versichert, lieber Leser, das tun auch wir.

In Gesprächen mit Nein-Wählern in der Türkei hört man gerade folgenden Satz diesbezüglich sehr oft: "Die genießen Europa, machen aber uns das Leben zum Gefängnis, indem sie ja zu einem System sagen, das uns noch stärker unterdrücken wird."

Infografik Referendumswähler außerhalb der Türkei; Quelle: DW

Ein deutscher, sehr ums Begreifen bemühter Kollege, beschoss mich gleichsam mit Fragen. Er sagte: "Ich kann vor allem die jungen Leute, die in Deutschland geboren wurden und aufgewachsen sind, nicht verstehen. Wie kann es sein, dass Mitschüler meiner Tochter, die sich kleiden wie sie und bei uns zu Hause ein- und ausgehen, ein Ja befürworten?"

Stark von Nationalismus und Konservatismus geprägt

Wie schön wäre es, wenn im Populismus gefangene Politiker um Verstehen ringen würden, so wie mein Kollege dies tut. Warum zwölf Prozent der Deutschtürken mit Ja gestimmt haben, böte Stoff für einen eigenen Artikel. Hat es mit dem Wahlkampf und mit kurzfristigen politischer Interessen zu tun, dass zu populistischer Rhetorik gegriffen wird, anstatt ein vielschichtiges Ergebnis eingehend zu analysieren? Wollen sich jetzt jene, die aus politischem Kalkül Erdoğan jahrelang nicht kritisierten, die Hände reinwaschen, indem sie Menschen abstrafen, die für ihn gestimmt haben? Wie kann man dazu schweigen, dass man sich mit dem Flüchtlingsdeal erpressen lässt und gleichzeitig zwölf Prozent Ja-Sager zum Anlass nehmen, Millionen von Deutschtürken als Wahlkampfmunition zu missbrauchen? Wollen Sie tatsächlich die Loyalität aller Deutschtürken in Frage stellen, die seit mehr als fünfzig Jahren in Deutschland leben?

Erst vor wenigen Tagen hat Erdoğans Chefberater Yiğit Bulut ganz Europa zur Drohung für Sie gemacht: "Wenn uns der kleinste Schaden entsteht, werden Sie für jede Sekunde danken, da sie atmen." Wollen Sie sich jetzt für diesen Satz schadlos halten, indem Sie sich – ich bemühe jetzt mal ein Klischee – am Doppelpass des Kreuzberger Dönerverkäufers vergreifen?

Seien Sie mir nicht böse, lieber Leser, ich frage ja nur: Hat womöglich auch die Integrationspolitik etwas mit dem Ja der zwölf Prozent zu tun? Und was ist mit der Glasdecke auf dem Arbeitsmarkt und im sozialen Leben, mit der Migranten in Deutschland zu kämpfen haben? Was ist mit der Tatsache, dass die politische Arena nicht allen einen Platz bietet?

Referendumswahlergebnisse in deutschen Städten; Quelle: sabah.com/tr
"Vergessen werden sollte nicht, dass ein Großteil der Deutschtürken seine Wurzeln in zentralanatolischen Regionen hat, die stark von Nationalismus und Konservatismus geprägt sind. Während in den türkischen Küstenregionen und Großstädten das Nein-Lager gewann, sind fast alle Provinzen, aus denen besonders viele Türken nach Deutschland auswanderten, Hochburgen Erdoğans", schreibt Bülent Mumay.

Es wird beanstandet, Deutschtürken kümmerten sich um die Politik in der Türkei und seien Ankara zugewandt. Vielleicht liegt das ja daran, dass man ohne deutschen Pass gar nicht in der deutschen Politik mitreden darf? Meinen Sie nicht, dass die mit den Auftrittsverboten für türkische Politiker eingeleitete Krise zwischen Berlin und Ankara das Ja-Lager in Deutschland befeuert hat? Sollte es völlig unerheblich sein, dass man der fast überall auf der Welt als Terrororganisation eingestuften PKK erlaubte, in Frankfurt zu demonstrieren?

Zentralanatolische Wurzeln vieler Deutschtürken

Vergessen werden sollte nicht, dass ein Großteil der Deutschtürken seine Wurzeln in zentralanatolischen Regionen hat, die stark von Nationalismus und Konservatismus geprägt sind. Während in den türkischen Küstenregionen und Großstädten das Nein-Lager gewann, sind fast alle Provinzen, aus denen besonders viele Türken nach Deutschland auswanderten, Hochburgen Erdoğans. Was wird passieren, wenn 12 Prozent wegen ihrer Stimmabgabe weiterhin angeprangert werden? Werden dadurch nicht auch jene Türken, die nicht ja gesagt haben oder die gar nicht an der Wahl teilnahmen, isoliert?

Letzte Frage: Gibt es denn keinen anderen Weg, als Menschen dazu zwingen zu wollen, sich zwischen zwei Ländern und Pässen zu entscheiden? Das klingt doch sehr nach: "Liebe das Land oder geh!"

Vor zehn Jahren wurde unser Kollege, der armenisch-türkische Journalist Hrant Dink, erschossen. Wir verabschiedeten ihn auf den Straßen von Istanbul mit Transparenten, auf denen stand: "Wir sind alle Armenier". Jene, die an "Liebe das Land oder geh!" glauben, sahen das gar nicht gern. Zu dem Spruch "Wir sind alle Armenier" hatte uns übrigens die deutsche Politik inspiriert. Als deutsche Politiker im Jahr 1993 auf die Straße gingen, um die beim Brandanschlag von Solingen getöteten fünf Türken zu betrauern, stand auf ihren Transparenten: "Wir sind alle Türken." Was ist eigentlich aus diesen Politikern geworden?

Bülent Mumay

© Frankfurter Allgemeine Zeitung 2017

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe

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