Folter im Gefängnis

Ein weiterer entscheidender Hinweis kommt von einer Frau, die Razan Zeitouneh wenige Monate nach der Entführung in einem Gefängnis von Jaish al-Islam gesehen haben will. Das geht aus einer weiteren Tonaufnahme hervor, die der Deutschen Welle vorliegt.

"Einmal haben wir in Tawbeh den Namen Razan Zeitouneh gehört, als sie die Frau zu einem Verhör brachten", gibt sie zu Protokoll. "Weil sie sich wehrte, schlugen sie Razan, und sie verlor das Bewusstsein. Wir sollten sie zurück in die Zelle bringen. Als sie zu sich kam, sah ich ihre grünen Augen. Sie war groß und dünn."

Aktivist Osama Nassar ist im Jahr 2014 bei dem Treffen mit der Augenzeugin dabei. Um ihre Aussage zu überprüfen, zeigt er der Frau ganz unterschiedliche Frauenbilder und bittet sie, Zeitouneh zu identifizieren. Sie habe sich kein einziges Mal geirrt, erinnert er sich. Die Deutsche Welle findet noch einen weiteren Zeugen, der die Menschenrechtsanwältin im Tawbeh-Gefängnis gesehen haben will. Weil er bedroht wird, verzichten wir auf die Dokumentation seiner Aussage.

Jaish al-Islam-Gründer Zahran Alloush (Mitte) wusste wahrscheinlich nichts von der Entführung, als sie stattfand; Foto: Hamza Al Almahi/AA/picture-alliance
Alloushs Ermordung zerstörte die Hoffnungen auf Zeitounehs Freilassung: Vieles deutet darauf hin, dass sein Stellvertreter Abu Qusai al-Dirani die Entführung in Absprache mit dem religiösen Führer der Gruppe, Samir Kaakeh, plante und ohne Alloushs Wissen anordnete – ohne zu wissen, was sie damit auslösen würden. Im Jahr 2015 sucht Alloush deshalb nach einer gesichtswahrenden Lösung, in der er nicht als Lügner oder Kriegsverbrecher dastehen würde. Er ist zum ersten Mal bereit, mit den Freunden von Razan Zeitouneh zu verhandeln. Bevor es jedoch zu konkreten Ergebnissen kommt, wird der Gründer von Jaish al-Islam bei einem Luftangriff getötet.

Ehemalige Häftlinge aber berichtetn von den Zuständen dort: "Die Gefängnisse von Jaish al-Islam sind genauso schlimm wie die des Assad-Regimes. Es ist die gleiche Folter, es sind die gleichen Erniedrigungen – alles das gleiche", sagt Rateb Khbieh. Ihn sperrte die Salafisten-Miliz dreieinhalb Jahre lang ein, weil er sich einer anderen Rebellengruppe angeschlossen hatte. "Die Leute von Jaish al-Islam waren ja früher selber in den Regime-Gefängnissen und wurden dort gefoltert. Und heute machen sie es eben mit ihren Gefangenen genauso."

Aussage gegen Aussage

Die Deutsche Welle konfrontiert Jaish al-Islam im Norden Syriens mit der Recherche. Ihr Sprecher Hamza Bayraqdar streitet alle Vorwürfe ab. In den Gefängnissen werde nicht gefoltert, und mit dem Verschwinden der Aktivisten hätten sie nichts zu tun. "Ich betone noch einmal, was wir schon immer gesagt haben", sagt Bayraqdar: "Jaish al-Islam hat keinen der Aktivisten jemals in seiner Gewalt gehabt. Definitiv – das schwöre ich."

Die Zeugen bezichtigt er der Lüge: "Wer auch immer behauptet, dass Jaish al-Islam für das Verschwinden verantwortlich ist, ergreift nicht nur Partei, sondern beschuldigt uns, um nicht die Wahrheit sagen zu müssen oder um die Täter zu entlarven." Bayraqdar vermutet Dschihadisten oder das Assad-Regime hinter der Tat. Indizien oder Belege für seine Behauptungen liefert er nicht.

Mehrere Quellen berichten der Deutschen Welle, dass vermutlich nur sehr wenige hochrangige Mitglieder von Jaish al-Islam von der Entführung wussten. Selbst der militärische Anführer der Gruppe, Zahran Alloush, erfährt offenbar erst im Nachhinein davon. Vieles deutet darauf hin, dass sein Stellvertreter Abu Qusai al-Dirani die Entführung in Absprache mit dem religiösen Führer der Gruppe, Samir Kaakeh, plante und ohne Alloushs Wissen anordnete - ohne zu wissen, was sie damit auslösen würden.

Lösegeld und gescheiterte Befreiung  

Im Jahr unmittelbar nach der Entführung wird der Druck auf die Rebellengruppe immer größer. Internationale Vermittler schalten sich in den Fall ein, um die Freilassung der vier Aktivisten zu erreichen, darunter die USA und Russland. Das Emirat Katar soll der Führung von Jaish al-Islam sogar fünf Millionen Dollar angeboten haben.

Vor allem bei Jaish-Gründer Zahran Alloush zeigt das offenbar Wirkung: Er strebt eine politische Rolle in einem Nachkriegs-Syrien an, will Ansprechpartner des Westens werden. Doch alle befragen ihn nur zum Schicksal der vier Aktivisten. Im Jahr 2015 sucht Alloush deshalb nach einer gesichtswahrenden Lösung, in der er nicht als Lügner oder Kriegsverbrecher dastehen würde. Er ist zum ersten Mal bereit, mit den Freunden von Razan Zeitouneh zu verhandeln:

 

"Ich habe ihm angeboten, ein Video aufzunehmen, in dem ich die Schuld auf mich nehme und sage, ich hätte wegen finanzieller oder politischer Probleme die Entführung von Razan beauftragt – oder was immer sie als Garantie wollen", erinnert sich der syrische Menschenrechtsanwalt und enge Freund von Zeitouneh, Mazen Darwish.

"Der Vertreter von Jaish al-Islam hat dann gesagt: Selbst wenn du uns dieses Video gibst, kannst du garantieren, dass Razan nicht redet? Damals dachte ich sofort: Oh, Wahnsinn, sie haben sie."

Zahran Alloush willigt in den Plan ein. Doch bevor er umgesetzt werden kann, wird der Gründer von Jaish al-Islam bei einem Luftangriff getötet. Sein Nachfolger fühlt sich nicht an die Abmachung gebunden. Der Deal platzt, das Schicksal der Entführten bleibt weiter im Dunkeln. 

Strafanzeige in Frankreich   

Doch Menschenrechtsanwalt Mazen Darwish recherchiert weiter. Von Paris aus, wo er mittlerweile lebt, sucht er nach Zeugen und Hinweisen, bis er 2019 zusammen mit seiner Kollegin Clémence Bectarte Strafanzeige gegen Jaish al-Islam einreicht. Die französische Justiz untersucht den Fall, hört Zeugen an und hat bereits ein hochrangiges Mitglied der Miliz festgenommen.

Auch wenn noch Monate oder sogar Jahre vergehen könnten, bis die Richter über eine Anklage entscheiden: Es ist es ein erster Versuch, nicht nur das Assad-Regime oder den IS anzuklagen, sondern auch die Verbrechen der bewaffneten Opposition aufzuarbeiten.

"Es ist an der Zeit, laut auszusprechen, dass die syrische Bevölkerung auch unter den Gruppen gelitten hat, die von sich behaupteten, für die Revolution zu kämpfen", betont Anwältin Clémence Bectarte im Gespräch mit der Deutschen Welle. "Auch diese Gruppen haben sich gegen die Bevölkerung gestellt. Und genau davor hat Razan gewarnt und musste deshalb vielleicht sterben. Es ist ihr Vermächtnis, dass wir diesen Kampf weiterführen."

Birgitta Schuelke-Gill, Maria Chehadeh, Lewis Sanders

© Deutsche Welle 2021

Redaktionelle Mitarbeit: Dana Sumlaji und Wafaa Albadry 

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