Bis zum Sommer 2013 verweigert Jaish al-Islam Zeitouneh den Zugang zu ihren Gefängnissen. Als die Anwältin nicht lockerlässt, starten Mitglieder der Salafisten-Miliz eine Schmutzkampagne in den sozialen Medien gegen sie und diskreditieren sie als unmoralisch und als Spionin des Regimes.

Solche Anschuldigungen sind gefährlich in Duma – einer Stadt, in der es keine Rechtssicherheit gibt, sondern nur das Recht des Stärkeren. Doch die Anwältin lässt sich nicht einschüchtern: "Razan war eine der ersten in der syrischen Opposition, die sagte, dass wir den bewaffneten Gruppen keinen Freifahrtschein geben dürfen, selbst wenn sie gegen ein größeres Übel kämpfen", erinnert sich Nadim Houry, Direktor der Organisation Arab Reform Initiative und ein Freund von Zeitouneh.

''Warum entführt ihr sie nicht?''  

Im September 2013 werden die Drohungen immer aggressiver. Unbekannte schießen vor dem Büro der Aktivisten in die Luft. Zeitouneh erhält einen Drohbrief: "Verlasse Duma in drei Tagen oder ich werde dich töten". Fünfmal steht der Satz da.

Syrischen Quellen gelingt es, den Schreiber des Briefes zu identifizieren. In einer Tonaufnahme, die der Deutschen Welle exklusiv vorliegt, beschreibt er, wie ein Mitglied von Jaish al-Islam ihm den Auftrag gab, Razan zu bedrohen:

Google Earth-Screenshot des Sicherheitskomplexes von Jaish al Islam (Quelle: Google Earth)
Sicherheitskomplex der Miliz Jaish al-Islam aus der Perspektive von Google Earth: Eine Zeugin will Razan Zeitouneh wenige Monate nach der Entführung in einem Gefängnis von Jaish al-Islam gesehen und identifiziert haben. "Einmal haben wir in Tawbeh den Namen Razan Zeitouneh gehört, als sie die Frau zu einem Verhör brachten", gibt sie zu Protokoll. "Weil sie sich wehrte, schlugen sie Razan, und sie verlor das Bewusstsein. Wir sollten sie zurück in die Zelle bringen. Als sie zu sich kam, sah ich ihre grünen Augen".

"Er sagte mir, dass dieses Mädchen eine Agentin ist (...) und uns wegen Kriegsverbrechen vor Gericht bringen könnte", erinnert er sich an das Gespräch. "Ich fragte ihn: Wenn sie eine Agentin ist und gegen das Land arbeitet, warum tut ihr dann nichts? Warum entführt ihr sie nicht? Habt ihr Angst vor ihr? Er antwortete mir: Nein, wir haben keine Angst vor ihr, wir werden sie uns holen, aber jetzt bedrohen wir sie erst einmal."

Das Mitglied von Jaish al-Islam, den der Zeuge in seiner Aussage zitiert, heißt Hussein al-Shazly. 2013 ist er Sicherheitsbeamter in Duma und macht nach übereinstimmenden Zeugenaussagen häufig die Drecksarbeit für Jaish al-Islam. Der Auftrag, den Drohbrief zu schreiben, so wird er später vor Zeugen zugeben, kam vom religiösen Führer der Rebellengruppe – Samir Kaakeh. Es wird nicht bei den Drohungen bleiben.

Spurlos verschwunden   

Am späten Abend des 9. Dezembers 2013 dringen mehrere Männer in die Büroräume ein und entführen Razan Zeitouneh, ihren Ehemann Wael Hammadeh, die Aktivistin Samira Khalil und den Anwalt Nazem Hammadi.

Als die Kidnapper zuschlagen, führt Nazem Hammadi gerade ein Skype-Gespräch mit seinem Bruder. Der erinnert sich an lautes Klopfen und plötzliches Geschrei: "Ihr seid Feinde Allahs." Sein Bruder habe noch gerufen: "So geht das nicht, Leute, beruhigt euch mal!" Dann bricht die Leitung ab.

Es gibt wenig gesicherte Informationen darüber, was genau in der Nacht der Entführung vor bald acht Jahren geschah. Nachbarn erinnern sich an schreiende Männer. Medien berichten über Bewaffnete. Ein Zeuge will einen Transporter auf der Straße gesehen haben, ein anderer, wie ein Rebellenführer angeblich am nächsten Tag mit den Aktivisten wegfuhr.

Die Deutsche Welle hat zahlreiche Aussagen untersucht. Viele ließen sich nicht erhärten. Sicher ist nur, dass die Entführer die Telefone und Computer der Aktivisten mitnahmen. Das belegen Fotos vom Tatort. Einen der Computer hatte Razan Zeitouneh durch ein vom US-Außenministerium finanziertes Hilfsprogramm bekommen. Er führt zu einer ersten belastbaren Spur.

Die Tage nach der Entführung seien chaotisch und verstörend gewesen, sagt Osama Nassar. Er ist ein enger Freund und Kollege der Anwältin. Die Deutsche Welle trifft ihn in der Türkei. Er konnte den Kidnappern entkommen, weil er damals Freunde besucht hatte und nicht im Büro war.

Von Jaish al Islam eingesetzte Folterinstrumente in einem Untergrundgefängnis in Duma; Foto: Stringer/AFP
Auf der Suche nach Gerechtigkeit: 2019 wird Strafanzeige gegen Jaish al-Islam in Frankreich eingereicht. Die französische Justiz untersucht den Fall, hört Zeugen an und hat bereits ein hochrangiges Mitglied der Miliz festgenommen. "Es ist an der Zeit, laut auszusprechen, dass die syrische Bevölkerung auch unter den Gruppen gelitten hat, die von sich behaupteten, für die Revolution zu kämpfen", betont Anwältin Clémence Bectarte. "Auch diese Gruppen haben sich gegen die Bevölkerung gewandt".

Nassar erinnert sich: Am Tag nach der Entführung seien alle Rebellenführer vorbeigekommen, bis auf die von Jaish al-Islam. Sie hätten ihn gefragt, wen er im Verdacht habe. Er habe geantwortet: "Euch alle." Ein Fehler, wie er heute glaubt. Keine der Rebellengruppen hätte anschließend ernsthaft versucht, seine Freunde zu finden.

Ein digitaler Hinweis taucht auf

Zwei Monate später gelingt es, den Computer von Razan Zeitouneh aufzuspüren: Einer der Aktivisten informiert den damaligen US-Botschafter in Syrien, Robert Ford, dass der gestiftete Laptop bei der Entführung gestohlen wurde. Die US-Behörden seien daraufhin in der Lage gewesen, den Laptop im berüchtigten Tawbeh-Gefängnis von Jaish al-Islam zu orten. Ein Mitglied der Islamisten-Miliz habe ihn benutzt, um sich in die sozialen Medien einzuloggen. Doch ein Sprecher des US-Außenministeriums will das auf Nachfrage der Deutschen Welle nicht bestätigen.

Osama Nassar reagiert damals sofort: Auf offener Straße konfrontiert er den Gründer und damaligen Anführer von Jaish al-Islam, Zahran Alloush. Der bestreitet erneut jede Beteiligung seiner Gruppe an der Entführung. Doch 24 Stunden nach dieser Konfrontation werden alle Social Media-Konten des Jaish al-Islam-Mitglieds, das über den Lapotop von Zeitouneh im Internet unterwegs war, gelöscht. Seitdem ist der Mann unauffindbar.

Die Redaktion empfiehlt