Das Schicksal von Aktivisten im syrischen Bürgerkrieg
Was geschah mit Razan Zeitouneh?

Die syrische Anwältin Razan Zeitouneh kämpfte für Demokratie und Menschenrechte, bis sie 2013 aus der Stadt Duma in der Nähe von Damaskus spurlos verschwand. In einer aufwendigen investigativen Recherche hat die Deutsche Welle das Verbrechen rekonstruiert und die mutmaßlichen Täter identifiziert. Von Birgitta Schuelke-Gill, Maria Chehadeh und Lewis Sanders

Razan Zeitouneh wusste, wie gefährlich ihre Arbeit war. Aber ihr Traum von einem demokratischen Syrien war größer als ihre Angst. Nach Beginn des syrischen Bürgerkriegs im Jahr 2011 wurde sie schnell zu einer Ikone der Opposition. Zeitounehs Beharrlichkeit beeindruckte viele Menschen. Ihre Furchtlosigkeit machte sie zu einer Gefahr für das Assad-Regime.

Die prominente Anwältin organisierte landesweit Proteste – und sie dokumentierte Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen. Das Besondere ihrer Arbeit: Sie ging allen Fällen nach – egal, ob sie von Assads Truppen oder von der bewaffneten Opposition begangen wurden. Im Dezember 2013 entführten Unbekannte Razan Zeitouneh, ihren Ehemann und zwei Kollegen. Seitdem sind die Aktivisten verschwunden.

Das Investigativ-Team der Deutschen Welle hat den Fall mehrere Monate lang untersucht. Ihre Dokumentation der Vorfälle basiert auf Dutzenden von Interviews mit Kollegen, Rebellenführern, mutmaßlichen Tätern, Augenzeugen und Überläufern. Um sie nicht zu gefährden, veröffentlicht die Deutsche Welle die Identitäten nicht und verzichtet auch auf die Nennung zahlreicher Details, die Rückschlüsse auf ihre Identität geben könnten.

Dennoch erlauben die Aussagen eine Rekonstruktion der Ereignisse. Und sie belegen, dass die friedlichen Aktivisten nicht nur vom Assad-Regime verfolgt wurden, sondern auch von einer Gruppe aus der bewaffneten Opposition.

Feindseliger Empfang in Duma 

Die Spurensuche beginnt im Frühjahr 2013: Razan Zeitouneh befindet sich seit Monaten auf der Flucht vor den Schergen des Assad-Regimes. Die 36-Jährige taucht schließlich in Duma unter – einer Stadt in der Nähe von Damaskus, die damals unter der Kontrolle der bewaffneten Opposition steht. Von hier aus will sie ihre Arbeit für Demokratie und Menschenrechte fortsetzen.

Jaish al Islam-Kämpfer in Duma, Syrien; Foto: AFP
Aus Freunden wurden Feinde: Obwohl sich Jaish al Islam (dt. Armee des Islam) als hilfreich erwies, um Razan Zeitouneh und ihren Mann nach Duma zu schmuggeln, war die Gruppe schließlich nicht mehr damit einverstanden, wie sie sich dort verhielt. Mitglieder der Salafisten-Miliz starteten eine Schmutzkampagne in den sozialen Medien gegen sie, diskreditierten sie als unmoralisch und als eine Spionin des Regimes. Alles deutet darauf hin, dass Zeitouneh und ihre Kollegen von der gleichen Gruppe entführt und festgehalten wurden.

Duma ist zu diesem Zeitpunkt von verschiedenen konkurrierenden Milizen besetzt: lokalen Rebellen, Islamisten, aber auch Dschihadisten des IS und der Al-Kaida-nahen Nusra-Front. Sie alle kämpfen in unterschiedlichen Koalitionen gegen das Assad-Regime – aber immer wieder auch gegeneinander.

In dieser unübersichtlichen Situation baut Zeitouneh zusammen mit ihren Kollegen ein neues Büro auf. Die Aktivisten wollen die Zivilgesellschaft stärken, setzen sich für Frauenrechte, Demokratie und eine zivile Gerichtsbarkeit ein. Schon bald erbittet die Anwältin Zugang zu den Gefängnissen der bewaffneten Opposition. Ehemalige Häftlinge haben ihr von Gewalt und Folter berichtet. Dem will sie nachgehen.

Dominanz von Jaish al-Islam

Ihre Recherchen stoßen auf Widerstand, vor allem bei einer Gruppe, der ultrakonservativen Salafisten-Miliz Jaish al-Islam, arabisch für "Armee des Islam", die schon bald in Duma dominieren wird. Ihre Anführer sind zwar mehr als einverstanden damit, dass Razan Zeitouneh die Gräueltaten der Assad-Truppen dokumentiert, sobald es aber um ihre eigenen Verbrechen geht, reagieren sie feindselig. Zeitouneh bekommt erste versteckte Warnungen.

Die Miliz bestätigt der Deutschen Welle die direkten Kontakte mit Zeitouneh. "Ich habe Frau Razan (damals) persönlich mitgeteilt, dass es ethisch geboten ist, über das Assad-Regime zu schreiben", erinnert sich ein ehemals hochrangiges Mitglied von Jaish al-Islam, Mohammed Alloush: "Doch was die Rebellengruppen betrifft, habe ich sie gebeten, erst mit ihnen zu sprechen und sie über Menschenrechtsthemen aufzuklären, bevor sie ihre Verstöße dokumentiert."

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