Die armenischen Dörfer am Musadağ

Die Geschichte der christlichen und armenischen Besiedlung dieses Landstriches ist auch eine Geschichte der Urchristen, wovon noch heute die vier Kirchen in Samandağ zeugen. Doch die Geschichte der armenischen Dörfer am Musadağ geht mit dem Jahr 1915 fast vollständig zu Ende: In dem Jahr nahm die Vertreibung der armenischen Bevölkerung Anatoliens ihren grausamen Anfang.

So finden wir am Fuße des Musadağ nur noch wenige Erinnerungen vor. In Hıdırbey, dem Nachbardorf von Vakıflı, kommen heute die Besucher zum jahrhundertealten heiligen Mosesbaum. Einige restaurierte Gebäude lassen ein Stück armenische Geschichte erahnen.

Weiter oben liegt das Dorf Yoğunoluk, das in Werfels Roman ausführlich beschrieben wird. Auf den Fundamenten einer ehemaligen armenischen Kirche steht heute eine kleine Moschee. Das nächste Dorf Batıayaz beeindruckt mit einem unvollendeten, dreischiffigen Kirchenbau. Denn als die geflohenen Armenier nach dem Ende des Ersten Weltkrieges in ihre Dörfer zurückkehrten – die Region Hatay unterstand bis 1939 zusammen mit dem heutigen Syrien dem französischen Protektorat – sollte dieser Sakralbau für einen Neufanfang stehen. Doch als 1939 die Provinz in die türkische Republik eingegliedert wurde, kehrte das Misstrauen zurück. Die meisten Armenier wanderten in den Libanon oder nach Syrien aus.

armenisches Denkmal "Vapur" (Schiff) auf dem Mosesberg; Foto: Jochen Menzel/transfers-film
Auf dem Plateau des "Mosesbergs“ erinnert ein Denkmal, im Volksmund "Vapur“, Schiff, genannt, an die Rettung von rund 4000 Armeniern im September 1915. Die Bewohner von sechs armenischen Dörfern hatten sich hierher zurückgezogen und eine selbstgenähte Rotkreuzflagge mit der Aufschrift "Christen in Not“ gehisst. Sie wurden vom französischen Kriegsschiff Guichen entdeckt und ins sichere ägyptische Port Said gebracht. Das steinerne Denkmal in Form eines Schiffs erinnert an die dramatischen Ereignisse.

Das Denkmal "Vapur“ auf dem Hochplateau

Das Plateau des 1355 Meter hohen Berges Musadağh ist ein Ort armenischer Identität und Hauptschauplatz von Franz Werfels Roman "Die vierzig Tage des Musa Dagh“. Hierher zogen sich die Bewohner von sechs armenischen Dörfern zurück, um sich gemeinsam der Deportation durch die osmanische Armee zu entziehen. Hier oben hissten sie im September 1915, weit auf dem Meer sichtbar, eine riesige, selbstgenähte Rotkreuzfahne mit der Aufschrift "Christen in Not“. Sie wurde vom französischen Kriegsschiff Guichen entdeckt und zusammen mit vier weiteren Kriegsschiffen gelang einige Tage später die Evakuierung von rund 4000 Armeniern ins ägyptische Port Said. Die dramatischen Ereignisse sind auch im Bericht des deutschen Theologen und Orientalisten Johannes Lepsius aus dem Jahr 1916 nachzulesen.

Heute erreichen wir dieses Hochplateau nach einem mehrstündigen Aufstieg. Wir stoßen auf ein Denkmal, im Volksmund "Vapur“, Schiff genannt, das an die Evakuierung erinnert. Unbearbeitete Steine in der Form eines Schiffes, zwei Meter  breit, vier bis fünf Meter lang, die 1932 anlässlich des 17. Jahrestages der Vertreibung von armenischen Rückkehrern aufeinandergeschichtet wurden. Am westlichen Rand des Plateaus, das steil zum Meer hin abfällt, blicken wir auf einen Dunst verhangenen Horizont, an dem ein großes Schiff kreuzt. Es könnte ein russisches sein, das nach Latakia oder zum Flottenstützpunkt im syrischen Tartus unterwegs ist.

Ausflügler wollen Kirche und Museum sehen

Zurück zum Dorf Vakıflı. Das Wochenende steht bevor und die wenigen Restaurants der Umgebung bereiten sich auf Gäste vor. Denn das Interesse an Vakıflı und seiner armenischen Geschichte wächst. Ausflügler wollen die kleine Kirche sehen, den Friedhof, oder sie stehen vor dem noch geschlossenen Museum. Auf ihren Gesichtern liegt eine fragende Neugier, ein zaghafter Optimismus. Ob noch Zeitzeugen anzutreffen sind oder deren Nachkommen?

Ein Teil dieser hoffnungsvoll stimmenden Entwicklung ist das kleine, auf seine Eröffnung wartende Museum. Es kann daher als Signal dafür gelesen werden, dass auch unter erschwerten Bedingungen ein gesellschaftlicher Diskurs möglich ist. Menschen wollen sich vor Ort ein Bild von Anatoliens Geschichte machen, die auch maßgeblich von seiner großen und bedeutenden armenischen Gemeinde geprägt wurde.

Jochen Menzel

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Franz Werfel, "Die vierzig Tage des Musa Dagh", Fischer Verlag 2011

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