Museum in Vakifli Köy; Foto: Jochen Menzel/filmtransfers
Das Schicksal der Armenier

Vakifli: Das letzte armenische Dorf in der Türkei

Der 150-Einwohner-Ort Vakifli in der südtürkischen Provinz Hatay nahe der syrischen Grenze ist das letzte noch existierende armenische Dorf in der Türkei. Aber das Interesse an dem Ort und der Geschichte der Armenier wächst. Eine Reportage von Jochen Menzel

Im Juni 1992 war der Taxifahrer aus der Stadt Samandağ, dem antiken Seleukia, erstaunt, als wir ihn bitten, uns den Musadağ hinauf zu fahren. Wir waren auf der Suche nach dem "Mosesberg“, den Franz Werfel in seinem berühmten Armenier-Roman "Die vierzig Tage des Musa Dagh“ beschrieben hatte.

Weit kamen wir nicht, bald endete die Straße an einem Feld. Aber nachdem wir von Armeniern sprachen, schien unser Fahrer zu verstehen, was uns interessierte. So brachte er uns in das kleine Dorf Vakıflı, oder Vakıflı Köy, wie sein Name auf Türkisch lautet. Schon am Kirchlein mit seinem Glockenturm aus Stahlgestänge und den alten Gräbern des kleinen Friedhofs war zu erkennen: Wir waren im einzigen noch existierenden armenischen Dorf der Türkei angekommen.

Wir hielten vor einem zweistöckigen Steinhaus an, das wohl einmal die Schule und der Mittelpunkt des Dorfes gewesen war. Männer und Frauen saßen hier zusammen und luden uns zu einem Mokka ein. Bevor wir weiterfuhren, mussten wir von den Pflaumen probieren, den Yeşil Erik, die viele Hände vom Baum gepflückt hatten.

Gottesdienst in der Kirche der Heiligen Mutter Gottes

Viele Jahre später. Es ist Sonntag, der 1. März, zehn Uhr. Glocken rufen zum Gottesdienst in der Kirche der Heiligen Mutter Gottes, armenisch Surp Asdvadzadzin,  der hier alle 14 Tage abgehalten wird. Das Kirchlein mit seinen zwei kleinen Türmen zeigt sich heute in einem rundum erneuerten Kleid. Zwischen 1994 und 1997 wurde es von der Dorfgemeinschaft mit Unterstützung des armenischen Patriarchats in Istanbul und der türkischen Regierung restauriert. Davor ein kleiner gepflasterter Platz mit Bäumen. Die Außenmauer schmücken zwei Katschkars, typisch armenische Gedächtnissteine mit einem Reliefkreuz in der Mitte. Das Innere der Kirche, ein modern gestalteter Raum mit Altar, ist wegen der Karwoche mit einem Vorhang verhüllt. Der Pfarrer ist wie immer aus der nahen Hafenstadt Iskenderun herübergekommen, wo er eine kleine armenische Gemeinde betreut.

Lavashbrot nach dem Gottesdienst in Vakfili Köy; Foto: Jochen Menzel/transfer films
Traditionelles Lavashbrot nach dem Gottesdienst in der Kirche der Heiligen Mutter Gottes. Nach einer fast zweistündigen, singend vorgetragenen Liturgie geht es nach Draußen. "Das Kirchlein mit seinen zwei kleinen Türmen zeigt sich heute in einem rundum erneuerten Kleid,“ schreibt Jochen Menzel in seiner Reportage. "Zwischen 1994 und 1997 wurde es von der Dorfgemeinschaft mit Unterstützung des armenischen Patriarchats in Istanbul und der türkischen Regierung restauriert.“ Der Pfarrer sei aus der nahen Hafenstadt Iskenderun herübergekommen, wo er eine kleine armenische Gemeinde betreut.

Heute wird es eng, denn diesmal ist der Gottesdienst dem Andenken eines vor 40 Tagen verstorbenen Gemeindemitgliedes gewidmet. Nach einer fast zweistündigen, singend vorgetragenen Liturgie geht es nach Draußen. Am Ausgang wird gesegnetes Lavashbrot in kleinen Stücken verteilt. Durch ein kunstvolles schmiedeeisernes Tor folgen wir dem Geistlichen auf den Friedhof zur Andacht.

Wie auch unter Muslimen gebräuchlich, gehört zum Andenken an den Verstorbenen das gemeinsame Essen, das Verteilen von Speisen. So endet diesmal der Gottesdienst mit einem gemeinsamen Mal, das in dem neuen Gemeindesaal neben der Kirche eingenommen wird.

Ein Dorf und seine Verwandlung

Nicht nur die Kirche hat ihr Aussehen verändert. Auch das Dorf, das vielleicht noch 150 Einwohner zählt, hat sich erneuert. Das alte Schulgebäude wurde mit zwei weiteren Gebäuden zu einer Pension umgebaut. Ein Museum über die Geschichte der armenischen Dörfer am Musadağ wurde mit Unterstützung des türkischen Kultusministeriums und des armenischen Patriarchats im Untergeschoss des Gemeindezentrums eingerichtet. Ein armenischer Verein präsentiert darin mit wissenschaftlich-diplomatischer Vorsicht seine Exponate, Bilder und Texte. Doch leider wartet es pandemiebedingt immer noch auf seine Eröffnung.

Am alten Platz vor der ehemaligen Schule hat eine Frauenkooperative eine Verkaufsstelle für Handarbeiten, Marmeladen, Wein und Gewürze aufgebaut: Aus dem kargen Verkaufserlös müssen die Frauen ihre Versorgung sichern, aber auch die Ausgaben für den Pfarrer aus Iskenderun bestreiten. Etwas unterhalb an der Straße, dort wo der Kleinbus nach Samandağ hält, gibt es einen Teegarten, einen Ort für ein Frühstück und kleinen Imbiss.

Friedhof in Vakifli Köy; Foto: Jochen Menzel/transfers-film
Auf dem Friedhof von Vakifli Köy. Während des Ersten Weltkriegs wurden im Osmanischen Reich bis zu 1,5 Millionen Armenier ermordet. Osmanische Truppen trieben die Menschen in den Jahren 1915 und 1916 zu Hunderttausenden auf endlosen Hungermärschen in die syrische Wüste, Tausende wurde hingerichtet. Die türkische Regierung weigert sich bis heute, von einem Völkermord zu sprechen. Sie räumt bislang lediglich ein, es habe Massenvertreibungen gegeben.

In den Sommermonaten kehrt mit Festen und Hochzeiten für einige Wochen Leben zurück in die dörfliche Stille. Menschen, die hier ihr Vorfahren hatten, wollen Herkunft und Heimat spüren, ihre Kinder taufen lassen, den Ehesegen nach armenischem Ritus empfangen. Doch auch Sorgen gehören zum Alltag: Jugendliche wandern ab, sie träumen von Ausbildung, Arbeit und Zukunft in Europa, Amerika oder nur in Istanbul. Zurück bleiben die Alten.

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