Um welche Probleme geht es dabei?

Grosbard: In letzter Zeit geht es viel um aufsässige Kinder. Mit den Umbrüchen in der arabischen Welt rebellieren viele Jugendliche gegen ihre Eltern. Sie sagen, ihre Eltern seien altmodisch, rückständig und würden überhaupt nichts verstehen. Als klinischer Psychologe bin ich da in einem Konflikt. Denn einerseits sollten junge Menschen ja rebellieren und dadurch unabhängig von ihren Eltern werden. Aber ihre Eltern kommen aus einer traditionellen Gesellschaft, in der man immer den Eltern gehorchen soll. Ich suche daher nach einem Vers im Koran, der in dieser Situation passt…

Der Koran empfiehlt jungen Menschen ja nicht gerade, unabhängig von ihren Eltern zu werden.

Grosbard: Das stimmt zwar, aber ich suche Verse heraus, die sich irgendwo dazwischen bewegen. Verse, die besagen, dass Eltern ihre Kinder respektieren sollen. Denn dann muss man ihnen zuhören, um zu erfahren, was sie denken. So etwa geht meine Konversation mit Eltern und Lehrern. Dieser Dialog ist sehr wichtig, denn das Gespräch kann viele Konflikte beruhigen. Wir sollten darauf hören, was unsere Kinder uns sagen wollen. Kulturelle Prägungen können das rigide ablehnen, der Koran tut es nicht. Das heilige Buch der Muslime ist hier flexibler und das kann sehr hilfreich sein.

Trotzdem gibt es doch unterschiedliche Auffassungen zwischen moderner Psychologie und den religiösen Lehren.

Grosbard: Die Kultur ist immer stärker. Das habe ich auf die harte Tour lernen müssen. Als junger Psychologe hatte ich einige arabische Patienten, darunter eine verheiratete Frau, die mit ihrer Schwiegermutter unter einem Dach leben musste. Diese machte das Leben der jungen Frau sehr schwer. Also fragte ich sie, warum sie überhaupt auf Ihre Schwiegermutter hören würde und ermutigte sie, unabhängiger zu werden. Das führte aber zu zahlreichen Problemen in der Familie und machte alles nur noch schlimmer. Also lernte ich, die Kultur zu respektieren.

Ich persönlich finde es wichtig, unabhängig zu sein, aber ich versuche einen Mittelweg zu gehen. Der Koran sagt, wir sollen einander respektieren. Ich versuche also, rigide Vorstellungen etwas abzuschwächen und wenn mir das in 10, 20 oder 30 Prozent der Fälle gelingt, dann ist das viel. Ich werde niemanden zur westlichen Kultur bekehren, denn das ist ohnehin aussichtslos.

Das Gespräch führte Claudia Mende.

© Qantara.de 2020

Ofer Grosbard, geboren 1954 in Israel, stammt aus einer deutsch-litauischen, jüdischen Familie. Er ist klinischer Psychologe und Psychoanalytiker sowie Autor mehrerer Bücher, darunter "Israel auf der Couch" (2001) und "Lizenz zum Wahnsinn" (2003). Grosbard lebt in Haifa.

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