Das Projekt "Quranet"

Der Koran als Erziehungsratgeber

Auf Anregung seiner arabischen Studenten macht der israelische Psychologe Ofer Grosbard mit seinem Projekt "Quranet" Texte aus dem Koran für Erziehungsprobleme in Schule und Familie nutzbar. Mehr als zehn Jahre nach dem Beginn des Projekts findet es auch in der arabischen Welt Beachtung. Von Claudia Mende

Herr Grosbard, wie kann man Quranet nutzen?

Ofer Grosbard: Stellen Sie sich vor, wie sich zwei Kinder in der Schule prügeln. Der Lehrer versucht alles Mögliche, damit sie aufhören, aber ohne Erfolg. Dann zitiert er einen Vers aus dem Koran etwa mit dem Inhalt "Du sollst Deinen Freund respektieren". Arabische Lehrer sagen mir, dass ihnen das hilft, Konflikte zu entschärfen.

Verse aus dem Koran können sehr kraftvoll sein. Sie fordern dazu auf, Verantwortung zu übernehmen, die Wahrheit zu sagen oder andere zu respektieren. Kinder glauben intensiv an das, was im Koran steht, so dass ein einziger Vers eine Situation positiv verändern kann. Wir reden hier von einer Gesellschaft, in der Sie mit den Methoden der westlichen Psychologie nicht viel ausrichten können. Man kann Schülern, die sich prügeln, nicht sagen, vielleicht wurdest du zutiefst beleidigt, rede darüber, was in dir vorgeht.

Ist Quranet also ein Werkzeug, um mit Konflikten in Familien und Schulen umzugehen?

Grosbard: Eine traditionelle arabische Gesellschaft ist nicht auf westliche psychologische Methoden vorbereitet. Sie ist mehr auf Orientierungshilfen von außen angelegt als auf Introspektion und das Besprechen psychologischer Prozesse. Deshalb können Aussagen aus dem Koran über gegenseitigen Respekt und Verständnis füreinander hier wichtige Hilfestellungen geben.

Ofer Grosbard; Foto: privat
Ofer Grosbard: "Bei den meisten Arabern in Israel kommt Quranet gut an. Zum Beispiel bei den Beduinen im Süden Israels, die sehr religiös sind und immer noch ein traditionelles Leben führen. Sie haben mich mal zu einem Vortrag eingeladen und sagten: Sie werden es vielleicht nicht glauben, aber Sie sind so etwas wie eine Berühmtheit bei uns."

In der arabischen Gesellschaft ist der Koran eine wichtige Ressource, aber Eltern verwenden ihn häufig nicht bei alltäglichen Erziehungsproblemen. Auf der anderen Seite verfügen sie aber auch nicht über Instrumente aus der westlichen Psychologie. Das führt dann dazu, dass sie bei Konflikten häufig ratlos dastehen. Wenn Quranet ihnen dann die passenden Texte für ihr Problem aus dem Koran an die Hand gibt, kann das für sie hilfreich sein.

Kann Quranet dabei helfen, familiäre Gewalt zu vermeiden?

Grosbard: Ohne Zweifel. Viele Verse im Koran betonen, wie wichtig es ist, seine Kinder zu respektieren. Nicht nur sollen Kinder ihre Eltern respektieren, sondern umgekehrt auch Eltern ihre Kinder. Es gibt zahlreiche Verse dazu.

Auf der anderen Seite fordert der Koran zum Beispiel Frauen nicht dazu auf, sich vollständig zu verhüllen, etwa mit einer Burka. Es ist nicht der Koran, der so etwas verlangt, sondern in manchen Regionen die Kultur. Kultur ist häufig viel strenger und problematischer als die Religion.

So sind zum Beispiel Ehrenmorde mit Sicherheit nicht im Sinne des Koran. Mit Quranet kann man Menschen sagen, dass ein Ehrenmord gegen die Werte des Islam verstößt. Es gibt noch andere Beispiele. Man kann im Quranet-Buch oder auf der Website nachschauen und einen passenden Vers für den Umgang mit einem Problem finden. Jeder kann Quranet verwenden und so wurde es zu einem sehr wirkungsvollen Instrument.

In den Anfängen von Quranet gab es einige Widerstände von Teilen der muslimischen Bevölkerung, etwas zu nutzen, das ein Jude erfunden hat. Ist das inzwischen überwunden?

Grosbard: Das ist eine gute Frage. Nach meiner Erfahrung haben sich Menschen in Israel in gewisser Weise an Quranet gewöhnt. Viele Kritiker lehnten das Projekt am Anfang ab, obwohl sie es überhaupt nicht kannten. Sie sagten, wenn das ein Jude geschrieben hat, dann müssen wir es noch nicht einmal lesen. Aber wer es dann trotzdem gelesen hat, sah ja, dass es einem guten Zweck dient und auch von bekannten Scheichs und Gelehrten in der islamischen Welt unterstützt wird.

Heute bekomme ich Mails aus der ganzen arabischen Welt. Viele schreiben mir, dass Quranet eine tolle Sache ist. Okay, ein Jude hat das geschrieben, wir hätten ja auch selbst diese Idee haben können, aber trotzdem ist es eine gute Sache. Langsam wächst die Akzeptanz. Bei den Rückmeldungen im Internet zur arabischen Übersetzung gibt es unter sechs bis sieben Kommentaren mindestens einen, der moniert, dass Quranet von einem Juden erfunden wurde. Andere fragen, ob ich zum Islam konvertieren will…

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