Das persische "Trio Chemirani"

Ein universeller Klangteppich

In der modernen westlichen Musiktradition besteht die Aufgabe des Perkussionisten vor allem in der Begleitung anderer Instrumente oder des Sängers. Nur selten spielen die Musiker selbst eine tragende Rolle. Auf "Dawar", der jüngsten CD des "Trio Chemirani", wird diese gängige Praxis jedoch auf den Kopf gestellt. Von Richard Marcus

Auf der aktuellen CD des "Trio Chemirani" werden wir dazu eingeladen, in eine Welt des Rhythmus einzutauchen. Doch damit nicht genug: Als Vertreter der klassischen persischen Musik erweitert das Trio um Jamschid Chemirani und seine beiden Söhne Keyvan und Bijan den musikalischen Horizont, indem es Klänge und Emotionen unterschiedlichster kultureller Traditionen der Welt auf überzeugende Weise zu integrieren versteht. Hierbei entsteht etwas, das seinen Nachhall nicht nur im Körper findet, sondern auch im Geist.

Auch wenn Jamschid Chemirani in klassischer persischer Musik ausgebildet wurde, so hat er sich doch nie ausschließlich auf dieses Genre beschränkt. Bereits im Jahr 1985 arbeitete er mit dem berühmten britischen Regisseur Peter Brook an dessen Produktion der "Mahabharata", des indischen Epos vom Leben der Götter.

Chemiranis Söhne wurden, so zeigte sich, nicht nur von der Musik ihres Vaters beeinflusst, sondern auch von seiner Neugier auf andere musikalische Ausdrucksformen, was sie schließlich dazu veranlasste, sich intensiver mit fremden musikalischen Traditionen zu befassen. Dabei interessierten sie sich aber nicht ausschließlich für die Musik, sondern studierten außerdem Sprachen und erforschten, in welcher Weise sich kulturelle Sprachmuster auf Musik auswirken können, wenn unterschiedliche Musiker zusammenarbeiten.

Albumcover „Dawar“ des Trio Chemirani; Foto: Harmonia Mundi
Das "Trio Chemirani" verzichtet bewusst auf moderne Techniken wie "Overdubbing", was die Qualität der Musik umso direkter und schöner macht, meint Richard Marcus.

Was bei "Dawar" zusammenfließt, sind die Studien der Söhne und die musikalische Tradition des Vaters. Während die Instrumente Zarb (oder Tombak), eine traditionelle hölzerne Bechertrommel, von allen drei Musikern gespielt wird, spielt der jüngere der beiden Brüder auch die Daf, eine persische Rahmentrommel. Gelegentlich wird die Perkussion noch angereichert durch einen von Keyvan gespielten persischen Santur, ein Instrument, das mit Holzschlägeln gespielt wird und mit dem europäischen Hackbrett verwandt ist, sowie durch seinen Bruder Bijan, wenn er die Saz (oder Baglama) spielt, ein viersaitiges Instrument mit langem Hals.

Wie ein kunstvoll gewebter Teppich

Auf vier der insgesamt 18 Songs der CD, dem titelgebenden Eröffnungssong "Dawar", "To Bandegui", "Yade Saman" und "Arezoust", rezitiert Djamchid Auszüge aus Texten zweier berühmter Sufis, einem Dichter und einem Mystiker. Während der letztere Auszug vom Mystiker Rumi stammt, gehen die Zitate auf den ersten drei Songs auf den berühmten persischen Dichter Hafis zurück. Obwohl die Rezitationen in Farsi vorgetragen werden, erschließen sich die Botschaften einem der Sprache nicht vertrauten Zuhörer ebenso wie einem, der sie fließend beherrscht – hierfür sorgt allein schon der Klang der Stimme in Kombination mit der Musik.

Und genau darum geht es dem Trio auch mit ihrer Musik: Es kreiert einen universellen Rhythmus, der sich in eine universelle Sprache übertragen lässt. Auch wenn jeder Hörer seinen eigenen Geschmack und eigene Vorlieben haben mag, so wird doch jeder in der Musik etwas für sich entdecken.

Wenn man diesen drei Männern beim Musizieren zuhört, ist man unweigerlich fasziniert von der Klangvielfalt und vom Reichtum an Emotionen, die sie mit so wenigen und einfachen Instrumenten zu transportieren in der Lage sind. Jedes Lied ist wie ein kunstvoll gestalteter Teppich, gewebt aus rhythmischen Mustern, mit denen ein Bild voller Schönheit erschaffen wird.

Kaleidoskop von Texturen

Der aufmerksame Zuhörer ist gar geneigt, den Musikern beim Erschaffen dieses Bildes zusehen zu können: Einer der drei bildet die rhythmische Grundlage, die von den anderen beiden mit immer neuen Mustern und Klängen bereichert wird. Das Ergebnis ist ein intensives Kaleidoskop von Texturen.

So natürlich, wie sich jeder Song des Trios entwickelt, so verstärkt sich nach und nach die Intensität – und das vor allem bei den instrumentalen Stücken. Es gibt Musiker, die sich über die Wirkung, die ihre Musik auf den Zuhörer haben kann, nicht viele Gedanken machen; bei ihnen steigert sich die Intensität dann nicht selten bis sie zu dem Punkt, an dem sie abstumpft. Die Chemiranis jedoch sind viel sensibler im Umgang mit raschen Rhythmusfolgen, sie wissen sehr genau um die Wirkung, die ihre Kompositionen auf ihre Zuhörer haben können.

Auch wenn das Spiel der Saz – genau wie der Santur – einen vor allem rhythmischen Klangcharakter aufweist, so verändern sie doch die Atmosphäre ausreichend, um uns von den immer rascheren Sequenzen zurückzuholen.

Die Qualität der Musik, die vom Trio Chemirani auf ihrem aktuellen Album „Dawar“ dargeboten wird, ist umso unglaublicher, wenn man sich vor Augen hält, dass sie nur von drei Musikern stammt, die bewusst auf moderne Techniken wie "Overdubbing" verzichteten. Wenn sich dem Zuhörer die Vielseitigkeit ihres Spiels mehr und mehr erschließt, nimmt automatisch auch die Begeisterung für die technische Meisterleistung dieses Trio zu: Was an der Musik vor allem imponiert sind diese sechs Hände, die mit solch einfachen Handtrommeln und simplen Saiteninstrumenten solch harmonische und hochkomplexe Klangwelten erzeugen.

Richard Marcus

© Qantara.de 2015

Übersetzt aus dem Englischen von Daniel Kiecol

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