Das neue Selbstbewusstsein der Schia

Ein schiitischer "Krisenbogen" in Nahost

Der Nahost- und Islamexperte Arnold Hottinger beschreibt, wie der politische Machteinfluss der Schia in jüngster Vergangenheit durch die anhaltenden Konflikte im Irak und im Libanon weiter zugenommen hat.

Ein Anhänger des schiitischen Predigers Muktada al-Sadr auf einer Demonstration im Irak
Im Irak ist der politische Machteinfluss schiitischer Gruppen, wie der des schiitischen Predigers al-Sadr, stetig gewachsen

​​Weltweit gesehen gibt es unter den rund 1,3 Milliarden Muslimen zwischen 10 und 15 Prozent Schiiten. Doch wenn man die Kernländer des Islam – vom Libanon bis nach Pakistan – zugrunde legt, befinden sich in diesem Raum fast gleich viele Schiiten wie Sunniten.

Im Iran sind die Schiiten seit dem Beginn der Safawidendynastie im 16. Jahrhundert "Staatsvolk". Sie stellen dort mehr als 80 Prozent der Bevölkerung.

Doch in der arabischen Welt sind sie bis heute nirgends Staatsvolk gewesen – weder in jenen Staaten, in denen sie die größte der Religionsgemeinschaften repräsentieren, wie in Bahrain (70 Prozent), dem Irak (rund 60 Prozent), noch dort, wo sie eine mehr oder weniger bedeutende Minderheit bilden, wie im Libanon (rund 40 Prozent), Kuwait (30 Prozent), Afghanistan (15 bis 20 Prozent), Pakistan (15 bis 20 Prozent), Syrien (10 Prozent), Saudi-Arabien (5 Prozent).

Der Begriff "Staatsvolk" bezeichnet im Nahen Osten das Volk oder die Religionsgemeinschaft, die die Regierungsspitze im zivilen wie im militärischen Bereich stellt, meist auch unter den Geheimdiensten und Sicherheitskräften, und in vielen Fällen große Teile der staatlichen Bürokratie und der reicheren Oberschichten mit einschließt.

Diejenigen, die diesem Staatsvolk nicht angehören, werden auch "Minoritäten" genannt. Zwar können sie gleichfalls in die einflussreiche Oberschicht aufsteigen, doch müssen sie dieses Ziel in der Regel ohne staatliche Förderung erreichen. Politische Führungspositionen nehmen sie nur selten ein. Im Zusammenhang der Konfessionen lassen sich die Schiiten überall in der arabischen Welt den "Minoritäten" zuordnen, ein Stellenwert, den sie in vielen Fällen bis heute einnehmen.

Emanzipationsbestrebungen der Schia

Allerdings haben die arabischen Schiiten seit der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts versucht, sich aus ihrer Minderheitsposition zu befreien und in ihren Nationalstaaten den gleichen rechtlichen Status zu erkämpfen – und das nicht nur per Gesetz, sondern auch in wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und politischer Hinsicht. Dabei haben sie allerhand Rückschläge erlitten oder sogar – wie im Irak, in Bahrain und in Saudi-Arabien – blutige Repressionen erfahren müssen.

Sayyid Musa as-Sadr, der 1951 aus Qom nach Tyros gekommen war, gründete in den 70er Jahren die erste schiitische Selbsthilfe-Organisation, aus der später die Amal-Bewegung hervorging. Imam Musa selbst verschwand 1978 auf einem Besuch in Libyen. Wahrscheinlich fiel er den Schergen der Geheimdienste Ghaddafis zum Opfer. Im Irak gründete Ayatollah Muhammad Baqr as-Sadr bereits 1958 die Da’wa-Partei, um die dortigen Schiiten sozial und politisch zu unterstützen.

Auf diese ersten Emanzipationsbewegungen, die durchaus politischer, aber nicht revolutionärer Natur waren, konnte der iranische "Revolutionsexport" in den 80er Jahren nach Chomeinis Machtergreifung aufbauen. Dabei kamen Kriege und Repressionskampagnen im libanesischen und irakischen Raum den Iranern zu Hilfe.

Der Aufstieg der Hisbollah

Der Süden des Libanon wurde von den israelischen Streitkräften von 1978 bis 2000 besetzt, zudem herrschte dort zwischen 1975 und 1990 Bürgerkrieg. Die von Iran seit 1982 forcierte Förderung des radikalen Flügels der Schiiten mit Waffen, militärischen Ausbildern und Geld führte schließlich zur Spaltung der Amal-Bewegung und später zur Bildung der Hisbollah, die sich aus mehreren schiitischen Gruppen zusammensetzte.

Die Amal erhielt damals Unterstützung von Syrien. Ihre Miliz wurde zu einer wichtigen Kraft im libanesischen Bürgerkrieg, welche die Syrer in ihrem Interesse einsetzten. Die von Iran und Syrien geförderte Hisbollah setzte von Beginn an neben ihrer islamistischen Befreiungsrhetorik auf soziale Hilfe und Integration weiter Kreise verarmter Schiiten.

Der Krieg mit Israel trug auch wesentlich dazu bei, dass viele der früher ländlichen Schiiten des Südens nach Beirut flohen und dort über die Jahre zum städtischen Proletariat in den südlichen Vorstädten wurden.

Unter Waffen

Nach dem Ende des Bürgerkrieges entwaffneten die Syrer ohne Schwierigkeiten die von ihnen unterstützten Amal-Milizen. Doch den von Iran geförderten Hisbollahkämpfern beließen sie ihre Waffen mit dem Auftrag, weiter gegen die im Südlibanon stationierten israelischen Streitkräfte zu kämpfen.

Schiitische Hisbollahanhänge während des Aschura Festes; Foto: AP
Die Hisbollah ist die einzige libanesische Miliz, die nach dem Ende des Bürgerkrieges nicht entwaffnet wurde.

​​So konnte die Hisbollah ihre Kämpfer weiter mobilisieren und aufbauen. Nach dem israelischen Abzug im Jahr 2000 blieb der Streit wegen der Shebaa-Farmen an der Grenze ein Vorwand für die Hisbollah, den Kampf gegen Israel fortzusetzen.

Auch von der sozialen und innenpolitischen Lage konnte die Hisbollah profitieren und ihre Rivalen von der Amal weitgehend ausschalten. Die Partei baute ein karitatives Netz auf, das auf die selbstlose, ehrenamtliche Arbeit vieler ziviler Mitarbeiter setzte. Außerdem übte sie in den schiitischen Landesteilen und Stadtquartieren, die über Moscheen und Husseiniyas als lokale Zentren verfügten, eine diskrete, aber tief greifende soziale Kontrolle aus.

Der verhältnismäßig erfolgreiche Widerstand der Hisbollah-Kämpfer gegen die israelische Armee im Libanon hat die Partei heute im Zedernstaat sogar unter Nicht-Schiiten sehr populär gemacht.

Die mobilisierende Kraft der Gewalt im Irak

Auch im Irak waren es Krieg und Gewalt, welche die radikalen, revolutionären und pro-iranischen Tendenzen förderten. Die Da'wa-Partei wurde nach der endgültigen Machtergreifung Saddam Husseins 1978 massiv verfolgt, ihr Gründer - Ayatollah Baqr as-Sadr - 1980 ermordet. Die Partei konnte jedoch ihre Untergrundzellen bis zum Sturz Saddam Husseins im Verlauf des Irakkrieges aufrechterhalten.

Andere schiitische Gruppen wurden aus dem Irak in den Iran vertrieben oder suchten dort Zuflucht. Ein Sprössling der ebenfalls von Saddam Hussein verfolgten Familie al-Hakim, Ayatollah Muhammad Baqr al-Hakim, fasste sie schließlich 1982 unter dem Namen SCIRI ("Supreme Committee of the Iranian Revolution in Iraq") zusammen und bildete eine Miliz ("al-Badr"), die im Iran-Irakkrieg auf iranischer Seite kämpfte.

Nach dem Sturz Saddam Husseins kehrte al-Hakim in den Irak zurück, wurde jedoch am 29. August 2003 in Nadschaf ermordet. Die Partei und die Miliz, nun unter der Führung Hodschatolislam Abdul Aziz al-Hakims, die noch immer stark von der iranischen Führung abhängig sind, bilden neben der Da'wa-Partei einen der Hauptakteure der schiitischen Koalition. Den Badr-Milizen wird vorgeworfen, sie hätten das Innenministerium infiltriert und bildeten dort schiitische Todesschwadrone, die regelmäßig gegen die Sunniten vorgingen.

Eine neue islamische Revolution?

So ist es dem Iran gelungen, sich als Schutzherr wichtiger politischer Kräfte in der arabischen Welt zu etablieren. Kann die Führung in Teheran auf diesem Weg zur Vormacht im nahöstlichen Raum aufsteigen? Die Zerstörungen der politischen und sozialen Strukturen im Irak und im Libanon durch amerikanische bzw. israelische Militärschläge fördern mit Gewissheit eine solche Entwicklung.

Manche Beobachter sprechen schon heute von einem "schiitischen Krisenbogen", der die arabische Welt bedrohe. Wenn US-Amerikaner und Israelis an dieser Politik in der arabischen Welt festhalten und dabei auch noch – wie angedroht – Syrien und Iran in den Konflikt miteinbeziehen, könnte ein solcher Krisenbogen tatsächlich zu einer sich selbst erfüllenden Voraussage werden.

Arnold Hottinger

© Qantara.de 2006

Arnold Hottinger war langjähriger Korrespondent der "Neuen Zürcher Zeitung" im Nahen Osten und hat zahlreiche Bücher über den Islam und die arabische Welt publiziert.

Qantara.de

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