Das Morgenland Festival Osnabrück

Kreatives Musiklabor

Das Morgenland Festival Osnabrück setzt neue Standards in der Begegnung zwischen West und Ost. Schwerpunkt in diesem Jahr war die Musik der Uiguren, der muslimischen Minderheit in China. Stefan Buchen war vor Ort.

Alim und Fargan Qasimov mit Nader Mashayekhi; Foto: Morgenland Festival
"Die Proben waren noch interessanter als die Konzerte", meint der iranische Komponist Nader Mashayekhi (links).

​​ Die stehenden Ovationen in der ausverkauften Stadthalle von Osnabrück hielten lange an. So reagiert ein Publikum, das an etwas spürbar Besonderem teilgenommen und etwas lange Nachhallendes aufgesogen hat.

Das Abschlusskonzert des Morgenland Festivals, bei dem in verschiedenen Kombinationen das Osnabrücker Symphonieorchester und die NDR-Bigband mit Instrumental- und Gesangssolisten aus Syrien und der westchinesischen Provinz Singkiang aufgetreten sind, war ein Reigen von Uraufführungen mit hohem musikalischen Anspruch.

In dieser scheinbar wenig dazu prädestinierten Provinzstadt mitten in Deutschland passiert im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts, was im Mittelalter in Andalusien und in Italien geschah: Kulturell Neues wird geboren aus der Begegnung zwischen Ost und West.

"Entscheidend ist, nicht alles auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu bringen. Man muss die Dinge nebeneinander stehen lassen", beschreibt Michael Dreyer, künstlerischer Leiter des Festivals, das Prinzip, nach dem er deutsche und orientalische Musiker aufeinander treffen lässt.

Wenn der syrisch-armenische Sänger Ibrahim Keivo oder der syrische Neysolist Moslem Rahal mit Symphonieorchester und Bigband kommunizieren, entstehen im wahrsten Sinne unerhörte Harmonien, die deshalb komplex sind, weil die unterschiedlichen Musiktraditionen im Konzert klar erkennbar bleiben. Insofern erfindet das Morgenland Festival den Begriff der kulturellen Verschmelzung neu.

Ost-westliche Mentalitätsannäherung

"Wir sind hier im Musiklabor", verrät Michael Dreyer ein weiteres Geheimnis des Erfolges. Die wenigen Tage, in denen die deutschen und die orientalischen Musiker die Werke einstudieren, haben es in sich.

Orchester aus Teheran; Foto: Morgenland Festival
Musikalischer Dialog in Osnabrück: Orchesteraustausch zwischen Teheran und Deutschland.

​​ Orchester, die nur nach Noten spielen, müssen plötzlich Solisten begleiten, die improvisieren, ihre orale Tradition schätzen und ohne Noten auskommen. "Die Proben waren noch interessanter als die Konzerte", meint deshalb der iranische Komponist Nader Mashayekhi, der mehrere in Osnabrück aufgeführte Werke geschrieben bzw. arrangiert hat. "Da findet eine Mentalitätsannäherung statt."

"Wenn Ibrahim Keivo singt, klingt es jedes Mal ein bisschen anders, auch wenn er selbst behauptet, dass es immer gleich klingt", beschreibt Dreyer den kreativen Prozess der Konzertproben. "Und daran müssen sich die deutschen Orchestermusiker erst gewöhnen." Wesentlich für das Gelingen sei der Respekt vor dem musikalischen Können des jeweils Anderen gewesen, resümiert Dreyer.

"Bei Keivo, so fremd er auch klingen mag, war die Reaktion klar: das ist kein Fake, keine Show, das ist echte Musik. Wir können von dieser Art zu musizieren eine Menge lernen."

Und was Keivo von den Osnabrücker Symphonikern und der NDR-Bigband hält, konnte man während des tosenden Applauses sehen, als er den deutschen Dirigenten sichtlich begeistert um den Hals fiel und sie beinah erdrückt hätte.

Spontane Ausflüge in die chinesische Provinz

Die ständige Suche nach dem Anspruchsvollen, dem Interessanten, egal ob traditionell, modern oder avantgardistisch, ist eine weitere Komponente in der Erfolgsrezeptur von Michael Dreyer, der das Morgenland Festival auf keinen Fall als ein "Event für Weltmusik" verstanden wissen will.

Ibrahim Keivo; Foto: Morgenland Festival
Der syrisch-armenische Sänger Ibrahim Keivo trat mit dem Osnabrücker Symphonieorchester und der NDR-Bigband gemeinsam auf.

​​ Am besten lässt sich das anhand des diesjährigen Schwerpunktes nachvollziehen. Diesen bildeten uigurische Musiker und Tänzer aus der geografisch abgelegenen, politisch isolierten und von der Zentralregierung in Peking unterdrückten westchinesischen Provinz Singkiang.

Von der Rockband "Qetiq" hatte dem unermüdlich recherchierenden Dreyer eine in Paris lebende uigurische Musikwissenschaftlerin berichtet. Prompt flog er in die Provinzmetropole Ürümci, wo die Band beinah allabendlich vor ein paar Dutzend Zuhörern in einer Bar auftritt.

"Diese Bar war der musikalische Horizont von Qetiq", erzählt Dreyer. "Die sind nie woanders aufgetreten und waren noch nie im Ausland." Von Leadsänger Perhat und seiner Band war der künstlerische Leiter des Morgenland Festivals sofort elektrisiert. Ihr Auftritt in Osnabrück wäre beinahe daran gescheitert, dass die deutsche Botschaft in Peking den Musikern kein Visum erteilen wollte, mangels regelmäßigem Einkommen.

"Es ist niedlich zu glauben, dass uigurische Rockmusiker in China ein geregeltes Einkommen nachweisen können", kommentiert Dreyer, der das Problem löste, indem er für vier Musiker mit seinem Privatvermögen bürgte.

Es hat sich gelohnt: der Auftritt von Qetiq, begleitet von Einlagen des syrischen Klarinettisten Kinan Azmeh, war ein Höhepunkt des Festivals. Und auch hier wieder das Prinzip: gängige Akkorde des Genres überlagern sich mit Improvisationen auf dem Saiteninstrument Do-Tar, unglaublichen Soli in Kehlkopf-Obertönen des zweiten, erst 19 Jahre alten Gitarristen Ershat und dem ausdrucksstarken, gekonnten Gesang des charismatischen, bisweilen am ganzen Körper vibrierenden Perhat.

Kultur als politische Botschaft

Das Morgenland Festival ist in erster Linie ein kulturell-künstlerisches Abenteuer. Dreyer möchte es nicht künstlich politisieren, sucht nicht den Skandal, auch um den Preis einer geringeren Publizität.

​​ Und dennoch: angesichts der Verhältnisse in vielen Ländern des Orients kann man dem Festival nicht ernsthaft die politische Bedeutung absprechen. Auch das macht der diesjährige Schwerpunkt "uigurische Musik" deutlich.

Vor einem Jahr wurde die westchinesische Provinz von schweren Unruhen erschüttert, die in der westlichen Öffentlichkeit ein seltenes Schlaglicht auf die Lage der unterdrückten uigurischen Minderheit warfen. In Osnabrück vermieden die uigurischen Gäste jede direkte kritische Äußerung gegen den chinesischen Staat.

Die politische Botschaft liegt, ähnlich wie beim Konzert der Teheraner Symphoniker vor vier Jahren, im schieren Zustandekommen des Auftritts vor großem Publikum: sehet und höret – es gibt uns! Allein damit wird die politische und kulturelle Selbstdarstellung autoritärer Staaten wie China und Iran in Frage gestellt.

Orientbilder und -konzepte

Dreyer, der eine musikwissenschaftliche und keine orientkundliche Bildung hat und sich seine Vertrautheit mit der Region bei zahllosen Reisen während der vergangenen Jahre erarbeitete, will zeigen, dass es jenseits von Krieg und Unterdrückung "in diesen Ländern lebendige Zivilgesellschaften gibt, die in den westlichen Medien leider fast nicht vorkommen. Seit Jahrhunderten kultivieren wir im Westen unsere Orientbilder. Heute tun das in erster Linie die Massenmedien. Ich lege Wert darauf, kein bestimmtes Bild vom Orient zu präsentieren."

Beim Wort "Orient" schluckt er, weil er es vor dem Hintergrund der von Edward Said angestoßenen Orientalismusdebatte nicht so gern verwendet. Akzeptabel sei es deshalb, weil die Künstler vor Ort ihm gegenüber häufig selbst von "oriental music" sprächen.

Nader Mashayekhi; Foto: Morgenland Festival
Der iranische Komponist Nader Mashayekhi schrieb und arrangierte mehrere der Werke, die in Osnabrück aufgeführt wurden.

​​ Der Missverständlichkeit und der Konnotation der Begriffe ist sich der Mann aus Osnabrück sehr bewusst: "Ich habe mir immer den Kopf darüber zerbrochen, wie ich was nenne." Was das Festival konzeptuell im Innern zusammenhalte, sei die gemeinsame musikalische Tradition von Ägypten und der Levante bis nach Singkiang.

Weit von sich weist Dreyer Begriffe wie "die Musik des Islam", weil die musikalische Tradition in der Region kaum an die islamische Religion gekoppelt ist.

Im Jahr 6 des Morgenland Festivals darf man von einem "Geist von Osnabrück" sprechen. Die Interaktion zwischen Publikum und Künstlern, zwischen westlichen und östlichen Musikern haben eine ganz eigene Atmosphäre geschaffen, die angesichts vieler steriler, häufig "von oben" oktroyierter Versuche, "den Dialog mit dem Islam" zu führen, einen erfrischenden Kontrapunkt setzt.

Das Musikereignis zeigt, dass solche Versuche dann gelingen können, wenn der Dialog in den kulturellen Realitäten vor Ort wurzelt und gemeinsamen Idealen folgt und nicht von vornherein als simples, in seiner Ausrichtung beschränktes politisches Instrument oder gar als Alibi gedacht ist im Kampf gegen den "islamistischen Terrorismus".

Betrüben könnte die Tatsache, dass trotz des glänzenden Ergebnisses der Widerhall des Morgenland Festivals in den Medien dieses Jahr gering gewesen ist.

"Wenn Du willst, dass die Presse kommt, musst Du Frauen aus dem Iran einladen, ihnen den Hijab aufsetzen und eine Geige in die Hand drücken. Dann wollen 90 Journalisten eine Akkreditierung", sagt Michael Dreyer schalkhaft in Anspielung auf die große Presseresonanz, die die Einladung der Teheraner Symphoniker nach Osnabrück im Jahre 2006 hervorgerufen hatte.

"Wenn man auf so was verzichtet, dann kommt die Presse nicht. Das ist mir inzwischen aber auch egal." Für Dreyer zählt, dass das Festival bei den Musikschaffenden, in der Fachwelt und beim Publikum längst eine Institution geworden ist.

Stefan Buchen

© Qantara.de 2010

Redaktion: Lewis Gropp/Qantara.de

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