Mehr als 1.400 jemenitische Kinder wurden 2019 getötet oder verstümmelt. Auch hier gehen die meisten Opfer dem UN-Bericht zufolge auf das Konto der Huthis. Sie töteten 395 und verstümmelten 1.052 Kinder. An zweiter Stelle steht die Internationale Koalition: Auf ihr Konto gehen insgesamt 222 getötete oder verstümmelte Kinder. Die jemenitische Armee hingegen verantwortet den Tod oder die Verstümmelung von 96 Kindern. Weitere Kinder starben durch Bodenkämpfe, Landminen und andere Explosivkörper, durch Luftangriffe und Bomben. 

Angriffe auf Schulen und Krankenhäuser

Es scheint, als würden Kinder teils bewusst angegriffen. Zumindest wird ihr Tod billigend in Kauf genommen. Dies legt der Umstand nahe, dass der UN-Bericht insgesamt 35 Angriffe auf Schulen und Krankenhäuser verzeichnet. Auch hier gehen die meisten Angriffe (15) auf das Konto der Huthis. Die Internationale Koalition wird in dem Bericht für vier Angriffe verantwortlich gemacht.

Allerdings erschöpfe sich das Leid der Kinder nicht in unmittelbarer Gewalt, sagt Yousra Semmache von "Save the children" im DW-Interview. "Über 12 Millionen Kinder im Jemen benötigen humanitäre Hilfe. Viele von ihnen wurden vertrieben und leiden an akuter Unterernährung. Zudem sind ihnen Ausbildung wie auch der Zugang zu grundlegenden Gesundheitsdiensten derzeit nicht zugänglich." Dadurch seien die Zukunftschancen der Kinder stark eingeschränkt. "Außerdem leiden viele an vermeidbaren Krankheiten wie Cholera und Diphtherie. Seitdem nun auch noch die COVID-19-Pandemie das Land und seine medizinischen Einrichtungen unter Druck setzt, haben Kinder noch weniger Zugang zu grundlegenden Gesundheitsdiensten", so Semmache.

Die von Saudi-Arabien angeführte Internationale Koalition hat auf die UN-Dokumentation ebenso reagiert, wie auf Guterres' Entscheidung, sie von der Schwarzen Liste zu nehmen. Sie begrüße diesen Schritt, hieß es in einem Statement. Zugleich aber fordert sie die UN auf, die Zahl der in dem Report erwähnten 222 getöteten Minderjährigen zu belegen.

Kritik an Guterres' Entscheidung

Dass UN-Generalsekretär Guterres das Saudi-Bündnis von der Schwarzen Liste gestrichen hat, sorgt derweil bei Menschenrechtlern für Unverständnis. Guterres ignoriere die eigenen Beweise der UN für anhaltend schwere Verstöße gegen Kinder, erklärt etwa die Menschenrechtsorganisation "Human Rights Watch".

Auch die Beobachtungsliste für Kinder und bewaffnete Konflikte ("Watchlist on Children and Armed Conflict") übt Kritik: "Dadurch, dass er die von Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten geführte Koalition von jeder Verantwortung für das Töten und Verstümmeln von Kindern im Jemen freispricht, hat der UN-Generalsekretär dafür gesorgt, dass Kinder für weitere Angriffe anfällig bleiben."

Die Gesandte des Generalsekretärs für Kinder und bewaffnete Konflikte, Virginia Gamba, beteuert hingegen, die UN hätten das Königreich "ohne Druck" aus der Liste genommen. Der Beschluss beruhe allein auf den Daten.

"Nichts als Tod und Zerstörung"

"Save the Children" ist derzeit in elf Gouvernements im Jemen aktiv. Der Schwerpunkt der Arbeit liegt auf Gesundheit, Ernährung und dem Schutz von Kindern. Insgesamt habe man bislang vier Millionen Kinder unterstützt, so Yousra Semmache. Dennoch kann auch "Save the children" die Kinder nicht vor desaströsen und traumatischen Erfahrungen bewahren, denen sie wegen Krieg, Krankheit und Armut fast täglich ausgesetzt sind. "Ein Kind, das im Jemen aufwächst", so Semmache, "kennt nichts anderes als Tod und Zerstörung".

Kersten Knipp & Lewis Sanders

© Deutsche Welle 2020

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