Ein anderer Ort, der unter der allgemeinen Verwahrlosung leidet, ist Tal Um Amer, auch St. Hilarion genannt. St. Hilarion ist geprägt von fünf aufeinanderfolgenden Kirchenbauten, Bädern und Sanktuarien sowie geometrischen Mosaiken und einer weitläufigen Krypta. Dieses christliche Kloster war eines der größten im Nahen Osten. Das hielt Einheimische nicht davon ab, das Gelände immer wieder als Müllhalde zu missbrauchen.

Darüber hinaus wurden Privatgrundstücke rund um das Gelände dem Erdboden gleichgemacht, um neue private Wohnungen und Gebäude zu errichten. Dabei sind mit hoher Wahrscheinlichkeit weitere historische und antike Denkmäler zerstört worden, denn die Entfernung zwischen St. Hilarion und den Neubauten ist sehr gering.

Im Jahr 2016 wurde während Bauarbeiten eine byzantinische Kirche auf dem Gelände entdeckt. Zu den Funden gehörten Teile von Marmorsäulen mit verzierten korinthischen Kapitellen sowie ein Grundstein mit einem griechischen Symbol für Christus. 15 Objekte wurden ausgegraben und achtlos neben der Straße abgelegt. Weitere Ausgrabungen fanden nicht statt. Archäologen wurden nicht hinzugezogen. Die Kirche und ihre Geschichte wurden einfach entsorgt, während Geld in die Kassen der De-facto-Regierung von Gaza floss.

Inkompetenz oder kalkuliertes kriminelles Verhalten?

Im Jahr 2013 planierte der militärische Flügel der Hamas einen Teil des alten Hafens von Anthedon im Norden Gazas. Die Geschichte des Hafens reicht über 3.000 Jahre zurück bis in die mykenische Zeit. Der Hafen gilt nicht nur als ältester Hafen in Gaza, sondern auch als einer der wichtigsten Orte im Nahen Osten.

Im Jahr 2012 erklärte die UNESCO den Hafen zum Weltkulturerbe. Seinerzeit führte die De-facto-Polizei der Hamas eine Hausdurchsuchung bei einem Palästinenser durch, der 75 Umschläge mit alten Manuskripten und Antiquitäten geraubt hatte. Informelle Quellen behaupten jedoch, die Hamas-Polizei habe das Haus lediglich mit der Absicht durchsucht, die Antiquitäten an sich zu nehmen. Die Manuskripte und die Antiquitäten sind seither verschwunden.

Im Jahr 2015, als Arbeiter im Shuja’iyya-Viertel von Gaza-Stadt Rohre verlegten, entdeckten sie Hunderte von alten Gold- und Silbermünzen in Tongefäßen. Die Gefäße wurden daraufhin von der Polizei beschlagnahmt. Die Polizei sammelte zudem alle antiken Münzen ein, die sich im Besitz der Bewohner des Viertels befanden. Niemand kann bisher sagen, wo Münzen und Gefäße geblieben sind.

Dass sich diese Liste beliebig fortsetzen ließe, macht deutlich, wie rücksichtslos die Hamas und ihre De-facto-Regierung mit Antiquitäten und historischen Stätten umgehen. Und es stellt sich die Frage, was mit den Funden aus vielen Ausgrabungen geschehen ist: Münzen, Manuskripten und anderen Materialien. Sind sie immer noch in Gaza oder wurden sie von Angehörigen der Hamas-Regierung oder anderen einflussreichen Personen verkauft und außer Landes gebracht?

Ziviles Engagement, das Kraft erfordert

Dennoch gibt es Hoffnung im besetzten Gazastreifen. Während die israelische Armee und ihre Kollaborateure Antiquitäten aus dem Gazastreifen stehlen, nehmen andere Gazaer den Schutz ihres Erbes in die eigene Hand. So gibt es Menschen, die ihr Leben der Geschichte und den Antiquitäten widmen. Nafez Abed aus dem Lager Shati ist einer von ihnen. Seine Präzision und Professionalität beim Kopieren und Restaurieren alter Artefakte hat er während seiner Zeit in israelischen Gefängnissen perfektioniert.

Waleed Al-Aqqda, aus dem Süden von Gaza, sammelte rund 5.000 Antiquitäten aus der Bronze-, Stein-, römischen und byzantinischen Zeit sowie der Moderne. Marwan Shahwan aus Khanyouis verwandelte seinen Keller in ein archäologisches Museum, das mehr als 10.000 Objekte umfasst, die er während der israelischen Besetzung des Gazastreifens sammelte.

Was wir derzeit im Gazastreifen beobachten, verdeutlicht die Rolle der Sozialen Medien: Sie verbinden Menschen, die im erzwungenen oder freiwilligen Exil leben, mit den Menschen vor Ort in Gaza, die konsequent für den Schutz ihres Erbes einstehen. Sie mögen die politischen Spaltungen nicht überwunden haben, aber sie bewahren ihre Geschichte und ihre Antiquitäten immer wieder vor den politischen Raubzügen der Hamas.

Ihre Anstrengungen müssen formalisiert und durch Rechtsinstrumente zur Bestrafung und Belohnung gestärkt werden. Die jungen Menschen in Gaza sind die wahren Kämpfer, da sie ihr Erbe und ihre Gesellschaft vor dem Extremismus schützen. Eine Nation, die ihr historisches Erbe und ihre Antiquitäten nicht schützt, billigt in verantwortungsloser Weise die Auslöschung ihrer Geschichte und zerstört damit auch ihren eigenen Anspruch auf das Land.

Abdalhadi Alijla

© Open Democracy 2018

Aus dem Englischen von Peter Lammers

Abdalhadi Alijla ist ein palästinensisch-schwedischer Wissenschaftler und geschäftsführender Direktor des "Institute of Middle Eastern Studies Canada" (IMESC).

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