Das kulturelle Vermächtnis des Gazastreifens

Das schwindende Erbe der Palästinenser

Die Hamas billigt nicht nur die rücksichtslose Bebauung antiker historischer Stätten, sondern mischt auch beim Verschwinden unzähliger archäologischer Funde mit. Jetzt kämpfen Gaza-Aktivisten, Archäologen und Historiker für den Schutz des noch verbliebenen palästinensischen Erbes. Von Abdalhadi Alijla

An einem Sommertag, als ich erstmals die weiterführende Schule in Gaza besuchte, erzählte mir mein Vater eine Geschichte. Als Israel den ägyptischen Sinai besetzte, brachten sie einen riesigen Bohrturm mit Hunderten von Steinen mit, auf denen sich alte hebräische Schriftzeichen befanden. Sie vergruben sie heimlich in der Wüste. "Das taten sie, damit kommende Generationen die Steine finden und behaupten können, dieses Land gehöre Israel", erklärte er.

Als Teenager habe ich ihm kaum zugehört. Auch wenn ich die Geschichte meines Vaters nicht verifizieren konnte, so habe ich doch mündliche Hinweise von Sicherheitsbeamten im Gazastreifen, die von 1994 bis 2007 in diesem Bereich tätig waren. Sie berichten, Israel habe in Zusammenarbeit mit den Palästinensern Antiquitäten im Gazastreifen beschlagnahmt und gestohlen.

Ich habe gesehen, wie die Taliban die Buddha-Statuen von Bamiyan zerstörten, ich habe die Zeit miterlebt, als der IS Palmyra zerstörte, ich habe die Plünderung und Zerstörung der irakischen Antiquitäten gesehen und vor dem Ischtar-Tor in Berlin geweint. Doch ich hätte nie damit gerechnet, dass ausgerechnet Palästinenser eine der frühesten kanaanitischen Städte auslöschen.

Schichten antiker Zivilisation

Die ersten dokumentierten menschlichen Siedlungen im Gazastreifen wurden vor 6.000 Jahren errichtet. Dieser Teil der Welt durchlebte die Eisen-, Bronze-, Stein-, römische, byzantinische, islamische und osmanische Zeit sowie die Moderne. Er musste ständige Angriffe erdulden, die auf seine Antiquitäten und sein materielles Erbe abzielten.

Diese Angriffe beschränken sich durchaus nicht auf die israelische Besatzung, die eine systematische Kampagne einleitete, mit der der Gazastreifen um sein Erbe gebracht werden sollte. So stahl Mosche Dajan als Befehlshaber der israelischen Armee Hunderte von Antiquitäten aus dem Gazastreifen und dem Sinai. Archäologen verurteilten Dajans unethisches und kriminelles Verhalten, was schließlich eine diplomatische Krise zwischen Ägypten und Israel auslöste.

Im Jahr 2015 konnte die Saada-Stiftung im Libanon nach langer Vorarbeit Dutzende von palästinensischen Antiquitäten, die Mosche Dajan an Freunde in Europa und Nordamerika verschenkt hatte, aufkaufen und in den Nahen Osten zurückbringen.

Doch die israelischen Behörden sind mitnichten die einzigen, die an der Zerstörung, der Verschleppung und der Veruntreuung des palästinensischen Erbes mitwirken.

Die Hamas knüpft dort an, wo die Israelis aufgehört haben

Kürzlich zerstörten die Hamas-Regierung und ihre Vertreter das 4.500 Jahre alte Tal al-Sakan. Tal al-Sakan ist nur eines von vielen Beispielen für gefährdete palästinensische archäologische Stätten.

Im Jahr 2015 und als Folge der Finanzkrise der Hamas beschloss die De-facto-Regierung in Gaza-Stadt, ihre Mitarbeiter mit Grundstücken zu entlohnen. Das betreffende Land befand sich in öffentlicher Hand. Dieser Schritt, die eigenen Parteigänger mit Land zu versorgen, ist Ausdruck des Fehlverhaltens und der Vetternwirtschaft der Herrscher im Gazastreifen.

Hochrangige Mitarbeiter waren vor allem erpicht auf Grundstücke in einem Vorort im Süden des Gazastreifens, der als Erweiterung der Stadt Gaza gilt. Dort, in "Neu-Gaza", haben vier große Hochschulen neue Standorte errichtet. Entsprechend teuer sind in dieser Gegend die Grundstücke.

Das zugesprochene Gebiet war Tal Al Sakan, eine der ältesten Stätten in Gaza. Palästinensische, französische und schwedische Archäologen entdeckten den Ort 1998. Man geht davon aus, dass es sich um eine seltene 4.500 Jahre alte bronzezeitliche Siedlung handelt, aus der später eine kanaanitische Stadt entstand, die die Verbindungslinien zwischen dem alten Ägypten und der Levante erklären könnte.

Sieg der Aktivisten

Trotz heftiger Proteste von Aktivisten, Archäologen und Historikern im Gazastreifen rollten die Planierraupen weiter, bis schließlich Dutzende von Menschen vor Ort auf die Straße gingen. Der Tourismusminister der Palästinensischen Autonomiebehörde stellte sich hinter die Demonstranten. Für eine Weile sah es fast so aus, als sei die nationale Aussöhnung zwischen Hamas und Fatah in Gefahr.

Hochrangige Mitarbeiter der Hamas taten alles, um die Aktivisten einzuschüchtern. Die Wut der Jugend in Gaza ist ein Indikator für die wachsende Kluft zwischen der Lehre der Hamas und den Werten dieser neuen Generation von Aktivisten. Das einwöchige Patt im Oktober 2017 war ein Sieg für die Geschichte über die Ignoranz.

Doch Tal al-Sakan ist kein Einzelfall. Dem Ort Tal Al-Ajjul erging es nicht besser. Hier befand sich eine 4.200 Jahre alte Stadt. Sie war eine Erweiterung des Handelshafens, der 1.200 vor Christus Asien mit Afrika verband. Nach Tal Al-Sakan soll dies die zweitälteste kanaanitische Stadt sein. Der Name Tal al-Ajjul leitet sich von der Symbolik des goldenen Kalbes ab.

1933 entdeckte der britische Archäologe William Matthew Flinders Petrie dort Goldschmuck, Ziergegenstände, Prachtbauten und Ställe. Nachdem der schwedische Archäologe Peter Fischer die Eigentümergemeinschaft des Grundstücks um eine Grabungserlaubnis gebeten hatte, zerstörten die Eigentümer die Stätte. Die Familie befürchtete, die Regierung in Gaza würde ihnen das Land wegnehmen.

In die eigene Tasche wirtschaften

Im Jahr 2013 tauchte im Gazastreifen wie durch ein Wunder eine Bronzestatue von Apollon auf, dem antiken griechischen Gott des Lichts und der Musik. Ein Fischer, Jawdat Abu Grab, fand die Statue beim Fischen in der Gegend von Deir Al Balah. Wenige Tage später verschwand sie auf Nimmerwiedersehen. Nach Angaben des Antikenministeriums der Hamas wurde die Statue im Jahr 2013 von der Hamas-Polizei übernommen und war seitdem nicht mehr gesehen.

Einige Wochen später tauchte die Statue jedoch kurz auf eBay auf – zu einem Preis von 500.000 Dollar. Anonymen Quellen zufolge beschlagnahmte einer der Führer des militärischen Flügels der Hamas die Statue und behauptete, sie sei während des Gaza-Krieges 2014 zerstört worden.

Ein anderer Ort, der unter der allgemeinen Verwahrlosung leidet, ist Tal Um Amer, auch St. Hilarion genannt. St. Hilarion ist geprägt von fünf aufeinanderfolgenden Kirchenbauten, Bädern und Sanktuarien sowie geometrischen Mosaiken und einer weitläufigen Krypta. Dieses christliche Kloster war eines der größten im Nahen Osten. Das hielt Einheimische nicht davon ab, das Gelände immer wieder als Müllhalde zu missbrauchen.

Darüber hinaus wurden Privatgrundstücke rund um das Gelände dem Erdboden gleichgemacht, um neue private Wohnungen und Gebäude zu errichten. Dabei sind mit hoher Wahrscheinlichkeit weitere historische und antike Denkmäler zerstört worden, denn die Entfernung zwischen St. Hilarion und den Neubauten ist sehr gering.

Im Jahr 2016 wurde während Bauarbeiten eine byzantinische Kirche auf dem Gelände entdeckt. Zu den Funden gehörten Teile von Marmorsäulen mit verzierten korinthischen Kapitellen sowie ein Grundstein mit einem griechischen Symbol für Christus. 15 Objekte wurden ausgegraben und achtlos neben der Straße abgelegt. Weitere Ausgrabungen fanden nicht statt. Archäologen wurden nicht hinzugezogen. Die Kirche und ihre Geschichte wurden einfach entsorgt, während Geld in die Kassen der De-facto-Regierung von Gaza floss.

Inkompetenz oder kalkuliertes kriminelles Verhalten?

Im Jahr 2013 planierte der militärische Flügel der Hamas einen Teil des alten Hafens von Anthedon im Norden Gazas. Die Geschichte des Hafens reicht über 3.000 Jahre zurück bis in die mykenische Zeit. Der Hafen gilt nicht nur als ältester Hafen in Gaza, sondern auch als einer der wichtigsten Orte im Nahen Osten.

Im Jahr 2012 erklärte die UNESCO den Hafen zum Weltkulturerbe. Seinerzeit führte die De-facto-Polizei der Hamas eine Hausdurchsuchung bei einem Palästinenser durch, der 75 Umschläge mit alten Manuskripten und Antiquitäten geraubt hatte. Informelle Quellen behaupten jedoch, die Hamas-Polizei habe das Haus lediglich mit der Absicht durchsucht, die Antiquitäten an sich zu nehmen. Die Manuskripte und die Antiquitäten sind seither verschwunden.

Im Jahr 2015, als Arbeiter im Shuja’iyya-Viertel von Gaza-Stadt Rohre verlegten, entdeckten sie Hunderte von alten Gold- und Silbermünzen in Tongefäßen. Die Gefäße wurden daraufhin von der Polizei beschlagnahmt. Die Polizei sammelte zudem alle antiken Münzen ein, die sich im Besitz der Bewohner des Viertels befanden. Niemand kann bisher sagen, wo Münzen und Gefäße geblieben sind.

Dass sich diese Liste beliebig fortsetzen ließe, macht deutlich, wie rücksichtslos die Hamas und ihre De-facto-Regierung mit Antiquitäten und historischen Stätten umgehen. Und es stellt sich die Frage, was mit den Funden aus vielen Ausgrabungen geschehen ist: Münzen, Manuskripten und anderen Materialien. Sind sie immer noch in Gaza oder wurden sie von Angehörigen der Hamas-Regierung oder anderen einflussreichen Personen verkauft und außer Landes gebracht?

Ziviles Engagement, das Kraft erfordert

Dennoch gibt es Hoffnung im besetzten Gazastreifen. Während die israelische Armee und ihre Kollaborateure Antiquitäten aus dem Gazastreifen stehlen, nehmen andere Gazaer den Schutz ihres Erbes in die eigene Hand. So gibt es Menschen, die ihr Leben der Geschichte und den Antiquitäten widmen. Nafez Abed aus dem Lager Shati ist einer von ihnen. Seine Präzision und Professionalität beim Kopieren und Restaurieren alter Artefakte hat er während seiner Zeit in israelischen Gefängnissen perfektioniert.

Waleed Al-Aqqda, aus dem Süden von Gaza, sammelte rund 5.000 Antiquitäten aus der Bronze-, Stein-, römischen und byzantinischen Zeit sowie der Moderne. Marwan Shahwan aus Khanyouis verwandelte seinen Keller in ein archäologisches Museum, das mehr als 10.000 Objekte umfasst, die er während der israelischen Besetzung des Gazastreifens sammelte.

Was wir derzeit im Gazastreifen beobachten, verdeutlicht die Rolle der Sozialen Medien: Sie verbinden Menschen, die im erzwungenen oder freiwilligen Exil leben, mit den Menschen vor Ort in Gaza, die konsequent für den Schutz ihres Erbes einstehen. Sie mögen die politischen Spaltungen nicht überwunden haben, aber sie bewahren ihre Geschichte und ihre Antiquitäten immer wieder vor den politischen Raubzügen der Hamas.

Ihre Anstrengungen müssen formalisiert und durch Rechtsinstrumente zur Bestrafung und Belohnung gestärkt werden. Die jungen Menschen in Gaza sind die wahren Kämpfer, da sie ihr Erbe und ihre Gesellschaft vor dem Extremismus schützen. Eine Nation, die ihr historisches Erbe und ihre Antiquitäten nicht schützt, billigt in verantwortungsloser Weise die Auslöschung ihrer Geschichte und zerstört damit auch ihren eigenen Anspruch auf das Land.

Abdalhadi Alijla

© Open Democracy 2018

Aus dem Englischen von Peter Lammers

Abdalhadi Alijla ist ein palästinensisch-schwedischer Wissenschaftler und geschäftsführender Direktor des "Institute of Middle Eastern Studies Canada" (IMESC).

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