Das Idan Raichel Project

Multikulti in Israel

Das Idan Raichel Project verbindet die unterschiedlichen musikalischen Traditionen, die in Israel anzutreffen sind: äthiopische, jemenitische und arabische Einflüsse werden dabei ebenso integriert wie lateinamerikanische oder ost- und westeuropäische. Marianna Evenstein traf Idan Raichel und Band bei einem Auftritt in Berlin.

Idan Raichel ;&copy Barzi Golblat
Botschafter der Toleranz: Idan Raichel, Gründer des Idan Raichel Projects

​​Israel, so meint Keyboarder, Komponist und Produzent Idan Raichel, sei ein "wunderschöner Schmelztiegel" für musikalische Elemente ganz unterschiedlicher Herkunft. Dass er diese Diversität entdeckte, verdankt Raichel seiner Arbeit als Sozialarbeiter: Junge Immigranten in Tel Aviv spielten ihm traditionelle und moderne Musik aus Äthiopien vor, von der er auf Anhieb fasziniert war.

Im Jahr 2002 richtete er deshalb im Keller des Hauses seiner Eltern ein kleines Tonstudio ein. Er fing an, Stücke zu komponieren und sie zusammen mit Musikern unterschiedlicher ethnischer Herkunft einzuspielen.

Neben einigen äthiopischen Künstlern wirkten dabei zunächst ein Reggae-Keyboarder aus Surinam sowie ein jemenitischer und ein palästinensischer Sänger mit. Gestützt von moderner Produktionstechnik entstand eine Musik, die äthiopische Volksmusik mit amharischer und arabischer Poesie, jemenitischen Gesängen, biblischen Psalmen und karibischen Rhythmen verwebte.

Unerwartet großer Erfolg

Das erste Album des Idan Raichel Projekts wurde ein in der israelischen Popmusik einzigartiger Erfolg, mit dem niemand gerechnet hatte. Mittlerweile ist das Musikerkollektiv rund um den Globus getourt und dabei sogar in Äthiopien aufgetreten – was zuvor keine andere israelische Musikgruppe geschafft hatte.

Für ihren Auftritt in Berlin ist die Gruppe in deutlich reduzierter, kleiner Besetzung angereist. "Für das dritte Album, das wir gerade in Arbeit haben, wollte ich neue Wege gehen", sagt Idan Raichel. "Ich habe mich zum ersten Mal für ein rein akustisches Set entschieden. Ich stehe nur mit einer Handvoll Leuten auf der Bühne. Mit ein paar alten und ein paar neu hinzugewonnenen Freunden."

Jemenitischer Einschlag

Das Idan Raichel Project live auf der Bühne; Foto: Kikar-Israel
Das Idan Raichel Project: Mal melancholisch, mal überschwänglich, lässt sich dieser Sound schwer auf einen Nenner bringen – so wenig wie das Land, das ihn hervorgebracht hat: Israel.

​​Mit von der Partie sind der Percussionist Itamar Doari, der schon mit 17 Jahren zum ersten Mal bei der Gruppe mitspielte; der weltbekannte Holzflötist Eyal Sela; die Sängerin Cabra Casay, die äthiopischer Herkunft ist, aber in einem sudanesischen Flüchtlingscamp zu Welt kam, als ihre Eltern gerade auf dem Weg nach Israel waren; Maya Avraham, ein israelischer Sänger mit unvergesslich melodischer Stimme; sowie der Sänger Ravid Kahalani, der der für einen deutlich jemenitischen Einschlag in der Gesamtmischung sorgt.

Über die Jahre hinweg waren bereits mehr als 70 Künstler aus aller Welt an Idan Raichels musikalischem Kollektiv beteiligt. Und sie stammten aus allen Altersgruppen: "Der Jüngste war 16, und der älteste 83", erzählt Raichel. "Manche waren Immigranten, andere stammten aus Familien, die schon seit sieben Generationen in Israel lebten, und Nicht-Israelis hatten wir auch dabei. Musiker aus dem konservativen Lager machten ebenso mit wie andere, die eher linke Standpunkte vertraten."

Politische Differenzen überwinden

Angesichts derart unterschiedlicher Hintergründe würde man womöglich ideologische Streitigkeiten erwarten – schließlich arbeitet die Gruppe mitten im Nahen Osten. Aber für Raichel und seine Musiker ist die Politik nicht das Wichtigste. Ihnen geht es um Kunst: Sie wollen Menschen zusammenbringen. "Es ist ein Musikprojekt", erklärt Raichel. "Wir machen hier keine Politik. Wir sind über viele Dinge vielleicht unterschiedlicher Ansicht, aber davon machen wir kein Aufhebens." Dass es tatsächlich möglich ist, durch gemeinsames Kunstschaffen politische Differenzen zu überbrücken, beweisen Raichel und seine Mitstreiter mit ihrer künstlerischen Arbeit Tag für Tag aufs Neue.

Nichtsdestotrotz werden die Musiker immer wieder auch nach ihrer politischen Meinung zum Konflikt mit den Palästinensern oder zur Politik der israelischen Regierung gefragt. "Wenn die Leute hören, dass wir aus Israel kommen, steht für viele Leute automatisch gleich die Politik im Vordergrund", sagt Sängerin Cabra Casay.

"Aber wenn sie uns dann auf der Bühne sehen, ist das ganz schnell vergessen. Das ist das Wunderbare an Musik – dass sie Menschen verbindet. Und hinterher fangen sie dann vielleicht sogar an umzudenken, weil sie etwas über Israel erfahren haben, was sie vorher nicht wussten. Dass es dort zum Beispiel auch eine Gemeinschaft von schwarzen Juden gibt. Oder dass dort auch Jemeniten leben und Leute aus Argentinien."

Israel ist mehr als nur Politik

Das Idan Raichel Project; Foto: www.idanraichelproject.com
Positive Botschaft: Der enorme Erfolg des Projekts reicht inzwischen weit über die Grenzen Israels hinaus

​​"Die Leute wollen sich nicht immer nur mit Politik befassen ", glaubt auch Sängerin Maya Avraham. "Sie wollen sich zum Beispiel auch mal verlieben. Sie brauchen auch mal eine Pause vom Politischen." Ravid Kahalani, der als dritter Sänger ebenfalls bei der kleinen Besetzung in Berlin mit dabei ist, interessiert sich ebenfalls mehr für die positive Wirkung der künstlerischen Ausdrucksformen als für direkte politische Statements. "Israel ist mehr als nur Politik", meint er. "Ich mache einfach meine Sache. Ich mache Musik und hoffe darauf, dass sie den Leuten etwas gibt. Nicht mehr und nicht weniger."

Eine "Botschaft" will Idan Raichel mit seinem Projekt also nicht vermitteln. Aber dass es positive "Nebenwirkungen" hat, die über den rein musikalischen Rahmen hinausgehen, weiß er durchaus. Nicht nur hat Projekt äthiopische, jemenitische und andere weltmusikalische Einflüsse in den Mainstream eingebracht, sondern auch einem breiten Publikum zu einem besseren Verständnis der in Israel vorhandenen multikulturellen Vielfalt verholfen. "Dieses Projekt hat viele Bezugspunkte", so Raichel. "Es fungiert gewissermaßen als künstlerische Brücke zwischen verschiedenen Kulturen."

Marianna Evenstein

© Qantara.de 2008

Aus dem Englischen von Ilja Braun

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