Das "Green Memories"-Projekt zu Forough Farokhzad

Verzweiflung und Hoffnung, in Musik verwandelt

Zeit ihres kurzen Lebens brach die iranische Dichterin Forough Farokhzad mit Konventionen und verfolgte beharrlich ihren eigenen Weg. Eines ihrer Gedichte inspirierte drei iranisch-amerikanische Musiker zu einem Album, das sich dem Leben und Werk der Dichterin widmet. Richard Marcus berichtet.

Forough Farokhzad; Foto: www.forughfarrokhzad.org
Forough Farokhzad (1935-1967) - die wohl bedeutendste weibliche iranische Dichterin im zwanzigsten Jahrhundert

​​ "Niemand denkt an die Blumen Niemand denkt an die Fische Niemand möchte glauben, dass der Garten stirbt, dass sein Herz angeschwollen ist von der Hitze dieser Sonne, dass sein Geist sich langsam seiner üppigen Erinnerungen entleert"

Dies sind die ersten Zeilen des Gedichts "Ich beklage den Garten" der iranischen Dichterin Forough Farokhzad, welches zugleich die Inspiration für ein neues Musikalbum mit dem Titel "Green Memories", aufgenommen von drei iranisch-amerikanischen Musikern war. Der Komponist Shahrokah Yadegari arbeitete dabei zusammen mit dem Sänger Azam Ali und dem Geiger Keyavash Nourai, um eine Reihe von (Raum-)Klanglandschaften zu schaffen, "Ambient Music", denen es gelingt, die emotionale Textur und die Themen des Gedichts nachzuempfinden.

Seit dem Sturz des Schahs und der nachfolgenden Besetzung der US-amerikanischen Botschaft in Teheran hat sich eine Mauer zwischen dem Westen und dem Islam gebildet. Während sich der persische Sufi-Mystiker Rumi in den 1990er Jahren im Westen noch großer Beliebtheit erfreute, so weiß man heutzutage kaum etwas über die zeitgenössische iranische Lyrik. Fast scheint es, als hätte der Westen den Iran in seiner Gesamtheit gleichgesetzt, einschließlich jener, die noch vor der heute herrschenden Theokratie wirkten.

Eine Dichterin als "soziale Aussätzige" 

Forough Farokhzad wurde 1935 in Teheran geboren und war auf dem besten Weg, zu einer großen Dichterin zu werden, als sie 1967 bei einem Autounfall ums Leben kam. Sie veröffentlichte zu Lebzeiten fünf Gedichtsammlungen, produzierte einen Dokumentarfilm über eine Leprakolonie namens "Das Haus ist schwarz" und wirkte in zwei Dokumentarfilmen mit. Auch wenn Farokhzad vom ab 1940 einsetzenden Modernisierungsprozess im Iran profitierte, rieb sie sich zeitlebens an den vielen Konventionen, unter denen die Frauen in aller Welt zu leiden hatten.

Albanische Ausgabe von Forough Farokhzads Gedichten; Foto: www.forughfarrokhzad.org
Anerkennung über die Grenzen hinweg: eine albanische Ausgabe von Forough Farokhzads Gedichten von 2006

Als sie sich nach einem Jahr Ehe von ihrem Cousin trennte, überließ sie ihr Kind seiner Familie, um sich weiterhin der Lyrik und der Kunst widmen zu können. Selbst heute würde eine Frau, die einen solchen Weg geht, mit Argwohn betrachtet werden. Daher ist es nicht weiter überraschend, dass ihr die Menschen auch im damals relativ liberalen Teheran der 1950er Jahre nicht mit Sympathie begegneten. Obwohl es ihr mit ihrem 1962 entstandenen Dokumentarfilm "The House is Black", in dem es um eine Leprakolonie geht, gelang, sich einen Namen als Künstlerin zu machen, sorgten ihre Entschlossenheit und ihr Mut, unbeirrt ihren eigenen Weg zu gehen, dafür, dass sie von vielen Mitmenschen als "soziale Aussätzige angesehen wurde.

Kunst und Leben ineinander verwoben ​​

Neben ihrer schriftstellerischen und filmischen Tätigkeit arbeitete Farokhzad auch als Schauspielerin. 1967 probte sie für eine Rolle in dem Stück "Die Heilige Johanna" von George Bernard Shaw. Dabei bereitete sie sich nicht nur darauf vor die Hauptrolle zu spielen, sondern übersetzte auch den Text in Farsi. Die Ähnlichkeiten zwischen dem Leben Farokhzad und der Titelheldin können der Autorin nicht entgangen sein, hält man sich einen Satz wie diesen vor Augen: "Erwartest du wirklich von dummen Menschen, dass sie dich dafür lieben, von dir bloßgestellt zu werden?"

Nur zu gut hätten diese Worte dazu dienen können, die Reaktion zu beschreiben, der Farokhzad allzu oft begegnete, wagte sie es doch, nicht nur Dichterin zu sein - einer rein männlichen Domäne - sondern dies zudem auch erfolgreich. Unglücklicherweise starb sie, bevor sie die Rolle spielen konnte und so werden wir nie erfahren, wie die iranische Öffentlichkeit auf ihr Porträt der Heiligen Johanna reagiert hätte. Ging es dabei doch nicht zuletzt auch um Johannas Verstoß in Form der "Rebellion gegen die Natur, indem sie Männerkleidung trug und kämpfte" - so wie es Farokhzad mit ihrem Eindringen in die rein männliche Domäne des Schreibens gewagt hatte.

Persönliche Bilder, die universelle Anliegen ausdrücken

Quelle: www.lilasound.com
Iranisch-amerikanische Freundschaft: Shahrokh Yadegari, Keyavash Nourai und Azam Ali (von links nach rechts)

In "Ich beklage den Garten" gebrauchte Forough Farokhzad das Bild eines vernachlässigten Gartens als Metapher für den Verfall einer traditionellen Familie. Doch Yadegari, Ali und Nourai ließen sich von den oben zitierten Zeilen vor allem inspirieren, die Gefühle von Verzweiflung und Hoffnung abzubilden, um unseren aktuellen Gefühlszuständen nachempfindbar zu machen. Farokhzad gebrauchte in ihrer Arbeit häufig persönliche Bilder, um universelle Anliegen auszudrücken; daher erschien es den Musikern nicht weit hergeholt, ihre Worte in diesem Sinn zu interpretieren. "Ambient Music" ist ein trügerisches Konzept in ihrer Fähigkeit, den Zuhörer zu beeinflussen.

Gut umgesetzt, wirkt sie unterbewusst, ohne manipulativ zu sein, da es eine akustische Umgebung schafft, die nicht nur eine Botschaft transportiert, sondern selbst die Botschaft ist. In gewisser Weise handelt es sich dann um die perfekte Verbindung von Form und Inhalt, da sie beide das Thema des Stückes widerspiegeln. In ihrer Interpretation von Forough Farokhzads "Ich beklage/bemitleide den Garten (Green Memories)" haben Shahrokah Yadegari, Azam Ali und Keyavash Nourai eben dieses erreicht und Musik von emotionaler Tiefe und Leidenschaft geschaffen.

Musik wie ein gewebter Teppich

​ Das Ergebnis ist wunderschön und nimmt den Hörer gefangen. Klangebenen werden miteinander verwoben und bilden so ein umfassendes Ganzes, ohne dass die einzelnen Teile ihre Charakteristik verlieren. Das Bild eines gewebten Teppichs kommt einem in den Sinn, auf dem man sowohl die einzelnen, bunten Fäden, als auch das Gesamtmotiv erkennen kann, das sie bilden; als zwei voneinander unterscheidbare Objekte und einheitliches Gesamtbild zur gleichen Zeit. Es ist zu hoffen, dass diese CD mehr Menschen dazu inspiriert, sich tiefer gehend mit dem Werk Forough Farokhzads und ebenso dem anderer persischer Dichter auseinanderzusetzen.

Kein Volk und keine Kultur spricht mit nur einer Stimme, und es ist wichtig, so viele Stimmen wie möglich zu hören, um sie wirklich kennen zu lernen. Die CD "Green Memories" ist hierfür ein wunderbarer Anfang.

Richard Marcus

© Qantara.de 2009

Richard Marcus gibt das Epic India Magazine heraus, eine Online-Zeitschrift für Kunst und Kultur mit einem Fokus auf Südostasien und Indien. Außerdem schreibt er für die Kulturseite Blogcritics.org und. steckt hinter dem Blog Leap in the Dark. Seine Texte erschienen in so unterschiedlichen Veröffentlichungen wie dem deutschen Magazin Rolling Stone und The Bangladesh Star.

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