Ein Dichter will einen ganzen Abend für sich allein, ein anderer wünscht sich, die Poesienächte zu eröffnen, wiederum ein anderer verlangt, dass an "seinem" Abend bestimmte andere Schriftsteller nicht auftreten dürfen. Manchmal waren Eitelkeiten und Bedenken so nerven- und zeitraubend, dass das gesamte Vorhaben zu scheitern drohte, erinnert sich Sarfaraz. Er stellt schließlich eine Liste mit 66 Lyrikern und Schriftstellern zusammen, unter ihnen drei Frauen. An jedem Abend sollten sechs oder sieben Dichter auftreten.

Die Deutschen wittern die Revolution

Ein "iranisches Woodstock", wie manche im Westen diese Nächte später nennen werden, ist in greifbarer Nähe. Als Sarfaraz im September 1977 seinen Plan mit der Dichterliste schließlich den Verantwortlichen im Goethe-Institut vorträgt, ahnen die Deutschen sofort: Das ist keine normale Dichterlesung. Das werde politisch gefährlich und logistisch kaum zu stemmen sein, so die erste Reaktion.

Jean-Paul Sartre mit Simone de Beauvoir; Foto: picture-alliance/AFP
Internationales Kulturereignis und Paukenschlag der Revolution: Intellektuelle wie Jean Paul Sartre, Simon de Beauvoir, Louis Aragon, Maurice Clavel und viele andere sandten Solidaritätsbotschaften nach Teheran. Diese wurden während der Poesieabende allabendlich für die Zuhörer übersetzt und feierlich vorgetragen.

Die Deutschen kennen die Atmosphäre des Landes. Sie sind sich sicher, dass allabendlich Tausende kommen werden – und was wird dann geschehen? Selbst der deutsche Botschafter warnt und fürchtet eine heraufziehende diplomatische Krise. Trotzdem entscheidet sich die Leitung des Goethe-Instituts für die Poesieabende; ein Wagnis mit nachhaltigen Konsequenzen.

Die Räumlichkeiten des Instituts sind jedenfalls für dieses Vorhaben zu klein. Deshalb wird die Veranstaltung in den großen Garten des deutsch-iranischen Kulturvereins im Norden Teherans verlegt. Es werden zahlreiche Lautsprecher an Bäumen befestigt, damit die Stimmen der Dichter nicht nur im weitläufigen Gartengelände, sondern auch in den umliegenden Straßen vernehmbar werden.

Drei Wochen vor Beginn der abendlichen Veranstaltungen wird im ganzen Iran ein kunstvoll gestaltetes Plakat verbreitet, das die Iraner zu diesen Dichterabenden einlädt. Der offiziell nicht existierende Schriftstellerverband ist in Kooperation mit dem Goethe-Institut Gastgeber der Poesienächte, so steht es darauf.

Die Stimmung wird Nacht für Nacht hitziger

Nacht für Nacht strömen Tausende Iraner zu den Lesungen. Wer keinen Platz mehr im Garten findet, hockt sich auf den Bürgersteig vor dem Garten oder klettert auf eine Mauer oder einen Baum in der Nachbarschaft. Und immer, wenn die Poesie zu Ende ist, erlebt Teheran in jenen Nächten noch nie dagewesene Massendemonstrationen für die Freiheit. Die Stimmung wird Nacht für Nacht hitziger, die Parolen, die nach den Veranstaltungen durch die Straßen Teherans hallen, radikaler. Und dies zehn Nächte lang. Die Revolution ist geboren.

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