Der Journalist will die Gelegenheit ausnutzen. Ihm schwebt nicht ein einzelner Abend mit einem Dichter vor, sondern etwas viel Größeres – etwas Weltbewegendes. Sarfaraz will fast die gesamte Geisteswelt des Landes auftreten lassen – eine Welt, die dem Schah-Regime wenn nicht total feindselig, so doch zumindest sehr kritisch gegenüber steht.

Nicht eine Lesung, nein, es sollen mehrere Nächte sein, mit fast allen großen und bekannten Dichtern des Landes. Obwohl sie alle unter Beobachtung des Geheimdienstes stehen. Ein Schriftstellerverband, mit dem man Kontakt aufnehmen könnte, gibt es offiziell im Iran nicht. Fast alle bekannten Poeten und Publizisten identifizieren sich mit einem Verband, der in der Illegalität agiert. Mit diesem bespricht der Journalist seine Pläne.

Veranstaltungsposter der damaligen Dichterabende vom Teheraner Goethe-Institut; Quelle: privat
Eine Art "iranisches Woodstock": Als Sarfaraz im September 1977 seinen Plan mit der Dichterliste schließlich den Verantwortlichen im Goethe-Institut vorträgt, ahnen die Deutschen sofort: Das ist keine normale Dichterlesung. Das werde politisch gefährlich und logistisch kaum zu stemmen sein, so die erste Reaktion.

Die Deutschen sind sauber

"Anfangs reagierten einige Dichter mit Skepsis, ein gewisser Verdacht lag in der Luft. Mancher vermutete sogar eine Falle des Geheimdienstes, die mit meiner Hilfe gestellt werden sollte", beschreibt Sarfaraz heute die damalige Stimmung. Aller Skepsis zum Trotz sind sich aber alle einig, dass sich etwas machen ließe.

Denn in der Welt weht ein vielversprechender Wind. Seit Anfang des Jahres regiert in den USA Jimmy Carter, ein Präsident, der bekanntlich die weltweite Achtung der Menschenrechte zum Kern seiner Außenpolitik erklärt hatte. Das Schah-Regime befände sich also in der Defensive, so die optimistische Einschätzung der iranischen Poeten.

Es beginnt unter ihnen eine heftige und nicht enden wollende Diskussion über das "Ob" und "Wie" einer Dichterlesung. Schließlich sind sich alle einig, zumal die Lesungen im Goethe-Institut stattfinden sollen. Ein "sauberer Ort" sei das Kulturinstitut der Deutschen, sagen viele Dichter. Über den Ausdruck "sauber" im Zusammenhang mit dem Goethe-Institut lacht Kurt Scharf heute laut und herzlich: Das sei eben die berühmte persische Doppeldeutigkeit, sagt der Experte.

Doch eine Dichterlesung in einem britischen oder französischen Kulturinstitut stünde irgendwie mit der imperialen Politik dieser Länder in Verbindung, und ein Auftritt iranischer Intellektueller in einem US-amerikanischen Institut war per se undenkbar und indiskutabel. Doch die Deutschen, zumal ihr Kulturinstitut, sind unverdächtig, irgendetwas Kolonialistisches im Hinterkopf zu haben – jedenfalls im Iran.

Nach der ersten grundsätzlichen Einigung beginnt dann ein ebenso unendlich scheinender Streit darüber, wie diese Abende gestaltet werden sollen. Wie immer stehen persönliche Eitelkeiten und unterschiedliche politische Positionen einer Einigung im Wege.

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.