Das "Gelawedj-Festival" im kurdischen Sulaimaniya

Abgrenzung vom Arabischen

Auf dem jüngsten Gelawedj-Festival in Sulaimaniya, das mit einer Mischung aus politischen Reden, akademischen Vorträgen, Dichterlesungen und Diskussionsrunden aufwartete, ließ sich das gegenwärtige kulturelle Selbstverständnis der Kurden beobachten. Von Stefan Weidner

Erbil, Ende November. Dass eine Autostunde entfernt ein Krieg tobt, der weite Teile des Iraks und Syriens in eine Todeszone verwandelt hat, kommt einem in den alten Teehäusern von Erbil und Sulaimaniya noch unwirklicher vor als daheim in Europa.

Tonlos, nur untermalt vom Klirren der Teegläser, dem Blubbern der Wasserpfeifen und gelegentlichen Gesprächen in Kurdisch, Turkmenisch oder Arabisch flimmern die Meldungen durch die hoch über den Köpfen hängenden Bildschirme, und niemand achtet darauf: "Vier Angriffswellen der ISIS auf die Gegend um Kirkuk". Sind wir nicht gestern erst durch Kirkuk gefahren?

Von der historischen Zitadelle aus gesehen sah die Stadt, um die die Iraker, die Kurden und die ISIS gegeneinander kämpfen, so geschäftig und friedlich aus, dass die Versuchung groß war, den alten Autobahnschildern folgend nach Mossul weiter zu fahren, nur um endlich einmal das bloße Nachrichtenwissen vom Krieg mit der Wirklichkeit abzugleichen.

Auch die Organisatoren des 18. Gelawedj-Festivals in Sulaimaniya – eine in westlichen Breiten selten anzutreffende Mischung aus politischen Reden, akademischen Vorträgen, Dichterlesungen und Diskussionsrunden – mussten sich Mühe geben, um die latent chaotische Veranstaltung zu erden und mit der Aktualität kurzzuschließen. Zum guten Ton gehörte es, bei jeder Gelegenheit das Wort Kobanê fallen lassen; aber nur dem aus seinem deutschen Exil angereisten kurdischen Schriftsteller Jan Dost, der aus Kobanê stammt, gelang es, der umkämpften Stadt eine von der wohlfeilen Symbolik losgelöste Präsenz zu verleihen.

Kobanê-Rhetorik und realpolitische Agenda

Verwundert erfuhr man, dass Kobanê seine Gründung und seinen Namen den Deutschen verdankt. Eine deutsche „Compagnie“ nämlich legte dort 1912 einen für den Bau der Berlin-Bagdad Bahn benötigten Steinbruch an. Kobanê gehört zur Geschichte der deutschen Kolonialambitionen und zur Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs, der mit der Neuordnung des Nahen Ostens in den von England und Frankreich erfundenen Staatsgrenzen endete – jenen Grenzen, die sich gegenwärtig auflösen, mit den Kurden als Protagonisten dieses Prozesses.

Hinter der Kobanê-Rhetorik tritt die realpolitische Agenda deutlich zutage. Die Peschmerga verteidigen im Kampf gegen die Islamisten weder den Irak, noch die westlichen Werte, sondern sie kämpfen um ihr potentielles Staatsgebiet, das sich auf manchen Karten bis nach Mossul und hin zu Gebieten südöstlich von Bagdad erstreckt, weit über die von der irakischen Verfassung anerkannte "Autonome Region Kurdistan" hinaus.

Bücherflohmarkt in Sulaimaniya; Foto: Stefan Weidner
Arabisch auf dem Abstellgleis: "Nur mit Mühe kommt man selbst in den Städten noch mit Arabisch durch, die Buchhandlung des beliebten "Cultural Café" in Sulaimaniya hat neben vielen Büchern auf Sorani und Englisch nur noch eine Handvoll arabische", berichtet Weidner.

Der Reisende, so er es wagt, erkennt das Verschwimmen der Grenzen schon heute am eigenen Pass. Von den kurdischen Autonomiegebieten, die ihr eigenes Visum ausgeben, das vom Irak selbst nicht anerkannt wird, gelangt man leicht in das nominell immer noch zum Irak zählende Kirkuk und weiter, ohne dass je ein irakischer Beamter den Pass kontrolliert.

Die kulturellen Grundlagen für einen unabhängigen kurdischen Staat sind in den 1930er Jahren in Sulaimaniya gelegt worden, und sie hängen unmittelbar mit dem soeben zu Ende gegangenen Festival zusammen, dessen Namen der von Ibrahim Ahmed (1914 – 2000) ins Leben gerufenen Zeitschrift "Gelawedj" ("Morgenstern") entlehnt ist. Sie erschien von 1939 bis 1949 in Sorani, der mit arabischen Buchstaben geschriebenen, südkurdischen Sprachvariante, die damit zu einer modernen Literatursprache avancierte.

Arabisch hat ausgedient

Die Sprachpolitik dominiert bis heute das kulturelle Leben, ja man fühlte sich auf dem Festival an die literarische Aufbruchsstimmung europäischer Nationen im 18. und 19. Jahrhundert erinnert. Alles Mögliche wird für die sieben bis acht Millionen Sorani-Sprecher übersetzt: Von arabischen Lyrikern wie Adonis bis zu Kafka, Camus, Homer oder Kant. Nötig ist es! Der Abgrenzungswunsch gegen alles Arabische, angesichts der Massaker Saddams an den Kurden und der von den Golfstaaten ausgehenden Islamisierungswelle ist sehr verständlich und hat zu einem bildungspolitischen Exorzismus geführt.

Nur mit Mühe kommt man selbst in den Städten noch mit Arabisch durch, die Buchhandlung des beliebten "Cultural Café" in Sulaimaniya hat neben vielen Büchern auf Sorani und Englisch nur noch eine Handvoll arabische, und der junge Bildungsminister, den wir zum Abendessen treffen, bekennt sich klar zum Englischen als erster und einzig zukunftsweisender Fremdsprache an den Schulen. Arabisch, die Staatsprache des Irak, wird in Kurdistan nicht mehr ordentlich gelehrt, und auch insofern führt kein Weg mehr zurück in das Land, das die Engländer 1920 erschufen.

Hingegen ist es gelungen, Sorani auch als Literatursprache zu etablieren. Es gibt sogar seriöse Schriftsteller, die allein vom Verkauf ihrer Bücher leben können. Einer der bekanntesten und produktivsten von ihnen lebt in Köln – und ist in Deutschland völlig unbekannt: Bakhtiyar Ali ist sein Name, er ist Mitte 50, und jede kurdische Buchhandlung, die etwas auf sich hält, hat die edel gestaltete Kassette mit den elf Bänden seiner gesammelten Werk im Regal stehen. Sein Verlag, raunen neidisch die Kollegen, zahle ihm ein monatliches Gehalt, um das ihn sogar die meisten deutschen Autoren beneiden würden.

Zeremonie von Peschmerga-Kämpfern in der Nähe von Erbil; Foto: Safin Hamed/AFP/Getty Images
Über das Ziel hinaus: Die Peschmerga verteidigen im Kampf gegen die Islamisten weder den Irak, noch die westlichen Werte, sondern sie kämpfen um ihr potentielles Staatsgebiet, das sich auf manchen Karten bis nach Mossul und hin zu Gebieten südöstlich von Bagdad erstreckt, weit über die von der irakischen Verfassung anerkannte "Autonome Region Kurdistan" hinaus.

Es gibt also gute Gründe, den sprachlichen Nationalismus für eine Erfolgsgeschichte zu halten. Doch zugleich wurde auf der international besetzten Tagung mit Autoren aus zahlreichen arabischen Ländern, aus dem Iran und aus Europa überdeutlich, in welche Zwickmühle sich die Kurden da manövriert haben. Seinen Vortrag über die Geschichte von Kobanê hielt Jan Dost auf Arabisch, weil er ihn sonst in seiner Muttersprache Kurmandschi hätte halten müssen, die mit lateinischen Buchstaben geschriebene nordwest-kurdische Sprachvariante, welche selbst von den Kurden im Publikum dann doch schlechter verstanden worden wäre als Arabisch.

Unverhohlenes Bekenntnis zur Säkularisierung

Zum neuen kurdischen Selbstverständnis zählt neben der sprachlichen Abgrenzung von den Arabern und dem übrigen Irak die religiöse. Molla Bakhtiyar, die graue Eminenz hinter dem auf dem Sterbebett liegenden Parteiführer der Patriotischen Union Kurdistans (PUK), dem ehemaligen irakischen Präsidenten Dschalal Talabani, hat in seiner feurigen Rede zum Abschluss der Konferenz für ein unverhohlenes Bekenntnis zur Säkularisierung geworben.

Man hörte Beiträge über den Islam, die man in dieser Form nirgendwo in der islamischen Welt würde halten können: Was die ISIS an Gewaltverbrechen begehe, sei in der Frühzeit des Islams vorgebildet gewesen, im Namen der Religion gerechtfertigt worden und somit dem Islam vom Wesen her inhärent, argumentierte der an europäische Islamkritik erinnernde Beitrag des in Berlin lebenden irakisch-kurdischen Autors Burhan Shawi, der seine Romane freilich immer noch auf arabisch schreibt.

Die gewünschte Abgrenzung gegen die ISIS legt die entschieden islamkritische Haltung der ohnedies zumeist sozialistisch geprägten kurdischen Intellektuellen nah, ändert aber nichts daran, dass sie ein Phänomen der Eliten ist. Bis zu 2.000 Kurden, erzählt man sich hinter vorgehaltener Hand, kämpfen auf Seiten der ISIS. Der aufgeklärte Sound, der uns aus Kurdistan entgegenschallt, kann auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die kurdische Gesellschaft nach wie vor tief von überkommenen Traditionen und patriarchalen Strukturen durchdrungen ist.

Mag sein, dass bei den Peschmerga auch Frauen kämpfen, in den Teehäusern sieht man sie gar nicht, auf den Straßen nur selten und dann verschleiert. Die neuerdings lauthals proklamierte Gleichberechtigung beschränkt sich praktisch auf eine kleine, wohlhabende Oberschicht. Man fragt sich auch, was sie überhaupt wert ist, wenn man erfährt, dass selbst alleinstehende Männer keine eigene Wohnung mieten dürfen – wegen der Gefahren für die öffentliche Moral, die das Alleinwohnen bekanntlich mit sich führt!

Stadtansicht Erbils mit der Zitadelle und dem City Park; Foto: Safin Hamed/AFP/Getty Images
Trügerischer Friede: Der nur eine Stunde entfernte Krieg, dämmert einem im "Teehaus der Literaten" unterhalb der frisch renovierten Zitadelle von Erbil, holt hier deswegen niemanden hinter dem Samowar hervor, weil er aus kurdischer Perspektive nur ein Vorspiel ist: Richtig spannend wird es danach!

Vor solchem Hintergrund nützt es wenig, dass die große alte Dame der arabischen Emanzipationsbewegung, die 83-jährige ägyptische Schriftstellerin Nawal El Saadawi, von der Frauenriege der PUK zu einem Galadinner eingeladen war. Ob ihre arabische Rede von den schönen, teuer gekleideten Damen dort noch verstanden wurde?

Der Zorn der jüngeren Generation

Die Wut in der nachwachsenden Generation und unter jüngeren Intellektuellen ist groß. Die beiden herrschenden Parteien PUK und DPK (Demokratische Partei Kurdistans), welche, wiewohl in den 1990er Jahren bis aufs Blut verfeindet, die Pfründe der Autonomen Region und vorläufig auch in Kirkuk untereinander aufgeteilt haben, sind in der Hand von als korrupt und rücksichtslos geltenden, im Guerillakampf gegen Saddam gestählten Clanchefs, die an zivilgesellschaftlichen Reformen und echter Meinungsfreiheit wenig Interesse haben.

Der Krieg gegen die ISIS hat ihnen wieder Oberwasser gegeben. Die einzigen Leistungen, die sie für sich verbuchen können, sind die vergleichsweise gute Sicherheitslage und die Fortschritte auf dem Weg zum eigenen Staat. Dieser ist der Preis, den die Kurden für ihren Kampf gegen die ISIS früher oder später verlangen werden.

Der nur eine Stunde entfernte Krieg, dämmert einem im "Teehaus der Literaten" unterhalb der frisch renovierten Zitadelle von Erbil, holt hier deswegen niemanden hinter dem Samowar hervor, weil er aus kurdischer Perspektive nur ein Vorspiel ist: Richtig spannend wird es danach!

Stefan Weidner

© Qantara.de 2014

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