Nun gab es durchaus gute Gründe, warum die USA die YPG als Partner wählten (nicht zuletzt der Unwille der Türkei, selbst gegen die Dschihadisten vorzugehen). Doch musste von Anfang an klar sein, dass die Türkei niemals akzeptieren würde, dass sich der syrische PKK-Ableger an ihrer Südgrenze festsetzt. Schon zwei Mal ging die Türkei daher gegen die YPG in Nordsyrien vor, und seit Wochen droht Präsident Recep Tayyip Erdoğan mit einer neuen Offensive. Nach dem Abzug der US-Truppen könnte er tatsächlich Ernst machen mit einem Angriff.

In dieser Situation könnte der Kurdenmiliz nichts anderes übrig bleiben, als den Schutz von Machthaber Baschar al-Assad zu suchen und eine Rückkehr der Regierung in die Kurdengebiete zu erlauben. "Angesichts der Wahl zwischen einer türkischen Invasion und einer Einigung mit der Regierung in Damaskus wird sich die Kurdengruppe gewiss für Letzteres entscheiden und versuchen, eine Form realer Dezentralisierung zu erreichen sowie die Integration ihrer eigenen Miliz in die staatlichen Streitkräfte", meint der deutsche Syrien-Experte Volker Perthes.

Das Ende des kurdischen Autonomieprojekts?

Einheiten der kurdischen YPG an einem Außenposten von Ain al-Arab, Syrien; Foto: Getty Images/A.Sik
Auf verlorenem Posten: Für die syrischen Kurden ist der Abzug der Amerikaner ein herber Schlag. Im Kampf gegen die Dschihadisten hatte die syrische Kurdenmiliz YPG die Hauptlast getragen und hohe Verluste erlitten. Zugleich hatten ihr die Waffen, die Berater und die Luftunterstützung der USA in den vergangenen Jahren erlaubt, ihre Herrschaft über weite Gebiete außerhalb des kurdischen Siedlungsraums auszudehnen.

Damit könnte das Ende des "Islamischen Staats" in Kürze auch das Ende des kurdischen Autonomieprojekts im Nordosten nach sich ziehen. Assad hat keine Zweifel daran gelassen, dass er ganz Syrien wieder unter seine Kontrolle bringen will. Bei den bisherigen Verhandlungen mit den Kurden hat er keinerlei Bereitschaft gezeigt, ihnen Autonomie zuzugestehen. Auch wenn Assad kein Interesse daran haben kann, dass die Türkei weitere Teile Nordsyriens besetzt, gibt es für ihn wenig Grund nach dem US-Abzug, den Wünschen der Kurden entgegenzukommen.

Was sollte nun Europa in dieser Situation tun? Niemand kann dort glücklich sein, wenn nach all dem Blutvergießen mit Assad derjenige als Sieger aus der Schlacht hervorgeht, der die größte Schuld an der syrischen Tragödie trägt. Doch es wird auch nicht helfen, wenn sich Europa der Realität verweigert: Am Ende wird Assad wohl nicht nur an der Macht bleiben, sondern auch seine Kontrolle über das ganze Land wieder herstellen. Wenn die Europäer Einfluss auf die Nachkriegsordnung nehmen wollen, wird daher kein Weg an Gesprächen mit Assad vorbeiführen.

Aufbauhilfen als mögliches Druckmittel

Auch wenn es Überwindung kosten mag, sollten die Europäer ihre Hilfe beim Wiederaufbau anbieten. Weder Russen, noch Iraner oder Türken (von Assad ganz zu schweigen) sind in der Lage, den Wiederaufbau des zerstörten Landes zu finanzieren. Das können nur die Europäer und die Golfstaaten.

Doch sollten sie ihre Hilfe als Druckmittel einsetzen, um Einfluss auf die Nachkriegsordnung zu nehmen, und sie an strenge Bedingungen knüpfen wie Dezentralisierung, ein Rückkehrrecht für Flüchtlinge, ein Schutz vor Enteignungen und die Einbindung der Zivilgesellschaft.

Eine andere Wahl bleibt den Europäern auch nicht: Denn die Syrer nach dem Sieg über die Dschihadisten in ihren zerstörten Städten allein zu lassen, wäre die sichere Garantie für neue Konflikte und am Ende womöglich das Wiedererstarken des "Islamischen Staats".

Ulrich von Schwerin

© Qantara.de 2019

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