Das Buch der 40 Hadithe

Gegen das Klischee der islamischen Kollektivgesellschaft

Im westlichen Islam-Diskurs scheint der Koran das einzige Fundament des islamischen Glaubens zu sein. Andere Quellen werden nicht wahrgenommen. Jetzt liegt eine Übersetzung der populären Hadithen-Sammlung von Al-Nawawi vor. Amin Farzanefar hat sich mit dem Herausgeber unterhalten.

Im westlichen Islam-Diskurs scheint der Koran das einzige Fundament des islamischen Glaubens zu sein. Andere Quellen werden nicht wahrgenommen. Jetzt liegt eine Übersetzung der populären Hadithen-Sammlung von Al-Nawawi vor. Amin Farzanefar sprach mit dem Islamwissenschaftler Marco Schöller, der den Band übersetzt und herausgegeben hat.

Herr Schöller, was ist ein Hadith?

Marco Schöller: Der Begriff bezeichnet eine Mitteilung, oder einen Begriff – das, was man einem mündlich erzählt. Als Fachbegriff bedeutet er Erzählungen von Muhammad oder über ihn - was er gesagt hat, was er getan hat, wobei er zugesehen hat usw. Diese Hadithe wurden von einem zum anderen weitererzählt, und in der späteren Zeit schriftlich festgehalten, und als Bücher oder Sammlungen weitergegeben.

Wie authentisch sind die Hadithe?

Schöller: Die Islamwissenschaft glaubt hier grundsätzlich etwas anderes als die Islamische Welt. Insgesamt sind ja hunderttausende in Umlauf; die Muslime sehen einige 1000 als echt an. Die Islamwissenschaft kann das weder widerlegen noch beweisen, erkennt aber an, dass die Texte in vielen Fällen sehr alt sind. Einige ganz wenige haben kanonischen Status erlangt. Dazu gibt es weitere Sammlungen, die als grundlegend gelten und heutzutage im Prinzip nicht mehr kritisiert werden. Darüber hinaus gibt es tausende von Sammlungen, die ein enormes Material bieten: Ees gibt hier eine Überfülle, die eine historische Einordnung doch sehr erschwert.

Werden Hadithe heutzutage noch gelesen, zieht man im Streitfall hadithenkundige Familienmitglieder zu Rate, geht man zu einem Gelehrten – wie ist der Stellenwert?

Schöller: Alles kann zutreffen. Das Wichtigste ist, dass sie einen sehr hohen Stellenwert haben. Man kann sich überall über Hadithe informieren – aus Büchern, die nicht in den Original-Sammlungen mit ihrer schwierigen Sprache, sondern in Hadith-Auswahlen aufgelegt sind. Je nach Grad der Alphabetisierung spielt auch das Auswendiglernen immer noch eine Rolle. Und man kann sich an Gelehrte halten, Privatgelehrte oder an staatlichen Schulen. Vom Staat werden auch Gelehrte beschäftigt, Muftis etwa, die zu Fragen Stellung nehmen

Das klingt anders als die christliche Praxis, die gesellschaftlich stark ins Unbewusste abgesackt ist. Man feiert zwar die einschlägigen Feste, hat auch das eine oder andere fromme Zitat auf den Lippen, aber es gibt keine aktive, sich selbst regenerierende Praxis.

Schöller: Und das ist in der Islamischen Welt deutlich anders. Es wäre schwer, einen Muslim zu finden, der nicht zumindest auch nur einige Hadithe des Propheten kennt.

Gilt das auch noch für die jüngere Generation?

Schöller: Hier in Europa natürlich nicht mehr, aber in der islamischen Welt selber kann man allein durch das Umfeld, die Schule und die familiären Bindungen noch davon ausgehen.

Wie ist der Abgleich von alten Hadithen an neue Situationen oder an unbekannte Fragestellungen?

Schöller: Die Hadithe sollen ja den Muslimen helfen, ihren Alltag nach bestimmten Vorbildern und Mustern zu leben, und die Gesellschaft muss sich da immer neue Fragen stellen – das kann genmanipuliertes Essen betreffen oder Abtreibung. Wie man Hadithe, die seit mehr als 1000 Jahren bekannt sind, aktualisiert, wäre beispielsweise in folgendem Hadith zu finden: Der Embryo im Mutterleib besteht 40 Tage, ohne dass ihm die Seele eingehaucht wird. Das interpretieren manche Muslime dahingehend, dass sie sagen: Er ist noch kein Mensch, und man kann also in den ersten 40 Tage auch abtreiben.

Eine Frage, die den Westen aktuell stark beschäftigt, lautet: Was ist der Kern des Islam? Erschließt sich für Sie über die Hadithe ein bestimmter Geist des Islam, ein Kern?

Schöller: Für uns westliche Leser erschließt sich, wenn schon nicht eine Unvereinbarkeit, so doch ein sehr scharfer Kontrast: In jeder x-beliebigen Sammlung finden Sie ganz allgemeine Hadithe, denen nichts spezifisch Islamisches anhaftet, die in einem allgemeinen humanistischen Geist gehalten sind. Andererseits gibt es sehr strikte, ins Detail gehende Regelungen, die die Gesellschaft wie das Leben des einzelnen betreffen. Das scheint alles sehr schwer miteinander vereinbar zu sein.

Vor unserem jüdisch-christlichen Hintergrund haben wir, stark vereinfacht gesagt, die Zweiteilung: das Christentum als die ethische Religion, die das Gesetz überwunden hat, und das Judentum als Gesetzesreligion, wo aber die Ethik zu kurz kommt. Im Islam haben wir das tatsächlich nebeneinander – und es wäre fatal, das gegeneinander auszuspielen; das würde auch dem Wesen des Islam nicht gerecht werden.

Welche Bedeutung spielt diese Sammlung im Vergleich zu den großen offiziellen?

Schöller: Die großen sind dem Laien gar nicht zugänglich. Was man immer gewollt hat, war ein "Best Of". Eine Sammlung dessen, was man als Muslim unbedingt wissen muss. In arabischen Ländern wird Literatur auch auf der Straße verkauft, kleine Heftchen von lokalen Verlagen, da findet sich Nawawi immer. Es gibt auch viele zeitgenössische Kommentare zu diesem Werk, es war und ist also sehr populär.

Wer ist der Autor eigentlich, was ist das für ein Mensch?

Schöller: Al-Nawawi, lebte in Damaskus, bis 1277, da stirbt er recht jung, kaum vierzig Jahre alt. Er war ein sehr gelehrter Mensch, bekannt nicht nur für seine Frömmigkeit: Eine der bekanntesten Hadithsammlungen, die es überhaupt gibt, hat er kommentiert. Nawawi war den weltlichen Dingen nicht sonderlich zugetan und wurde deshalb von vielen ein wenig in den Rang eines Heiligen, eines "Gottesfreundes" erhoben.

Sie schreiben von seinem Dauerfasten, das vielleicht auch mit seinem zu frühen Tod zusammenhängt. Dann hat er eine Hausschlange gehalten, all das lässt ihn als sonderbaren Gesell erscheinen. Traute man solch einer Person zu, dass sie lebensnah und kompetent über den Lebensalltag Auskunft geben kann?

Schöller: Solche Besonderheiten waren in der Islamischen Kultur gang und gäbe: Es war eine sehr individuelle Kultur, man kann das gar nicht oft genug sagen, weil das heute sehr oft in Vergessenheit gerät, und viele Leute das Gegenteil behaupten. Es war sehr vieles möglich, und viele Spleens und "Spinnereien" haben nicht ausgeschlossen, dass jemand eine ernstzunehmende Forscherpersönlichkeit war.

Sie reden massiv gegen das Klischee der Kollektivgesellschaft der Islamischen Welt…

Schöller: Es gibt in jeder Gesellschaft Lebensformen, die sich am Kollektiv orientieren, auch wir haben zum Teil sehr konformistische Gesellschafts- und Lebensentwürfe, was mit der ganzen Konsumismus- und Medienwelt zu tun hat usw. Das hat es im Islam auch immer gegeben.

Nur: Es war eben möglich, anders zu sein, und es ist gerade in Europa gar noch nicht so lange her, dass man solche Leute ausgegrenzt hat, nicht hat Karriere machen lassen, dass man ein sehr stromlinienförmiges bürgerliches Leben führen wollte.

Innerhalb des religiösen Horizontes ist eine viel größere Varianz möglich, als man sich das gemeinhin vorstellt?

Schöller: Die heutige Situation läuft ganz klar in eine andere Richtung, und hier spielen ausgerechnet Aspekte der Modernität eine Rolle: Erst mit den heutigen Medien kann man flächendeckend starke Konventionen aufrichten. Über Medien lassen sich heute Rollenbilder in jedes Wohnzimmer, in jeden Kopf projizieren. Das war im 13. Jahrhundert so noch nicht möglich, und generell war die Offenheit für aus unserer Sicht ganz abseitige Dinge sehr viel größer.

Wie darf man sich das historische Leben damals konkret vorstellen? Was war mit Abweichlern, Andersdenkenden?

Schöller: Dazu kann man nur wieder eine Anekdote erzählen: Es gab in jeder größeren Stadt, Damaskus oder Kairo, Kneipenstraßen vor der Stadt, also Weinschenken für jeden Intellektuellen, Literaten oder Gelehrten, der es sich leisten konnte. Jeden Freitag erschien dort ein Frommer, der mit seinem Holzstock die Weinkrüge zerhieb. Man hat ihn gewähren lassen, denn man wusste: Das ist ein Gottesmann. Aber man war auch genervt: Jetzt ist Freitag, da ist er schon wieder. Das kann man sich an allen Orten und zu allen Zeiten so vorstellen; manche haben versucht, die Gesellschaft zu ändern, aber es gab immer genug Leute, auch heute, die davon nicht wirklich viel hielten.

All diese Gruppierungen, die mit Gewalt etwas durchsetzen wollen – und das meint nicht nur die Terroristen, es gibt ja genug Gruppen, die in der islamischen Ländern etwas durchsetzen wollen – die sind niemals in der Mehrheit gewesen, sind es heute nicht, und werden es auch nicht sein.

Heinz Halm berichtet in seinem Buch über die Fatimiden, dass es alljährlich ein karnevalistisches Treiben in Kairo gab, Verbrüderungen zwischen Christen und Muslimen. Im Abstand von zwei, drei Jahren führte der Kalif Verbote ein, verhängte eine Kennzeichnungspflicht für Juden und Christen, doch nach einiger Zeit hatte sich das Alte wieder eingeschliffen.

Schöller: Heinz Halms Bände "Das Reich des Mahdi" und "Die Fatimiden von Kairo" sind einer der wenigen Versuche eines deutschen Orientalisten, die konkrete Lebenswirklichkeit zu schildern. Er zeigt, wie man tatsächlich gelebt hat – jenseits aller Hadithe, aller Sammlungen, Freitagspredigten usw. Man müsste einmal versuchen, eine Geschichte des Lebens zu schreiben, und weggehen von dem rein theoretischen Diskurs – so wichtig er auch sein mag.

Interview: Amin Farzanefar

© Qantara.de 2007

Dr. phil. Marco Schöller, geboren 1968, ist zurzeit Privatdozent am Orientalischen Seminar der Universität Köln. Seine Forschungsschwerpunkte sind islamisch-arabische Geistes-, Kultur- und Mentalitätsgeschichte in der Vormoderne und der Frühen Neuzeit.

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