Das Album "Temet" der Band Imarhan

Authentisch bleiben

Mit ihrem zweiten Album "Temet" haben die fünf Tuareg-Musiker der Band Imarhan aus Südalgerien eine organische Weiterentwicklung des traditionellen Tamasheq-Sounds geschaffen. Richard Marcus hat sich das Album angehört.

Das Wüstenblues-Quintett Imarhan bietet uns neue Einblicke in die Musik der jüngsten Generation von Kel Tamasheq-Musikern ("Tamasheq", wörtl.: "die Leute, die Tamasheq sprechen"). Wie viele Nomaden weltweit, haben auch die Tamasheq die Erosion ihrer Traditionen durch den Mangel an Lebensraum erfahren. Da ihnen im Laufe der Zeit immer mehr Weide- und Ackerland sowie Karawanenwege in der Sahara genommen wurde – bedingt durch Umweltverschmutzung, Bebauung oder politische Unsicherheit – wanderten viele von ihnen in die Städte ab.

Die Band-Mitglieder von Imarhan leben in Tamanrasset in Algerien, nahe der Landesgrenze zu Nordmali und dem traditionellen Tamasheq-Gebiet. Seitdem die Band international bekannt geworden ist, hat sie eine Art Führungsrolle innerhalb ihrer Generation übernommen.

Während sich frühere Bands noch auf die Bewahrung der Tamasheq-Kultur und den Kampf um die Bewahrung der lokalen Lebensweise konzentrierten, treibt die heutige Generation nicht nur das Festhalten an der Tradition, sondern auch der Fortschritt und die Weiterentwicklung ihrer Kultur an. Es ist eine Sache, die Vergangenheit zu bewahren, aber eine ganz andere, sie derart in Erinnerung zu behalten, sodass sie auch für die heutige Welt noch Gültigkeit hat.

Einer ihrer Bandmitglieder, Iyad Moussa Ben Abderahmane (alias Sadam), denkt, dass zwar alle Dinge irgendwann zu Ende gehen, sich aber auch alles weiterentwickelt. Er und die anderen Bandmitglieder kämpfen um den Erhalt ihrer Sprache – wobei es ist die Musik ist, die die Menschen mit ihr in Verbindung hält und ihnen ermöglicht, sie weiter zu sprechen. Für Imarhan ist es daher sinnvoll, die Musik so zu gestalten, dass sie insbesondere Menschen anspricht, die in einem städtischen Umfeld aufgewachsen sind.

CD-Cover "Temet" der Band Imarhan; Label: City Slang Records
Anpassung als Überlebenskonzept: Wo die Kel Tamasheq einst von Algerien im Norden bis Niger im Süden wanderten, wird das Land heute von Grenzen getrennt, die eine einfache Reise schwierig machen. Vor dem Hintergrund anhaltender Gewaltandrohungen gegen Musiker im Norden Malis hat dies viele Kulturschaffende dazu gezwungen, ihr Leben in den Weiten der Sahara aufzugeben und in Städte zu ziehen, die an jene Gebiete grenzen, die sie einst durchstreiften.

Ein neuer Sound für eine neue Generation

Zur Band zählen neben Sadam noch Tahar Khaldi, Hicham Bouhasse, Abdelkader Ourzig und Haiballah Akhamouk. Während die fünf vielleicht einen neuen Sound für ihre Generation kreieren, behalten sie die von ihren Vorgängern gelegten Fundamente in Erinnerung. Und obwohl ihre Songs die Grundzüge des zumeist tranceartig anmutenden Gitarrensounds und deren Rhythmen im Stil von Bands wie Tinariwen beibehalten und weiterentwickelt haben, bleibt die Wüstenblues-Gitarre immer noch ein zentraler Bestandteil ihrer Musik.

Doch bereits ab dem ersten Song auf Temet (veröffentlicht auf City Slang Records) wird klar, dass den Hörer ein ganz anderes Musikerlebnis erwartet. "Azzaman" legt mit seinen funk-lastigen Rhythmen und seinem leidenschaftlichen Gitarrenspiel ein rasantes Tempo vor. Es ist anzunehmen, dass wenn Jimi Hendrix mit Sly & The Family Stone zusammengesessen hätte oder Led Zeppelin ein wenig mehr von James Brown beeinflusst worden wäre, wir wohl etwas Ähnliches schon einmal zuvor gehört hätten. Woran mich der Sound jedoch am meisten erinnerte, waren einige der urbanen afroamerikanischen Gruppen der späten 1960er und frühen 1970er Jahre, wie etwa die Chambers Brothers. Ein harter und rauer Schliff geht zugleich mit der "Soulfulness" einher, welche das Leben in der Betonwelt und das Überleben in der Stadtlandschaft widerspiegelt.

Das ist ein ziemlicher Kontrast zu den schwungvollen Melodien und hypnotisch anmutenden Beats einiger der anderen Bands und könnte die Zuhörer ein wenig irritieren. Im Verlauf des Albums erleben wir jedoch, wie hervorragend die Verbindung von Altem und Neuem funktioniert. Tatsächlich zeigen sie in Songs wie "Mas S-abok", dass sie genauso in der Lage sind, zauberhafte akustische Musik wie rockigen Funk zu spielen.

Die Kunst des Veredelns

Am faszinierendsten ist es zu hören, wie sehr es ihnen in einigen ihrer Stücke gelungen ist, Tradition und Moderne miteinander zu verbinden. Der zweite Song ("Tamudre") ist ein großartiges Beispiel dafür. Das Gitarrenspiel greift einige der funk-lastigen Rhythmen des Eröffnungsstücks auf, integriert dabei aber auch Ensemble-Gesänge und Rhythmen früherer Songs.

Noch bemerkenswerter ist die Kombination von Tradition und Moderne. Auch fühlt es sich nicht ein einziges Mal so an, als hätte die Band lediglich verschiedene Musikstile miteinander kombiniert. Man merkt, dass hier im Aufbau des Zusammenspiels etwas Neues entsteht. Zwar sind die Musiker jenem Klang treu geblieben, den wir gemeinhin mit "Wüstenblues" und Tamasheq-Musik in Verbindung bringen. Doch die Tuareg-Musiker von Imarhan gehen mit ihrer Musik noch einen Schritt weiter.

Oberflächlichkeit ist hier völlig fehl am Platz. Im Gegenteil: Hier haben wir es mit einer authentischen emotionalen Hingabe und Leidenschaft zu tun, die der Musik Glaubwürdigkeit verleiht. Egal, ob die Band nun Songs wie den disco-artigen "Ehad Wa Dagh", den unglaublich funkigen "Tumast" oder den gespenstischen "Tarha-nam" spielen – sie klingen allesamt so, als ob die Musiker immer noch versuchen, ihren Zuhörern das Gefühl von Stolz und Würde zu vermitteln.

Verbindung und Verantwortung

Die jungen Männer von Imarhan lieferten sich nicht die gleichen Kämpfe wie ihre Vorgänger. Sie legten nicht die Waffen nieder nach den Rebellionen der 1990er Jahre und nahmen dafür die Gitarren zur Hand. Sie haben jedoch das gleiche Gefühl der Verantwortung gegenüber ihren Leuten geerbt – eine Verantwortung, die darin besteht, einen Weg zu finden, ihre Sprache und die verschiedenen Aspekte ihrer Kultur zu bewahren, damit sie ihr Bewusstsein für ihren Platz in der Welt erhalten können.

In der Tamasheq-Sprache bedeutet "temet" "Verbindungen"; und auf diesem Album geht es genau darum, nämlich Verbindungen herzustellen – Verbindungen zwischen der jungen, städtischen Bevölkerung und ihrer Kultur und warum diese so wichtig ist. Es geht aber auch darum, die Verbindungen zur übrigen Welt zu halten und sie daran zu erinnern, dass die Kel Tamasheq noch immer existieren und noch immer kämpfen werden.

Imarhans neuestes Album Temet ist nicht nur ein Zeugnis für die Musikalität der band und ihr Können, sondern auch für ihre Intelligenz. Anstatt die sichere Option zu wählen, direkt in die Fußstapfen früherer Generationen zu treten, haben sie ihren ganz eigenen Weg gewählt und im Laufe dieses Prozesses großartige Musik geschaffen.

Richard Marcus

© Qantara.de 2019

Aus dem Englischen von Zahra Nedjabat

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