Die genaue Zahl der Opfer der deutschen Besatzung in Tunis ist nicht bekannt. Insgesamt sollen von November 1942 bis Mai 1943 rund 2.500 jüdische Jugendliche und Erwachsene in den tunesischen Zwangsarbeitslagern unter menschenunwürdigen Umständen geschuftet haben. Mehrere Hundert kommen ums Leben, eine unbekannte Zahl wird in Vernichtungslager nach Europa deportiert.

In Daniel Specks Roman entkommt der jüdische Pianist Victor nur knapp der Ermordung durch die Nazi-Besatzer. Ausgerechnet Moritz Reincke rettet ihn. Auch Yasmina und ihre Eltern werden gerettet, doch sie verlieren ihr Zuhause in La Goulette. Das traditionelle jüdische Viertel in der Altstadt von Tunis, die "Hara" ist keine Alternative, denn überall werden Juden in Tunesien nun verfolgt. Yasmina und ihre Eltern überleben, weil muslimische Bekannte sie in der Medina von Tunis bei muslimischen Nachbarn verstecken.

Der Schriftsteller Daniel Speck; Foto: dpa
Daniel Speck, 1969 in München geboren, baut mit seinen Geschichten Brücken zwischen den Kulturen. Auf seinen Reisen trifft er Menschen, deren Schicksale ihn zu seinen Romanen inspirieren. Er verfasste die Drehbücher zu "Maria, ihm schmeckt's nicht" sowie zu "Zimtstern und Halbmond". Für "Meine verrückte türkische Hochzeit" erhielt er den Grimme-Preis und den Bayerischen Fernsehpreis.

Heute leben in Tunesien noch rund 1.500 Jüdinnen und Juden, davon allein 1.000 auf Djerba. Auf dem Gebiet des ehemaligen jüdischen Viertels in der Altstadt von Tunis stehen zum großen Teil moderne Mehrfamilienhäuser aus den 1970er Jahren.

Das vergessene jüdische Erbe?

Viele alte Synagogen von einst wurden entweder zerstört oder zu Cafés umgebaut. Gerät das jüdische Erbe in der Altstadt von Tunis in Vergessenheit? "Nein", sagt Layla Bengassem, von Beruf Ingenieurin und Besitzerin eines Gästehauses in der Altstadt. Sie bietet Führungen an, bei denen Besucher sich auch über das jüdische Erbe in der Altstadt von Tunis informieren können.

"Früher waren rund ein Fünftel aller Einwohner der Medina jüdischen Glaubens", erzählt sie. "Heute leben hier kaum noch Juden. Deshalb ist es wichtig zu wissen, was hier war, und es ist wichtig, die Geschichte gut zu kennen." Sie habe großes Interesse an dem Roman von Daniel Speck, sagt Layla Bengassem.

"Wenn wir in Tunesien über das Thema Besatzung sprechen, dann geht es fast immer um Frankreich. Die deutsche Besatzung in Tunesien war im Vergleich sehr kurz. Wir wissen sehr wenig darüber. Aber seit ich von dem Roman erfahren habe, erinnere ich mich viel öfter an das, was mein Vater mir vom Krieg erzählt hat. Dass er sich in seinem Dorf bei Tunis als kleiner Junge versteckte, wenn die Bomben fielen, und einfach nur Angst hatte."

Layla Bengassem wünscht sich, dass der Roman von Daniel Speck bald auf Arabisch, Französisch oder Englisch übersetzt werde, damit sie ihn selbst lesen könne. "Ich bin gespannt auf die Geschichte der beiden Frauen Nina und Joelle. Aber vielleicht ist der Roman auch mehr: Ein Anlass, dass Tunesier und Deutsche sich  intensiver als zuvor mit der Besatzung 1942-1943 und den Folgen befassen."

Martina Sabra

© Qantara.de 2019

Daniel Speck: "Piccola Sicilia", S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2018, 624 Seiten, ISBN-13: 9783596701629

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