Der Dirigent, Pianist und engagierte Dtreiter für den Frieden zwischen Israelis und Palästinensern wird 80.

Daniel Barenboim wird 80
Versöhner und musikalisches Genie

Daniel Barenboim ist nicht nur ein weltberühmter Pianist und Dirigent. Er setzt sich unermüdlich für die Verständigung und Versöhnung zwischen Palästinensern und Israelis ein. Von Lukas Philippi und Katharina Rögner

Daniel Barenboim ist einer der bekanntesten Dirigenten der Welt. Er ist beseelt von der Idee, dass Musik den Menschen zum Besseren verändern kann. Jetzt wird der Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper 80 Jahre alt.

Er liebt die Musik, aber das reicht ihm nicht. Sie muss «zu einem wesentlichen Teil des gesellschaftlichen Lebens» werden, ist die Überzeugung des Pianisten und Dirigent Daniel Barenboim.

Stets hat er sein musikalisches Engagement mit dem gesellschaftspolitischen vermischt. Am 15. November wird der gebürtige Argentinier und weltbekannte Musiker 80 Jahre alt.

Barenboim ist seit 1992 Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden und Chefdirigent der Staatskapelle Berlin auf Lebenszeit. Bis vor Kurzem war der umtriebige Star regelmäßig in den berühmten Konzertsälen der Welt zu Gast. Doch Anfang Oktober gab er bekannt, dass er wegen einer schweren Krankheit vorerst nicht auftreten kann. Insbesondere von Dirigaten werde er sich zurückziehen, teilte die Berliner Staatsoper mit.

Auf Twitter hatte Barenboim zuvor von einer «schweren neurologischen Erkrankung» berichtet und dass er sich erst einmal "auf sein körperliches Wohlbefinden konzentrieren" müsse. Auch das für den 15. November in Berlin geplante Geburtstagskonzert, bei dem er als Pianist auftreten wollte, wurde aus gesundheitlichen Gründen abgesagt.

Daniel Barenboim dirigiert das  «West-Eastern Divan Orchestra»; Foto: dpa/picture-alliance/K.D. Gabbert
Mit Musik gegen den Hass: Ein Herzensprojekt von Barenboim ist das "West-Eastern Divan Orchestra". Er gründete es 1999 mit seinem Freund, dem palästinensischen Literaturwissenschaftler Edward Said (1935-2003). Es ist ein Friedensprojekt für junge Musiker aus dem Nahen Osten - aus Israel, den Palästinensischen Autonomiegebieten und anderen arabischen Ländern. Nach zwei Stunden Probe habe er "das Hassniveau auf null reduziert", konstatierte der Maestro einmal.

"West-Eastern Divan Orchestra": Ein Beitrag zum Frieden

Barenboim ist beseelt von der Idee, dass Musik den Menschen zum Besseren verändern kann. Eines seiner Herzensprojekte ist das "West-Eastern Divan Orchestra". Er gründete es 1999 mit seinem Freund, dem palästinensischen Literaturwissenschaftler Edward Said (1935-2003).

Es ist ein Friedensprojekt für junge Musiker aus dem Nahen Osten - aus Israel, den Palästinensischen Autonomiegebieten und anderen arabischen Ländern. Nach zwei Stunden Probe habe er "das Hassniveau auf null reduziert", konstatierte der Maestro einmal.

Ebenso engagiert er sich für die Gründung von "Musikkindergärten", um schon die Jüngsten mit Klängen, Rhythmus und Instrumenten bekannt zu machen. Sein Credo lautet: "Nicht Musikerziehung, sondern Bildung durch Musik."

Der Bildung und dem Frieden dienen soll auch die Barenboim-Said-Akademie für junge Musiker aus dem Nahen Osten, die Ende 2016 in Berlin ihre Arbeit aufnahm. Die Studenten der privaten Musikhochschule werden zusätzlich in Philosophie, Geschichte und Literatur unterrichtet. Das gemeinsame Musizieren und Lernen soll zu Verständigung, Kompromissbereitschaft und Versöhnung beitragen. Ob die Akademie wirklich zu einer friedlichen Lösung im Nahost-Konflikt beitragen kann? "Sicher nicht auf kurze Sicht, aber langfristig besteht eine gute Chance dazu", sagte Barenboim damals bei der Eröffnung.

Gern nutzt er seine Auftritte für kurze Ansprachen ans Publikum. 2017 etwa warnte er bei einem Konzert im Rahmen der "Proms" in London angesichts des Brexits vor Isolationismus und Nationalismus in Europa. Wenige Wochen davor hatte er in einem Artikel die Besetzung palästinensischer Gebiete als Folge des Sechstagekriegs 1967 als "unmoralisch" kritisiert.

Internationale Karriere

Barenboim wurde 1942 in Buenos Aires als Sohn russisch-jüdischer Migranten geboren und wuchs von 1952 an in Israel auf. Als er fünf Jahre alt ist, begann seine Mutter, ihm Klavierunterricht zu geben. Später studierte er bei seinem Vater, der sein einziger Klavierlehrer blieb.

Sein erstes öffentliches Konzert gab der begabte Pianist mit sieben Jahren in seiner Geburtsstadt Buenos Aires. Mit dem anderen argentinischen Klavierwunder, Martha Argerich, soll er als kleines Kind unter dem heimischen Flügel gespielt haben. Zusammen traten sie später auf der Bühne auf.

Bei seinem internationalen Debüt als Pianist in Wien und Rom war Barenboim zehn Jahre alt. Mit elf Jahren nahm er zudem Dirigierunterricht, er studierte Harmonielehre und Komposition bei Nadia Boulanger in Paris. Als Dirigent stand er erstmals 1967 in London auf der Bühne, sechs Jahre später gab er sein Debüt als Operndirigent im schottischen Edinburgh mit Mozarts "Don Giovanni". Später folgten Stationen als Chefdirigent in Paris und Chicago.

Neben dem klassischen Konzert- und Opernrepertoire widmete er sich mit der Berliner Staatskapelle verstärkt der zeitgenössischen Musik mit Kompositionen von Pierre Boulez, Wolfgang Rihm oder Elliott Carter. Aber auch dem Tango seines Geburtslandes hat er immer wieder seine Referenz erwiesen.

Barenboim ist in zweiter Ehe ist er mit der russischen Pianistin Jelena Baschkirowa verheiratet. Seine erste Frau, die britische Cellistin Jacqueline du Pré, starb 1987. Seine zwei Söhne sind ebenfalls Musiker.

"Musik ist kein Beruf, sie ist eine Lebenseinstellung", schrieb Barenboim Ende Oktober in einem Beitrag in der Wochenzeitung "Die Zeit". So habe er sein ganzes Leben verbracht.

Lukas Philippi und Katharina Rögner

© epd 2022

 

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