Türkei Demonstration für Jamal  Khashoggi; Foto: Depo Photos/imago images
Cyber-Kampagnen im Nahen Osten

Cyber-Armeen in Nahost: Gezielte Diffamierung als Waffe

In kaum einer Weltregion sind digitale Armeen so aktiv wie im Nahen und Mittleren Osten. Längst dienen sie Machthabern als Waffe im Kampf gegen Aktivisten und Dissidenten - mit teils tödlichen Folgen. Hintergründe von Cathrin Schaer

Sie haben keine Gewehre und keine Raketen, die Zahl ihrer Soldaten und Kommandanten ist überschaubar, und doch sind sie mächtig: Die so genannten "elektronischen Armeen" - digitale Heere, deren Rekruten ausschließlich am Schreibtisch arbeiten und ihre Feinde einzig mit digitalen Waffen bekämpfen.

Zwar werde beispielsweise auch in westlichen Staaten über soziale Medien politischer Einfluss ausgeübt, sagt Mahmoud Ghazayel, Experte für Online-Desinformation im Libanon. Online-Kampagnen und Hasspropaganda gibt es weltweit. Doch Grad und Art der Desinformation seien unterschiedlich, sagt Ghazayel. "In Nahost können digitale Kampagnen leicht zum Tod von Menschen führen. Dafür gibt es leider viele Beispiele", so Ghazayel im Gespräch mit der Deutsche Welle.

Mord nach Verleumdungskampagne

So wurde im August vergangenen Jahres die junge irakische Aktivistin Riham Yaqoob, Jahrgang 1991, ermordet. Ihr Tod, hieß es zunächst, gehe auf ihre Teilnahme an lokalen Protesten für die politische Eigenständigkeit Iraks kurz vor ihrer Ermordung zurück. Doch dies treffe nicht zu, sagt der an der dänischen Aarhus-Universität lehrende Politologe Ben Robin-D'Cruz. Seine Forschungen ergaben, dass Yaqoob sich zum Zeitpunkt ihres Todes bereits seit längerem von öffentlichen Kundgebungen zurückgezogen hatte.

Dennoch kursierten in den sozialen Medien Videos, auf denen sie angeblich an der Spitze der Proteste zu sehen ist. Tatsächlich zeigten die Aufnahmen aber eine andere Person, sagt Robin-D'Cruz. Auch habe der fragliche Protestzug nicht, wie in sozialen Medien behauptet, in Basra stattgefunden.

Yaqoob sei Opfer einer massiven Verleumdungskampagne geworden. Deren Hintermänner hätten Yaqoob und ihre Mitstreiter beschuldigt, von den USA zu den Protesten angestiftet worden zu sein, so Robin-D'Cruz in einem Aufsatz für das Middle East Center der London School of Economics. Tatsächlich hätten die Aktivisten nur an einem von den USA finanzierten Training für junge irakische Führungspersönlichkeiten teilgenommen.

Gezielte Desinformation

Das hinderte die staatliche iranische Nachrichtenagentur "Mehr" nicht daran, in einem Bericht vom September 2018 einen anderen Zusammenhang zu suggerieren. Die Agentur veröffentlichte ein von Yaqoob selbst gepostetes Foto, das sie und andere Aktivisten zusammen mit dem damaligen US-Generalkonsul in Basra, Timmy Davis, zeigt. Das Bild reichte, um sie in der Öffentlichkeit als von den USA unterstützte Verschwörerin darzustellen. In dem durch zahlreiche Kundgebungen aufgewühlten Irak war das eine schwere Anschuldigung.

Danach stieg der Druck von proiranischen Milizen im Irak auf die Aktivisten. Mehrere Mitglieder der Protestgruppe entzogen sich, indem sie Basra verließen. Einige suchten sogar Schutz im Ausland. Yaqoob aber blieb - und wurde am 19. August 2020 in ihrem Auto von einem unbekannten bewaffneten Motorradfahrer erschossen.

Der Fall Jamal Kashoggi

Auch in anderen nahöstlichen Ländern sind „elektronische Armeen“ aktiv. Das vielleicht bekannteste Opfer einer digitalen Schmutz-Kampagne ist der 2018 im saudischen Konsulat in Istanbul ermordete saudische Journalist und Dissident Jamal Khashoggi.

Bereits im Vorfeld des Verbrechens hatte es eine digitale Kampagne gegen Khashoggi gegeben. So kursierten in arabischsprachigen sozialen Medien mehrere gegen ihn gerichtete Drohungen. Ermittlungen der Soufan Group, einer in den USA ansässigen Sicherheitsberatungsfirma, führen diese größtenteils auf Urheber in Saudi-Arabien zurück.

Staaten lagern Kampagnen aus

"Wir sehen zunehmend, dass staatliche Akteure ihre Desinformationsoperationen auslagern", schrieben Forscher des Stanford Internet Observatory  in einer im Dezember vergangenen Jahres veröffentlichten Studie. Dies erlaube den Regierungen zumindest in Teilen, ihre Urheberschaft zu bestreiten. Werde eine Firma aufgrund von Gesetzesverstößen geschlossen, engagierten die Auftraggeber einfach eine andere.

Natürlich verfügen auch andere Länder über "elektronische Armeen", die je nach Region auch als "Troll-Farmen", "Cyber-Armeen", oder "Web-Brigaden" bezeichnet werden. In einem Report aus dem Jahr 2020 berichtet die Nichtregierungsorganisation Freedom House, 39 von 65 untersuchten Regierungen weltweit würden Social Media-Profis engagieren, um Online-Diskussionen zu manipulieren.

Irak/Demonstration für den ermordeten Hisham al Hashemi; Foto: Ahmad al-Rubaya/AFP via Getty Images
Protest in Bagdad gegen den Einfluss Irans nach dem Mord an dem Aktivisten Hisham al Hashemi. Mit gezielten Online-Diffamierungskampagnen geht das Regime in Teheran gegen Demokratieaktivisten und Gegner des iranischen Einflusses im Irak vor. Im September 2018 veröffentlichte die iranische Nachrichtenagentur „Mehr“ ein Foto der Aktivistin Riham Yaqoob zusammen mit dem damaligen US-Generalkonsul in Basra, um sie als von den USA unterstützte Verschwörerin darzustellen. Am 19. August 2020 wurde Yaqoob in ihrem Auto von einem unbekannten bewaffneten Motorradfahrer erschossen.

Problematisches Medienverhalten

Der Nahe Osten gilt als diejenige Region, die von den Aktivitäten der Cyber-Armeen am stärksten betroffen ist. Das könnte vor allem am Medienverhalten der dort lebenden Menschen liegen, vermutet Mahmoud Ghazayel. Zwar gebe es in den meisten Ländern der Region eine große Auswahl an traditionellen Nachrichtenkanälen. Doch da sie oftmals von Regierungen, sozialen oder religiösen Interessengruppen finanziert würden, misstrauten ihnen viele Bürger. Stattdessen informierten sie sich in den sozialen Medien - die ihrerseits oft von zweifelhafter Glaubwürdigkeit sind.

Doch das beunruhigt viele Nutzer offenbar kaum. Einer vom Arab Youth Survey im vergangenen Jahr veröffentlichten Studie zufolge beziehen rund vier Fünftel der Mediennutzer zwischen 18 und 24 Jahren in der Region ihre Informationen aus den sozialen Medien. Rund zwei Drittel der Befragten erklärten, diesen zu vertrauen. Zum Vergleich: Laut einer Studie des Reuters-Instituts aus dem Jahr 2020 beziehen nur 56 Prozent der jungen Deutschen und gut die Hälfte der jungen Amerikaner ihre Informationen aus den sozialen Netzwerken.

Prekäre politische Kultur

Eine Ursache für dieses massive Problem im Nahen Osten könnte auch darin liegen, dass Arabisch für westliche Unternehmen weiterhin eine kaum zugängliche Sprache ist. "Social Media-Firmen dürften weniger geneigt sein, gegen Accounts vorzugehen, die nicht auf Englisch veröffentlichen oder die sich nicht direkt auf US-Interessen auswirken", sagt Marc Owen Jones, Digitalexperte und Assistenzprofessor an der Hamad-bin-Khalifa-Universität in Katar.

Zudem dürfte das Phänomen in der prekären politischen Kultur in Teilen des Nahen Ostens begründet sein, vermutet der libanesische Experte Mahmoud Ghazayel. "Wenn Cyber-Armeen von Politikern oder Regierungen ermutigt werden und dann auch noch bemerken, dass die großen Social-Media-Plattformen sie kaum oder überhaupt nicht kontrollieren, gedeihen sie natürlich." Dagegen helfe nur ein stabiles rechtsstaatliches Fundament.

Cathrin Schaer

© Deutsche Welle 2021

Adaptiert aus dem Englischen von Kersten Knipp.

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