Coronavirus am Nil

Ägypten ist ein Land in Angst

Nach Jahren der Flaute war für dieses Jahr ein Anstieg der Touristenzahlen in Hurghada erwartet worden. Jetzt stehen sie bei Null. Ein Neugeborenes soll die Menschen in der Stadt am Roten Meer beruhigen. Der ägyptische Schriftsteller Khaled al-Khamissi informiert.

Sie hieß Sonja Arif, war Ärztin und ist vor wenigen Tagen mit vierundsechzig Jahren am Coronavirus gestorben. Was sich danach abspielte, geschieht derzeit an vielen Orten in Ägypten. Ihre Familie war schon im Begriff, sie neben ihrem Mann beizusetzen, als sie von einer Menschenmenge überrascht wurde, die eine Bestattung der Leiche mit Gewalt zu verhindern suchte.

Die Lage eskalierte, die aufgebrachte Menge steckte Reisstroh in Brand, blockierte den Leichenwagen und zwang die Familie, zu ihrer Grabstätte in einem anderen Dorf zu fahren. Aber auch dort versuchten die Bewohner, die Beisetzung zu verhindern. Am Ende schritten die Sicherheitskräfte ein, setzten Tränengas ein und nahmen zweiundzwanzig Personen fest. Erst dann konnte die Familie die Tote bestatten.

In einem anderen Dorf kämpften die Bewohner vier Stunden mit den Angehörigen eines alten Mannes, der sich bei seinem Sohn, einem Arzt, angesteckt hatte und gestorben war. Auch hier machte erst ein Eingreifen der Sicherheitskräfte die Beerdigung möglich. In Kairo hinderten Hausbewohner einen Arzt an der Rückkehr in seine Wohnung. Sie fürchteten, er könnte das Virus einschleppen. In Alexandria schlossen sich die Bewohner einer Straße zusammen, um einen Arzt von seiner Wohnung fernzuhalten. Sie verlangten, dass er ins Krankenhaus ziehen solle.

Das Virus als Schandmal

Ich lese jeden Tag von solchen Vorfällen. In Ägypten wird das Coronavirus zu einem Schandmal, und jeder, den es ereilt, versucht, es zu verheimlichen. Als sei die Krankheit ein Fluch. Die Furcht der Menschen wird zu einem Werkzeug äußerster Gewalt, und es richtet sich als Erstes gegen Ärzte und Ärztinnen, Krankenpfleger und Schwestern, die Tag und Nacht in den Krankenhäusern sich um die Rettung der Kranken bemühen.

Medizinisches Peronal in einem Krankenhaus in Kairo, Ägypten; Foto: picture-alliance
Khald al-Khamisssi: "In Ägypten wird das Coronavirus zu einem Schandmal, und jeder, den es ereilt, versucht, es zu verheimlichen. Als sei die Krankheit ein Fluch. Die Furcht der Menschen wird zu einem Werkzeug äußerster Gewalt, und es richtet sich als Erstes gegen Ärzte und Ärztinnen, Krankenpfleger und Schwestern, die Tag und Nacht in den Krankenhäusern sich um die Rettung der Kranken bemühen."

Aber wie in Ägypten angesichts von Katastrophen und Tragödien üblich, kursieren natürlich auch wieder viele Witze. Zum Beispiel über einen Mann, an dessen Tür weiß gekleidete Gestalten klopfen, der aber seine Nachbarn mit den Worten beruhigt, er sei nicht mit dem Coronavirus infiziert, sondern werde nur einer Drogengeschichte verdächtigt.

Er heißt Adam, ist das erste Kind, das in Hurghada von einer Corona-infizierten Mutter zur Welt gebracht wurde. Die Geburt des Kleinen fällt in eine Zeit großer Sorge für den Badeort am Roten Meer. Hurghada hat seine Haupteinnahmequelle verloren, nachdem die letzten Touristen vor ungefähr einem Monat abgereist sind. Die Ärzte wussten zunächst nicht, ob auch das Kind das Virus in sich trägt. Die Nachricht, dass es nicht infiziert ist, sollte alle beruhigen. Der kleine Adam verließ das Krankenhaus auf menschenleeren Straßen, obwohl Hurghada 160.000 Einwohner hat. Fast alle leben vom Tourismus.

Sorgen um die wirtschaftliche Existenz

Hurghada ist eine junge Stadt, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts gegründet wurde und bis in die Siebziger vor sich hin schlummerte, ehe mit dem Tourismus eine neue Zeit anbrach. 2015 wurde Hurghada zum beliebtesten arabischen Urlaubsziel gekürt, nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen mit der algerischen Küstenstadt Oran. Nach Jahren der Flaute war für dieses Jahr ein Anstieg der Touristenzahlen erwartet worden, insbesondere aus Russland und Deutschland. Niemand ahnte, dass die Zahl der Touristen im Frühjahr bei null Komma null liegen würde.

Leere Strände in Hurghada, Ägypten; Foto: picture-alliance/dpa
Leergefegte Strände im ägyptischen Hurghada: In dem beliebten Badeort in Ägypten sind die Liegen dieser Tage zu Türmen gestapelt, kein einziger Tourist ist unter den Sonnenschirmen zu sehen. Wegen der Corona-Krise sind Urlauber abgereist, Hotels und Restaurants wurden geschlossen. Das Meer ist auch abgesperrt. Und niemand weiß, wann das Strandleben hier wieder möglich sein wird.

Eine Situation, die insgesamt fast vier Millionen Ägypter betrifft, die in dieser Branche tätig sind. Viele stellen die bange Frage: Werden Hotels und Ressorts ihre Angestellten entlassen? Die ägyptische Regierung hat Beschlüsse gefasst, um eine Massenentlassung zu verhindern. Als dennoch eines der großen Hotels in Hurghada ankündigte, es werde Mitarbeitern kündigen, entzog ihm die Regierung die Lizenz. So herrscht ein Tauziehen zwischen dem Versuch, die Angestellten zu schützen, und der berechtigten Frage der Hotelbetreiber: Wie lange sollen wir noch Gehälter zahlen, ohne irgendwelche Einnahmen? Die Mutter des kleinen Adam ist übrigens inzwischen genesen.

Wenn die Angst regiert

Er heißt Yasri, ist Inhaber des Friseursalons "Adonis" im Zentrum von Kairo. Yasri ist vier Jahre älter als ich, und ich kenne ihn schon seit mehr als vierzig Jahren. Sein Vater war der Friseur meines Großvaters, den ich immer zum Rasieren und Haareschneiden begleitete. Als Yasri heranwuchs, frisierte sein Vater nur noch meinen Großvater, während der Sohn sich um meinen Kopf kümmerte. Als Yasris Vater vor einigen Jahrzehnten verstarb, übernahm der Sohn den Salon. Ich habe Yasri mein ganzes Leben lang alle zwei Wochen aufgesucht. Sollte ich jetzt aus Angst vor dem Virus nicht mehr zu ihm gehen?

Ich rief ihn an, um ihn zu beruhigen, fand ihn aber nicht in bester Verfassung. Obgleich er seinen Salon von neun Uhr morgens bis sechs Uhr abends geöffnet hat, kommen siebzig Prozent weniger Kunden. Seine Einkünfte sind so stark eingebrochen, dass er es "gefährlich" nennt. Er kann nicht den Sicherheitsabstand zu seinen Angestellten einhalten und muss neben Miete, Stromkosten und Gehältern auch noch den Unterhalt für seine Familie aufbringen. Wie lange wird das dauern, fragte er mich. Mit Mühe könne er vielleicht zwei Monate durchhalten.

Yasri befindet sich in einer ähnlich schwierigen Lage wie sein Sohn. Dieser hatte einen Wagen gekauft und fährt für den Fahrdienst Uber. An dem Fahrzeug sind acht Personen beteiligt, ein System, das in Ägypten üblich ist: Anstatt bei der Bank einen Kredit aufzunehmen, leihen sich viele Geld von Bekannten, die einander vertrauen. Mit dem, was das Fahrzeug einbringt, wird in wöchentlichen Raten der Kredit abgezahlt. So hat es auch Yasris Sohn gemacht, und deshalb sind die Verwandten an der Investition beteiligt. Aber jetzt berichtet er, dass er kaum noch Einkünfte hat, weil viele Fahrgäste Angst haben, der Fahrer könnte infiziert sein. Vielleicht wird er seine Schulden nicht mehr zurückzahlen können.

Die Angst regiert. Und mit der Angst kommen die Dämonen. Ich höre ihr Gebrüll.

Khaled al-Khamissi

© Süddeutsche Zeitung 2020

Aus dem Arabischen von Markus Lemke

Khaled al-Khamissi, geboren 1962 in Kairo, ist ein ägyptischer Schriftsteller und Publizist. Zuletzt erschien von ihm auf Deutsch "Arche Noah" (Lenos Verlag).

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