So legt die Verfassung drei Prozent vom ägyptischen Bruttosozialprodukt als unterste Grenze der Aufwendungen für das Gesundheitswesen, sechs Prozent für Bildung und Hochschulbildung und ein Prozent für wissenschaftliche Forschung fest, was sich im internationalen Vergleich mehr als bescheiden ausnimmt. Doch werden diese Quoten auch eingehalten? Leider nein. Im Haushalt 2016/17 hat die ägyptische Regierung weniger als zwei Prozent des Bruttosozialprodukts für das Gesundheitswesen bereitgestellt, was umgerechnet lediglich drei Milliarden Euro entspricht.

Gleiches gilt für Bildung und Hochschulbildung, wo die Regierung anstelle der festgelegten sechs nur vier Prozent des Bruttosozialprodukts für nötig befand, während für wissenschaftliche Forschung gar nur 0,72 Prozent zur Verfügung standen. In diesem Zusammenhang veröffentlichte die hiesige Presse eine Meldung, dass das Gesundheitsministerium bekannt gegeben habe, aus den Beratern des Ministeriums sei ein wissenschaftlicher Ausschuss gebildet worden, der nun über die Maßnahmen zur Eindämmung des neu aufgetretenen Coronavirus entscheide.

Natürlich sorgen derartige Meldungen bei den Ägyptern, die um die dürftigen Etatmittel für wissenschaftliche Forschung wissen, nur für traurigen Spott. Denn wir wissen sehr wohl, dass wir bei unseren läppischen Forschungsausgaben kaum auf wissenschaftliche Erfolge hoffen können. Ein betrüblicher Umstand.

Nur Brosamen für die Kulturarbeit

Was den Etat des ägyptischen Kulturministeriums betrifft, so dürfte dieser im besten Fall unter dem eines einzigen großen Theaters in Deutschland oder Frankreich liegen und zudem zu beinahe neunzig Prozent für die Gehälter der Ministeriumsmitarbeiter draufgehen. Für die eigentliche Kulturarbeit bleiben nur Brosamen.

Der ägyptische Schriftsteller Khaled al-Khamissi; Foto: DW/W.Knipp
Khaled al-Khamissi, geboren 1962 in Kairo, studierte Politikwissenschaften an der Universität Kairo und der Sorbonne. Er arbeitet als Journalist für diverse ägyptische Zeitungen. In seinem früheren Erfolgsroman "Im Taxi" ließ er Taxifahrer aus Kairo zu Wort kommen, die die politischen Missstände des damaligen Mubarak-Regimes anprangerten.

Ich führe in einem Artikel wie diesem eigentlich nicht gerne viele Zahlen an. Aber ich sehe mich nun mal mein ganzes Leben schon mit einer Frage konfrontiert, auf die ich anstelle einer schlüssigen Antwort bis heute nur fassungsloses Bedauern habe. Wie konnten sämtliche Regierungen in diesem Land Wissen, Kultur, Bildung und Gesundheit derart konsequent ignorieren und sich stattdessen beinahe ausschließlich für Sicherheit, Rüstung und Immobilienentwicklung interessieren?

Dabei hat die weiche Macht dieses Landes vor allem auf regionaler Ebene immer in Ägyptens kulturellem Gewicht bestanden. Die Stärke Ägyptens war unser künstlerisches und literarisches Schaffen, unsere Film- und Theaterproduktionen und unser intellektuelles Wirken innerhalb der arabischen Welt.

Ich erinnere mich nicht, jemals ein arabisches Land besucht zu haben, ohne an zahlreichen öffentlichen Orten populäre ägyptische Lieder zu hören oder von den Einheimischen nach diesem Schauspieler oder jenem Autor befragt zu werden. Aber natürlich hat dieser bedeutende kulturelle Stellenwert Ägyptens in den letzten Jahren unbestreitbar gelitten.

Das Beste für diesen Planeten

Lassen Sie mich gestehen, dass ich mich in diesen Tagen oft sehr schönen, angenehmen Tagträumen hingebe und mir wie in einem Märchen ausmale, wir könnten vernünftiger und näher an unserer Menschlichkeit aus dieser Seuche hervorgehen.

Ich träume davon, dass wir diesen wahnsinnigen Blutzoll für Militärausgaben stoppen und stattdessen unser Wissen und unsere menschlichen Gefühle fördern; dass wir aufhören, unseren Planeten zu zerstören, und anfangen, in einer Weise zu konsumieren, die unsere Ressourcen bewahrt; dass wir uns auf das besinnen, was das Beste für diesen Planeten ist, und nicht immer das Profitabelste.

Denn könnte diese Seuche nicht der Beginn einer vernünftigeren, besseren Welt sein, wie wir sie nach dem Zweiten Weltkrieg versäumt haben hinzubekommen? Bitte lassen Sie uns noch ein bisschen träumen, dass wir es nach dieser Plage dorthin schaffen.

Khaled al-Khamissi

© Süddeutsche Zeitung 2020

Aus dem Arabischen von Markus Lemke

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