Das Land steckt in einer schweren politischen Krise. Seit Oktober gibt es Massendemonstrationen gegen die korrupte politische Elite. Der Premierminister ist im Dezember mit seinem Kabinett zurückgetreten. Seitdem wird ein neuer Regierungschef gesucht, der eine Übergangsregierung aufbieten und Neuwahlen organisieren kann. Einer ist schon gescheitert, ein zweiter versucht es gerade. Um der Pandemie zu begegnen, bleibt nur Abriegelung und Isolation. Der Flughafen ist geschlossen worden, die Grenzen zu den Nachbarländern sind ebenfalls dicht, im kurdischen Nordirak ist die Ausgangssperre um eine weitere Woche verlängert worden.

Doch es soll Ausnahmen geben. Zwei oder drei Grenzen zum Iran sind offen geblieben, obwohl gerade von dort das Virus herkommt. Die ersten infizierten Iraker hatten alle einen Aufenthalt beim Nachbarn verzeichnet. Die Verflechtung beider Länder ist tief.

Ein reger Austausch erfolgt nicht nur auf politischer, sondern auch auf gesellschaftlicher und vor allem religiöser Ebene. Millionen iranischer Pilger besuchen jedes Jahr die für Schiiten heiligen Stätten in Kerbela und Najaf und eben auch den Schrein von Musa al-Khadim.

Situation außer Kontrolle

Ironie des Schicksals: Viele Iraker lassen sich im Iran medizinisch behandeln, obwohl das dortige Gesundheitssystem gerade jetzt total versagt. Mit 1.812 Corona-Toten liegt der Iran gleich hinter China und Italien. Über 23.000 Iraner sollen mit dem Virus infiziert worden sein (Stand 23. März). Ein Vertreter des Teheraner Gesundheitsministeriums, der seinen Namen nicht nennen möchte, schätzt, dass rund 40 Prozent der 81 Millionen zählenden Bevölkerung von Covid-19 betroffen seien.

"Die Situation ist außer Kontrolle geraten." Doch anstatt mit den Nachbarländern für die Bekämpfung des Virus zusammenzuarbeiten, gibt sich Teheran verärgert über die "falsche Berichterstattung der Medien". Iradsch Harirtschi, stellvertretender Gesundheitsminister, trat Ende Februar vor die Presse und wollte die Bevölkerung beruhigen - es sei alles unter Kontrolle.

Mit Schweiß auf der Stirn saß er vor den Mikrofonen. Immer wieder musste er husten. Kurz darauf postete er ein Video: "Ich möchte sie darüber informieren, dass ich mich mit dem Coronavirus infiziert habe, die Tests waren positiv." Seitdem hat die Glaubwürdigkeit der iranischen Führung schwer gelitten. Auch im Irak. "Sie bringen uns das Virus", heißt es immer häufiger auf Bagdads Straßen.

Die Haltung zum Nachbarn Iran ist in den letzten Monaten ein stetiges Wechselbad der Gefühle. Während sich die Massenproteste gegen die irakische politische Klasse Anfang Oktober auch gegen den Einfluss Irans und Amerikas im Zweistromland richteten, kippte die Stimmung, als Washington Anfang Januar den iranischen General Qassem Soleimani auf irakischem Territorium töten ließ. Danach verschwanden Anti-Iran-Parolen vom Tahrir-Platz. US-Fahnen und Israel-Transparente wurden verbrannt, Demonstrationsmärsche für den Abzug amerikanischer Soldaten aus dem Irak veranstaltet.

Als die von Iran gesteuerten Schiitenmilizen gegen Protestler im Irak vorgingen, einige von ihnen erschossen, ihre Familien bedrohten und auch im Iran selbst die Protestbewegung blutig niedergeschlagen wurde, veränderte sich das Bild abermals. Mit dem Import des Coronavirus aus dem Iran dürfte sich die Haltung gegen den Nachbarn im Osten jetzt weiter verschärfen.

Birgit Svensson

© Qantara.de 2020

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