Corona-Krise im Irak

Home-Office in Bagdad

Auch im Irak grassiert Corona. Trotzdem pilgern Hunderttausende zu einem schiitischen Schrein. Das Gesundheitssystem des Landes räumte bereits jetzt ein, der Epidemie nicht gewachsen zu sein. Informationen von Birgit Svensson aus Bagdad

Ausgangssperre in Bagdad. Seit Mitte März sind Restaurants, Bars, Cafés und Fast Food Läden geschlossen, Veranstaltungen abgesagt, Menschenansammlungen verboten. Doch die Menschen ignorieren das. Bis zu 400.000 Pilger versammelten sich am Freitag, dem 20. März im Norden von Bagdad, wo der siebte der insgesamt zwölf schiitischen Imame begraben liegt.

Musa al-Kadhim gilt als Nachfahre des Propheten Mohammed. Jedes Jahr um diese Zeit gedenken die Gläubigen seines Todes im Jahre 745. Schiiten aus der ganzen Welt kommen dann nach Khadamija, in den Stadtteil der irakischen Hauptstadt, der seinen Namen trägt. Auch dieses Jahr, in Zeiten von Corona.

Der Pilgermarsch dauert mehrere Tage. "Wenn Allah will, dass wir sterben, dann sterben wir", hört man die Gläubigen auf die Frage antworten, warum sie der Maßnahme des Staates zuwiderhandeln und so leichtfertig ihr Leben aufs Spiel setzen. Bereits 2005 und 2010 kam es bei diesem Pilgermarsch zu einer Massenpanik mit jeweils bis zu 1.000 Toten. Jetzt hat die irakische Regierung im Zeichen des Corona-Virus Soldaten eingesetzt, um den Besuch des Schreins zu verhindern. Die Behörden gehen trotzdem davon aus, dass die Zahl der Infizierten in den nächsten Tagen erheblich ansteigen wird. 

"Alles Neue macht uns Angst"

Die Iraker sind Kummer gewohnt. Wer Überlebenstraining erlernen will, sollte nach Bagdad kommen. Drei Kriege, Wirtschaftsembargo, Widerstand gegen die amerikanischen und britischen Besatzer, Terror von Al-Qaida und dem IS: alles überlebt, alles überstanden, mit vielen Blessuren und Narben, auch viel Blut ist geflossen. Doch dieses Mal ist es anders. Das Virus, das sich in der Lunge festsetzt, hat eine neue, unerfahrene Situation hervorgerufen.

"Der Irak ist eine konservative Gesellschaft", sagt Amal Ibrahim, "alles Neue macht uns Angst". Und tatsächlich verbreitet das auch hier um sich greifende Covid-19 eine für Irak ungewöhnliche Atmosphäre.

Einerseits sieht man in Bagdad viele Menschen mit Mundschutz durch die Straßen gehen, sieht sie hektisch einkaufen und schnell wieder in ihren Häusern verschwinden. Schulen, Kindergärten und Universitäten sind seit zwei Wochen geschlossen. Die Angestellten im öffentlichen Dienst - die Mehrheit der irakischen Berufstätigen - arbeiten nurmehr 50 Prozent.

Wer nicht von zu Hause arbeiten kann, kommt nur jeden zweiten Tag zum Dienst. Amal Ibrahim, Mutter von vier Kindern, ist seit einer Woche im Home-Office. Dabei erleidet sie das gleiche Schicksal wie Mütter in Deutschland. Ihre kleinste, elfjährige Tochter findet es toll, wenn Mutti zuhause ist und fragt alle fünf Minuten, ob sie Zeit für sie hätte oder etwas erklären könnte. An konzentriertes Arbeiten ist dabei nicht zu denken.

Corona-Krise als Vorwand zur Repression?

Andererseits gibt es immer mehr Menschen, die ihrer Regierung nicht glauben und die das Szenario als eine weitere Maßnahme zur Unterdrückung und Freiheitsberaubung empfinden. Als vor zwölf Jahren im Bürgerkrieg monatelang Ausgangssperre im Irak verordnet wurde, war die Bedrohung sichtbar. Bomben explodierten, Sprengsätze konnten jeden treffen, Tote lagen auf den Bürgersteigen. Jetzt ist die Gefahr unsichtbar.

Außerdem sterben fast täglich Demonstranten, erschossen von Schiitenmilizen am Tahrir-Platz, werden Protestler gekidnappt und tagelang festgesetzt, auch gefoltert, um Geständnisse und Informationen zu erpressen. "Da ist es schwer einzusehen, dass wir jetzt wegen eines Virus zuhause bleiben sollen", sagt Maha in einem Protestzelt auf Bagdads Tahrir-Platz. "Die wollen uns damit nur ausrotten."

Demokratie-Aktivisten auf dem Tahrir-Platz in Bagdad; Foto: Reuters
"Die wollen uns damit nur ausrotten": Die Ausbreitung des Coronavirus im Irak bedeutet für die Demokratiebewegung auf dem Tahrir-Platz in Bagdad einen schweren Schlag, da die Regierung die Versammlungsfreiheit weiter drastisch einschränkt. Laut Gesundheitsministerium liegt die Zahl der Infizierten bei knapp 200 Personen. Die tatsächliche Zahl dürfte aber weitaus höher liegen.

Der Irak hat drastische Maßnahmen ergriffen, damit sich das Virus nicht weiter ausbreitet, obwohl bis jetzt offiziell - laut Gesundheitsministerium in Bagdad - nur knapp 200 Personen infiziert sind. Die tatsächliche Zahl der Infizierten dürfte aber weitaus höher liegen. Was allerdings als sehr wahrscheinlich erscheint, ist die Sterberate: 20 Personen sind an Covid-19 bereits gestorben. Im Verhältnis zu den Infektionen ist das viel.

Unfähig, der Epidemie wirksam zu begegnen

Der irakische Gesundheitsminister, Jaafar Allawi, räumt ein, dass das Land unfähig sei, der neuen Epidemie zu begegnen. Sollte sich das Virus wie in anderen Ländern ausbreiten, "haben wir keine Kapazitäten, um es zu bekämpfen. Wir haben keine Behandlungsmöglichkeiten." Man habe die Regierung um fünf Milliarden US-Dollar gebeten, um eine bessere Bekämpfung des Corona Virus zu ermöglichen, doch bis jetzt gibt es keine zusätzlichen Mittel.

Das Land steckt in einer schweren politischen Krise. Seit Oktober gibt es Massendemonstrationen gegen die korrupte politische Elite. Der Premierminister ist im Dezember mit seinem Kabinett zurückgetreten. Seitdem wird ein neuer Regierungschef gesucht, der eine Übergangsregierung aufbieten und Neuwahlen organisieren kann. Einer ist schon gescheitert, ein zweiter versucht es gerade. Um der Pandemie zu begegnen, bleibt nur Abriegelung und Isolation. Der Flughafen ist geschlossen worden, die Grenzen zu den Nachbarländern sind ebenfalls dicht, im kurdischen Nordirak ist die Ausgangssperre um eine weitere Woche verlängert worden.

Doch es soll Ausnahmen geben. Zwei oder drei Grenzen zum Iran sind offen geblieben, obwohl gerade von dort das Virus herkommt. Die ersten infizierten Iraker hatten alle einen Aufenthalt beim Nachbarn verzeichnet. Die Verflechtung beider Länder ist tief.

Ein reger Austausch erfolgt nicht nur auf politischer, sondern auch auf gesellschaftlicher und vor allem religiöser Ebene. Millionen iranischer Pilger besuchen jedes Jahr die für Schiiten heiligen Stätten in Kerbela und Najaf und eben auch den Schrein von Musa al-Khadim.

Situation außer Kontrolle

Ironie des Schicksals: Viele Iraker lassen sich im Iran medizinisch behandeln, obwohl das dortige Gesundheitssystem gerade jetzt total versagt. Mit 1.812 Corona-Toten liegt der Iran gleich hinter China und Italien. Über 23.000 Iraner sollen mit dem Virus infiziert worden sein (Stand 23. März). Ein Vertreter des Teheraner Gesundheitsministeriums, der seinen Namen nicht nennen möchte, schätzt, dass rund 40 Prozent der 81 Millionen zählenden Bevölkerung von Covid-19 betroffen seien.

"Die Situation ist außer Kontrolle geraten." Doch anstatt mit den Nachbarländern für die Bekämpfung des Virus zusammenzuarbeiten, gibt sich Teheran verärgert über die "falsche Berichterstattung der Medien". Iradsch Harirtschi, stellvertretender Gesundheitsminister, trat Ende Februar vor die Presse und wollte die Bevölkerung beruhigen - es sei alles unter Kontrolle.

Mit Schweiß auf der Stirn saß er vor den Mikrofonen. Immer wieder musste er husten. Kurz darauf postete er ein Video: "Ich möchte sie darüber informieren, dass ich mich mit dem Coronavirus infiziert habe, die Tests waren positiv." Seitdem hat die Glaubwürdigkeit der iranischen Führung schwer gelitten. Auch im Irak. "Sie bringen uns das Virus", heißt es immer häufiger auf Bagdads Straßen.

Die Haltung zum Nachbarn Iran ist in den letzten Monaten ein stetiges Wechselbad der Gefühle. Während sich die Massenproteste gegen die irakische politische Klasse Anfang Oktober auch gegen den Einfluss Irans und Amerikas im Zweistromland richteten, kippte die Stimmung, als Washington Anfang Januar den iranischen General Qassem Soleimani auf irakischem Territorium töten ließ. Danach verschwanden Anti-Iran-Parolen vom Tahrir-Platz. US-Fahnen und Israel-Transparente wurden verbrannt, Demonstrationsmärsche für den Abzug amerikanischer Soldaten aus dem Irak veranstaltet.

Als die von Iran gesteuerten Schiitenmilizen gegen Protestler im Irak vorgingen, einige von ihnen erschossen, ihre Familien bedrohten und auch im Iran selbst die Protestbewegung blutig niedergeschlagen wurde, veränderte sich das Bild abermals. Mit dem Import des Coronavirus aus dem Iran dürfte sich die Haltung gegen den Nachbarn im Osten jetzt weiter verschärfen.

Birgit Svensson

© Qantara.de 2020

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