In Qom studieren 40.000 ausländische Seminaristen schiitische Theologie. Sie sollen später als Missionare in ihren Heimatländern für den schiitischen Islam werben und, wenn nötig, auch kämpfen. 700 von ihnen kommen aus China. In Qom ist die Seele der Islamischen Republik zuhause.

Dass die Bewohnerinnen und Bewohner einer solchen Stadt von einer derart schrecklichen Plage heimgesucht werden – das würde Gott doch niemals zulassen. Am 17. Februar trat Gholamerza Jalai in der Uniform der Revolutionsgarde vor die Fernsehkameras, referierte über die gottgegebene Immunität der heiligen Stadt und dementierte kategorisch alles, was bereits an diesem Tag ein offenes Geheimnis war: Es gäbe weder in Qom noch sonstwo im Land einen einzigen Corona-Fall. Jalai musste es wissen: Er ist Chef des iranischen Zivilschutzes. Doch die Zeit der Lüge und des Leugnens dauerte nicht lang.

Der Virus entlarvt die Lüge

72 Stunden später meldete der Vize-Gesundheitsminister den Tod von zwei Corona-Infizierten in Qom. Drei Tage später waren es bereits 12 Tote, aber nur 47 Infizierte. Niemand glaubte diesen Zahlen. Am selben Tag sagte Assadollah Abasssi, Abgeordneter aus Qom, vor Journalisten, er habe persönlich die Namen von 50 Corona-Toten an den Vizeminister übergegeben. Der entgegnete, Abassi solle beweisen, dass diese Toten tatsächlich am Coronavirus gestorben seien. Der Vizeminister ist inzwischen aus der Öffentlichkeit verschwunden, weil er selbst mit dem Virus infiziert ist.

Laden in der zentraliranischen Stadt Qom; Quelle: IRNA
Zwischen Quarantäne und fehlender medizinischer Versorgung: Schilder dieses Einkaufsladens in Qom weisen auf die Mängel im Land hin: "Wir haben keine Schutzmasken, Desinfektionsgele und Alkohol-Sprays". Der Iran ist das vom Corona-Virus am stärksten betroffene Land nach China. Bislang starben 514 Menschen, 11.364 wurden bereits infiziert.

Wie auch immer: Das Lügengespinst um den Abschuss der ukrainischen Passagiermaschine durch die iranische Revolutionsgarde am 8. Januar hatte nur drei Tage gedauert. Das Corona-Märchen dauerte mehrere Wochen. Der Grund: Zum einen gab es keinen Druck aus dem Ausland. Zum zweiten hatten die Machthaber in dieser Zeitspanne zwei wichtige Termine zu absolvieren, für die organisierte Menschenmassen notwendig waren: den 9. Februar, Jahrestag der Revolution, und die Parlamentswahlen am 21. Februar.

Als diese wichtigen Termine vorbei waren, trauten sich einige Journalisten und Mediziner, zu fragen, ob man nicht von den Chinesen lernen und die Stadt Qom unter Quarantäne stellen sollte. Eine Welle der Empörung, ein ohrenbetäubender Aufschrei der einflussreichsten Ayatollahs erfasste sofort das ganze Land – und alle Fragen verstummten. Die Kranken dieser Welt suchten und fänden am Schrein in Qom Heilung und Gesundheit, niemand dürfe und könne die heilige Stadt unter Quarantäne stellen, sagte Ayatollah Saidi, der Oberste Diener des heiligen Schreins.

Qom blieb also für jeden zugänglich, der Virus hatte seine Freiheit. Und breitete sich rasant im ganzen Land aus. 31 Provinzen des Iran sind inzwischen betroffen. Gilan und Mazandaran, die beiden nordiranischen Provinzen am Kaspischen Meer, haben Qom inzwischen abgelöst und sind zu den gefährlichsten Verbreitungsorten des Virus avanciert.

Offiziell gibt es bis heute (Stand: 13. März 2020) im Iran 514 Tote und 11.364 Infizierte. Doch die sozialen Medien und unabhängige Webseiten präsentieren andere Zahlen. Niemand glaubt niemandem mehr, den Verwaltern des Glaubens wird am wenigsten geglaubt.

Machtlosigkeit, wohin man schaut

Ob und wie die Machthaber in Teheran dieses Drama bewältigen können, ist schwer vorauszusagen. Die Islamische Republik lebte in ihrer über 40-jährigen Geschichte ständig in und von der Krise. Doch die Corona-Krise übertrifft alles Bisherige, denn sie trifft das Land in einer Situation der Ausweglosigkeit. Das Regime ist diplomatisch und wirtschaftlich praktisch isoliert, nun kommt eine Seuchenquarantäne hinzu. Alle Grenzen des Iran zu seinen Nachbarländern sind dicht. Das ist ein Wendepunkt in der Geschichte dieses hybriden Staates, der sich Republik nennt.

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