Contemparabia 2010 in Beirut

Fragmente der Erinnerung

Im Rahmen des diesjährigen "Contemparabia"-Events, das eine Tour durch neue Kunst- und Designwelten der arabischen Welt bot, zeigten zehn Beiruter Galerien im City Center Dome eine Ausstellung mit Werken von 35 zeitgenössischen libanesischen Künstlern. Von Charlotte Bank

Im Rahmen des diesjährigen "Contemparabia"-Events, das eine Tour durch neue Kunst- und Designwelten der arabischen Welt bot, zeigten zehn Beiruter Galerien im City Center Dome eine Ausstellung mit Werken von 35 zeitgenössischen libanesischen Künstlern. Von Charlotte Bank

Bild Alfred Tarazis/Contemparabia 2010; Foto: Charlotte Bank
Die Werke des Künstlers Alfred Tarazi spielen mit der Gegenüberstellung von Vergangenem und Gegenwärtigem, Realität und Imagination und fordern hiermit auf subtile Weise den Besucher auf, sich mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen.

​​Die Beiruter Künstlerin Lamia Joreige schrieb 2006 über ihre Arbeit: "Die Geschichte entweicht uns ständig, wir haben nur ihre Fragmente, festgehalten in Wörtern, Bildern, und Erinnerungen. Meine Arbeit während der letzten zehn Jahren hat sich um diese Flüchtigkeit gedreht und wie unsere Um-Ordnungen und Re-Interpretationen sich an der Grenze zu Fiktion bewegen."

Ihr Video "Here and Perhaps Elsewhere" (2003) ist eine Reflexion über persönliche Geschichtsauffassungen und die Verbindung zur urbanen Umgebung. Die Künstlerin hatte Menschen entlang der ehemaligen "Grünen Linie" Beiruts befragt, welche Erinnerungen sie persönlich mit dem Ort verbinden.

Der Großteil der Befragten erklärte, sie könnten sich an keine besonderen Ereignisse erinnern. Dabei wurden während des Bürgerkrieges hier viele Menschen entführt. Dieses reale Vergessen oder gewollte Verdrängen scheint symptomatisch zu sein für große Teile der libanesischen Gesellschaft heute, wie es wohl für viele Nachkriegsgesellschaften der Fall ist.

Spuren eines blutigen Konflikts

Dass sich in einer mangelnden Aufarbeitung auch Gefahren bergen, ist ein immer wiederkehrendes Thema in den Werken zeitgenössischer Künstler des Landes, die sich einsetzen für eine persönliche Auseinandersetzung mit "den Ereignissen", wie der libanesische Bürgerkrieg oft genannt wird.

Die Spuren des 15jährigen Krieges sind immer noch an vielen Orten der Stadt deutlich sichtbar, auch wenn ein hemmungsloser Bauboom versucht, jede Erinnerung zu tilgen, und die Stadt in einem neuen, mondänen und geschichtslosen Glanz erscheinen zu lassen.

​​Gerade das Zentrum, der "Beirut Central District", ist besonders davon betroffen. Und doch steht hier ein Gebäude, das diesem Prozess trotzt und sich, obwohl vom Abriss bedroht und durch Einschüsse und allgemeine Vernachlässigung beschädigt, zu einem alternativen Kunst- und Kulturraum entwickelt hat.

Das "Dome" (in der Beiruter Umgangssprache auch "saboun" = Seife oder "the egg" aufgrund seiner charakteristischen Form benannt), ein Einkaufs- und Kinokomplex des libanesischen Architekten Joseph Philippe Karam aus dem Jahr 1970 hat für die libanesische Hauptstadt eine fast ikonenhafte Bedeutung.

Als Beispiel einer kühnen, modernistischen Architektur steht es sinnbildlich für die Hoffnungen, die im Bürgerkrieg zerstört wurden. Als eines der wenigen noch erhaltenen Gebäude aus der Vorkriegszeit im Zentrum ist es jetzt auch ein Mahnmal und Zeichen gegen den Krieg.

Zwei der ausgestellten Künstler bezogen sich in ihren Arbeiten auf die Auswirkungen des Krieges auf die Stadt und die Problematik um Geschichtsaufarbeitung und –Verdrängung. Der Künstler und Kulturaktivist Alfred Tarazi arbeitet an mehreren größeren Projekten, in denen er sich kritisch mit der selbstgewählten Amnesie seiner Heimat auseinandersetzt und an die sinnlosen Opfer und Horror des Bürgerkrieges erinnert.

Gegen Krieg und Märtyrerkult

In seiner Initiative "Silent Square", in dem er ein Anti-Kriegs-Monument für den zentralen Martyrs' Square vorschlägt, kritisiert er die – wie er sagt "Glorifizierung des Märtyrers".

In großformatigen Fotocollagen, von denen eine Auswahl in der Ausstellung gezeigt wurden, überlagert der Künstler alte Postkarten aus der Zeit vor dem Bürgerkrieg oder neue Aufnahmen von Straßen und Stadtlandschaften mit Schwarz-Weiß-Fotos aus der Zeit des Bürgerkrieges.

Bewaffnete Frauen und Kinder, verzweifelte und schreiende Zivilisten, Soldaten und Opfer stehen in einem harten Kontrast zu den Postkarten, die idyllische Ansichten der Sehenswürdigkeiten des Landes zeigen oder den glitzernden Ansichten des heutigen Beiruts.

Saleh Saouli/Contemparabia; Foto: Charlotte Bank
Mehrschichtigkeit geschichtlicher Erinnerung: Salah Saoulis "Das Labyrinth" steht im Zentrum der Installation Contemparabia 2010

​​Die Arbeiten decken auf diese Weise die verdrehte Geschichtsauffassung derer auf, die sich in nostalgische Sehnsucht nach einer vermeintlich besseren, "guten alten Zeit" vor dem Krieg flüchten und nicht bereit sind, die Gespenster der Vergangenheit ins Gesicht zu sehen.

Die Geschichte des "Dome" verknüpft die umgebende Stadt und die Erinnerungen der Besucher, wachgerufen durch diese Arbeiten und unterstreichen die Bedeutung des Gebäudes als Ort der künstlerischen Auseinandersetzung mit der jüngeren Geschichte der Stadt.

Die Mehrschichtigkeit geschichtlicher Erinnerung steht auch im Zentrum von Salah Saoulis Installation "Das Labyrinth", das aus 40 transparenten Platten besteht, die in einer labyrinthischen Form von der Decke hängen.

Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte

Die Platten sind mit Fotos bedruckt – historische Aufnahmen, Reproduktionen alter Postkarten, Fotografien, die der Künstler während des Krieges aufgenommen hat, wechseln sich mit den Portraits von Menschen ab, die während des Krieges verschwanden und seitdem vermisst werden. Wer sich durch die Installation bewegt, sieht sich mit einem kontinuierlichen Fluss durchsichtiger und durchscheinender Bilder konfrontiert.

Bei jedem Schritt durch das Werk, bei jedem Winkel der Betrachtung ändert sich die Konstellation der Bilder, diese erscheinen immer neu, in einem mehrschichtigen Wechsel zwischen scharf und unscharf, fragmentarisch und ganz.

Die Installation wirkt wie ein Palimpsest, das die Bruchstücke der Erinnerung des Besuchers reflektiert, auf der Grenze zwischen Realem und Imaginärem. Der Besucher tritt aus der Rolle des passiven Betrachters heraus und wird in einem quasi-archäologischen Prozess hineingezogen, ist eingeladen, sich mit eigenen Vorstellungen von der Geschichte der Stadt zu befassen. Somit bietet das Werk die Gelegenheit einer Reise durch die eigenen mentalen Landschaften.

Salah Saouli und Alfred Tarazi spielen in ihren Werken mit der Gegenüberstellung von Vergangenem und Gegenwärtigem, historischen Zeugnissen und zeitgenössischen Aufnahmen, Realität und Imagination und fordert hiermit auf subtile Weise jeden Besucher auf, sich mit der eigenen erlebten Geschichte auseinanderzusetzen.

Der Rahmen, in dem diese Werke hier präsentiert wurden, hätte kaum besser gewählt werden können. Das "Dome" scheint mit seiner eigenen Geschichte ein besonders passender Ort hierfür, lädt es doch auch selbst zu einer solchen Reflexion ein.

Charlotte Bank

© Qantara.de 2010

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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