Constantin Schreibers Moscheereport

Outside Islam

Der Fernseh-Journalist hat über Predigten in muslimischen Gebetshäusern recherchiert und daraus TV-Reportagen und ein Buch gemacht. Nun steht er in der Kritik. Schreiber wird vorgeworfen, unsauber gearbeitet und sich dem Thema voreingenommen gewidmet zu haben. Was ist dran an der Kritik? Antworten von Canan Topçu

Constantin Schreiber ist einer größeren Öffentlichkeit seit seiner TV-Sendung "Merhaba" bekannt. Darin erklärte er Geflüchteten auf Arabisch, wie Deutschland tickt. Für diese Reihe bekam er viel Lob und auch einen Journalistenpreis. Jüngst hat Schreiber ein Buch mit dem Titel "Inside Islam" veröffentlicht. Aus den Recherchen entstand auch die TV-Reihe "Moscheereport". Mit beiden Arbeiten erregt der Journalist erneut Aufsehen, doch diesmal bekommt er viel Kritik.

Schreiber stellt in seinem Buch 13 Moscheen in Berlin, Hamburg, Leipzig, Magdeburg, Potsdam und Karlsruhe vor und nimmt je eine Freitagspredigt unter die Lupe. Die auf Türkisch oder Arabisch gehaltenen Predigten hat er sich übersetzen lassen und mit Unterstützung des Islamwissenschaftlers Abdelhakim Orghi und anderen "dechiffriert". Das Ergebnis seiner Recherchen: Die Predigten haben es in sich! "Abgrenzung, Bewahrung der muslimischen Identität und die Aufforderung, sich von den Einflüssen in Deutschland abzuschirmen, waren zentrale Botschaften." Die Warnung vor dem Leben in Deutschland habe sich wie ein roter Faden durch viele der Predigten gezogen, resümiert Schreiber am Ende des Buches.

Was nicht passt wird passend gemacht

Die Auswahl der Moscheen für seine Recherchen sei "zufällig" entstanden, erklärt Schreiber im Buch. Das klingt unglaubwürdig, wenn man weiß, nach welchem Prinzip viele Verlage heutzutage Bücher herausgeben. Die wichtigsten Zutaten sind: eine spektakuläre These und ein griffiger, reißerischer Titel. Erst wenn sich Verlag und Autor geeinigt haben, beginnt die Arbeit, also das Zusammentragen des Materials. Alles, was nicht zur These passt, wird ausgespart oder passend gemacht.

Über Moscheen sei – so Schreiber - wenig bekannt und "die wenigsten Deutschen" überschritten die Schwelle in "eine der zahlreichen Moscheen in unserem Land". Damit erweckt der Journalist den Eindruck, als habe er sich in ein Terrain begeben, in das sich bislang keiner gewagt habe. Genauere Recherchen im Vorfeld hätten ihn eines besseren belehrt. Dann nämlich hätte er herausfinden können, dass sehr wohl andere Journalisten und Experten wie etwa Professor Rauf Ceylan sich kritisch mit Imamen und Moscheen beschäftigt haben.

Buchcover "Inside Islam" von Constatin Schreiber; Quelle: Ullstein Buchverlage
Aus der Luft gegriffen: Wer Schreibers Buch liest und sich mit der Kritik an seiner Vorgehensweise befasst, wird den Verdacht nicht los, dass der Journalist sich unlauterer Methoden bedient und keineswegs unvoreingenommen recherchiert hat, um die These von integrationshemmenden Predigten aufrecht zu erhalten.

In vielen Passagen des rund 250 Seiten umfassenden Buches schwingt ein Subtext mit – nämlich, dass es nicht mit rechten Dingen zugeht in den Moscheegemeinden. Das hängt wohl damit zusammen, dass sich Schreiber – wie er ja auch selbst bekundet –  nicht auskennt mit Moscheen. Was wiederum erstaunlich ist, hat er doch viele Jahre als Journalist in muslimischen Ländern gelebt.

Mehr als nur Neugier nötig

"Meine Mittel sind Fragen, Beobachten, Analysieren", erklärt er im Buch. Diese Mittel allein reichen aber nicht aus. Abläufe und Besonderheiten in Moscheen erklären sich nicht von selbst. Um zu verstehen, was in einer muslimischen Gebetsstätte zu sehen und zu hören ist, braucht es mehr als nur Neugier. Ohne entsprechendes Vorwissen oder sachkundigem Begleiter führt das Überschreiten von Schwellen zu Moscheen eben nicht zu der angeblich von Schreiber intendierten Aufklärung. Vor allem dann nicht, wenn einen bei den Besuchen das Misstrauen begleitet. Dieses Misstrauen klingt in Schreibers Buch immer wieder durch – so etwa, wenn er sich fragt, warum so viele Jugendliche zum Mittagsgebet in der Moschee sind und ob sie wohl die Schule schwänzen. Er hätte sie einfach mal fragen können. Was er aber nicht gemacht hat.

Wer Schreibers Buch liest und sich mit der Kritik an seiner Vorgehensweise befasst, wird den Verdacht nicht los, dass der Journalist sich unlauterer Methoden bedient und keineswegs unvoreingenommen recherchiert hat, um die These von integrationshemmenden Predigten aufrecht zu erhalten. Um eine ausgewogene Darstellung kann es ihm nicht gegangen zu sein, dann nämlich hätte er "ganz zufällig" auch Moscheegemeinden aufstöbern können, in denen Imame tätig sind, die durchaus der deutschen Sprache mächtig sind und Predigten halten, die sehr wohl einen Bezug zu der Lebenswirklichkeit von Muslimen in diesem Land haben.

Plädoyer für mehr Sachlichkeit

Schreiber erntet aber nicht nur Kritik, weil er sich auf problematische Predigten konzentriert hat, sondern auch, weil er Predigten aufgrund falscher Übersetzungen als demokratie- und menschenverachtend interpretiert hat. Johanna Pink, die am Orientalischen Seminar der Universität Freiburg Islamwissenschaft lehrt, hat Schreibers TV-Reportage und Buch veranlasst, sich in einem Offenen Brief an die ARD-Redaktion zu wenden. Darin appelliert die Professorin, die Stimmung nicht noch weiter aufzuheizen, sondern durch differenzierte, sachliche und sorgfältig recherchierte Berichterstattung dagegenzuhalten. "Angesicht der Islamdebatten, die wir derzeit haben, ist mehr Sachlichkeit und weniger Sensationalismus angebracht", erklärt Pink.

Allein auf kritische Predigten zu fokussieren und die Grautöne außen vor zu lassen, das ist in der Tat wenig hilfreich. Im Gegenteil, es wird dazu beitragen, dass die Moscheegemeinden, die sich bislang am Dialog beteiligten und ihre Türen offen hatten – künftig abschotten werden, obwohl sie nichts zu verbergen haben.

Eine weitere Kritik betrifft Schreibers Hinweis, von Islamwissenschaftlern keine Unterstützung erhalten zu haben. Er habe etliche angeschrieben und um Expertisen angefragt, aber keine Antworten erhalten, erklärt er im Buch und auch in Zeitungsartikeln. Er interpretiert das als Desinteresse an inhaltlicher wissenschaftlicher Einordnung und Kontextualisierung der Predigten, die er "unter die Lupe" nahm. "Zahlreiche Experten gehen mir nach meinen Anfragen aus dem Weg, lassen Anrufe und E-Mails konsequent unbeantwortet. Ist es zu aufwändig, sich mit den teils langen Texten auseinanderzusetzen? Ist es zu sensibel, zu heikel?", heißt es im Buch.

Symbolbild Moschee in Deutschland; Foto: picture-alliance/dpa
Öl ins Feuer: "Allein auf kritische Predigten zu fokussieren und die Grautöne außen vor zu lassen, das ist in der Tat wenig hilfreich. Im Gegenteil, es wird dazu beitragen, dass die Moscheegemeinden, die sich bislang am Dialog beteiligten und ihre Türen offen hatten – künftig abschotten werden, obwohl sie nichts zu verbergen haben", kritisiert Canan Topçu..

Mehrere der angefragten Islamwissenschaftler sind inzwischen an die Öffentlichkeit gegangen. Einer von ihnen berichtet, seine Bereitschaft zur Kooperation mitgeteilt, danach aber keine Nachricht mehr von Schreiber erhalten zu haben; andere hingegen, wie etwa die Islamwissenschaftlerin Riem Spielhaus, die zu Moscheen in Berlin geforscht und publiziert hat, sind gar nicht angefragt worden. Andere wiederum erklären, aus unterschiedlichen Gründen Schreibers Anfrage abgelehnt zu haben. Die einen erklären, dass sie sich nicht für kompetent erachteten, arabische Predigten aus dem Kontext gerissen zu interpretieren; andere wiederum, dass es sehr aufwendig sei und sie keine Zeit hätten, ihm aber kompetente Personen vermitteln könnten, die gegen Honorar für ihn arbeiten.

Verzerrte Darstellungen

Die Islamwissenschaftlerin Verena Klemm ist eine der Expertinnen, die der Journalist um Unterstützung bat. Er schickte ihr per Email einige Predigten. Aus ihren Antworten zitiert Schreiber im Buch an mehreren Stellen – in einer Passage sind ihre Erläuterungen ergänzt, und zwar um diese Sätze: "Weihnachten gilt als gefährlich, weil es kulturell different ist. Es steht gegen die muslimische kulturelle und religiöse Identität. Muslime und Christen sollen kulturell auseinanderdividiert werden". Auch wenn eine Warnung vor Weinachten problematisch sei, handele es sich um Aussagen, die sie so nicht gemacht habe und auch nicht autorisiert hätte, erklärt die Professorin, die am Orientalischen Institut der Universität Leipzig lehrt. In der Einleitung des Buches (Seite 40) zitiert Schreiber anonym aus Klemms Email, in dem sie ihn auf Gefahren von Übersetzungsfehler hinweist; was Schreiber wiederum als den Versuch interpretiert, ihn von seinem Vorhaben abzuhalten.

"Inside Islam" werden vermutlich nicht allzu viele Otto-Normal-Bürger kaufen – falls doch, wohl nur die wenigsten das Buch von Anfang bis Ende durchlesen. Das spielt aber keine große Rolle. Denn allein die Berichterstattung über das Buch – das unkritische Wiedergeben von Schreibers These – bestärkt Vorbehalte gegen Muslime und ihre Religion.

Kaum berichteten Medien über "Inside Islam", meldeten sich denn auch schon AfD-Vorsitzende Frauke Petry und andere Rechtspopulisten zu Wort, die sich von Schreibers "investigative Recherchen" darin bestärkt fühlen, dass der Islam nicht zu Deutschland gehört. Man müsse kein Islam-Experte sein, um offenzulegen, dass in Moscheen verfassungsfeindliche Predigten gehalten, gegen die Integration geworben und menschenverachtende Positionen vertreten werden, erklären Schreibers Verteidiger. Sie lassen den Einwand nicht zu, dass die Predigten nicht ohne weiteres übersetzt und interpretiert werden könnten und dass es dafür eines Wissens um theologische Inhalte und Kontexte bedürfe. Durchaus berechtigt der Einwand, dass nur die wenigsten Gottesdienstbesucher über theologische Grundlagen verfügen, um die Predigten kontextbezogen zu verstehen.

Interessant wäre daher gewesen, wenn Schreiber sich mehr den Zuhörern der Predigt gewidmet und sich angehört hätte, was denn bei ihnen angekommen ist von den Worten des Imams. Dieser Aspekt kommt aber nicht vor im Buch. Vielleicht hat er sich das ja für sein nächstes Buchprojekt vorgenommen.

Canan Topçu

© Qantara.de 2017

"Zwischenzeitlich hat Constantin Schreiber vor dem Landgericht Hamburg eine einstweilige Verfügung gegen die Deutsche Welle erwirkt, sodass zwei Sätze aus dem Beitrag gestrichen werden mussten. Die Deutsche Welle weist darauf hin, dass die Entscheidung noch nicht rechtskräftig ist und dass sie dagegen Widerspruch eingelegt hat." (Anm. der Redaktion)

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Leserkommentare zum Artikel: Outside Islam

Mir scheint, dass sowohl Frau Topcu als auch Herr Schreiber sich Islam und Moscheen aus ihrem jeweiligen Blickwinkel anschauen - was ja eigentlich vollkommen normal ist, unausweichlich sozusagen.
Nach meiner Einschätzung kennt Frau Topcu als Muslimin den Islam wirklich von innen. Wenn der Islam eine "Kultur der Ambiguität" (Thomas Bauer) ist, dann weiß Frau Topcu das.
Wer aber weiß, wieviele der Zuhörer (Muslime im Westen) die ambiguen Aussagen nicht-ambigue verstehen? Zumal streng (westliche) Rationalisten Ambiguität gerne mit Widersprüchlichkeit gleichsetzen.
In der Tat hat Ambiguität in traditionellen Gesellschaften eher ihren Platz als in demokratischen, die den mündigen Bürger und eine offene Diskussion verlangen.

benita schneider08.04.2017 | 13:02 Uhr

Unter dem Strich zählt für mich eins.. leben und leben lassen. Der Islam hat seinen Ursprung nicht in Europa, sodass Menschen, die den Glauben ausüben sich an westliche Werte anpassen müssen und nicht anders PUNKT!

Luda11.04.2017 | 22:50 Uhr