Cinema Jenin

Das kleine Kino und die große Versöhnung

Es war eines der schönsten Kinos in Palästina – und dann jahrelang eine Ruine: das Cinema Jenin. Jetzt hat es ein Deutscher wieder aufgebaut, das Goethe-Institut unterstützt ihn dabei. Im August eröffnet in der nordpalästinensischen Stadt ein Filmtheater, das weit mehr zeigt als Filme. Von Maxi Leinkauf

Fassade des Cinema Jenin; Foto: Maxi Leinkauf
Ein Projekt für den Wiederaufbau Palästinas oder ein Handlanger Israels? Das Projekt Cinema Jenin erzeugt Hoffnungen, erfährt aber auch Ablehnung.

​​ Marcus Vetter, der deutsche Regisseur, sitzt im Rang des noch ziemlich leeren Kinos und telefoniert, er wirkt nervös. Vorn auf der Bühne sitzt ein junger Palästinenser vor seinem aufgeklappten Laptop, er bastelt an einem Trailer, der schnell fertiggestellt werden soll. Noch fehlen Stuhlreihen und die Leinwand, das meiste Equipment ist gerade in Containern unterwegs.

Anfang August muss alles aufgebaut sein, wenn das ehemals schönste Kino des Westjordanlands wieder eröffnet. Salam Fayad, der palästinensische Ministerpräsident, hat sein Kommen zugesagt, der ehemalige Pink-Floyd-Musiker Roger Waters hat einen Song komponiert. Das Herz von Jenin soll gezeigt werden, der Dokumentarfilm, der hier entstanden ist und für den Marcus Vetter gerade den Deutschen Filmpreis gewonnen hat.

Darin wird die wahre Geschichte eines Vaters erzählt, dessen elfjähriger Sohn von der israelischen Armee erschossen wird. Trotzdem entscheidet er sich, die Organe seines Sohnes an israelische Kinder zu spenden, um deren Leben zu retten. Marcus Vetter, der die Ruine des Kinos abends bei einem Spaziergang entdeckt hat, war begeistert von der Idee, sie zu renovieren. Er suchte Mitstreiter und besuchte den Kinobesitzer.

Dr. Lamya sitzt auf seiner weiträumigen Terrasse, sein Blick schweift über den Olivenhain, der sich vor ihm erstreckt. Das Öl, das er gewinne, sei köstlich, schwärmt er, wie schon bei seinem Großvater. Seine Frau serviert selbst gemachte Minzlimonade, sie trägt blondierte Strähnen und Dekolleté.

Dr. Lamya; Foto: Maxi Leinkauf
"Dabei ist es doch viel mehr als nur ein Kino": Dr. Lamya, der früherer Besitzer des Cinema Jenin, unterstützt das aktuelle Projekt.

​​ Lamyas Vater hat das Kino Anfang der Sechzigerjahre bauen lassen, damals konnte man für 5 Schekel (umgerechnet 10 Cent) indische und ägyptische Actionfilme oder amerikanische B-Movies sehen. Bis zum Ausbruch der ersten Intifada, 1987, da musste das Kino schließen. 2008 kam Marcus Vetter, der friedensliebende Deutsche, "aber mein Bruder machte ihm das Leben schwer", erklärt Lamya. Er stellte harte Bedingungen, pochte auf lebenslange Vorrechte und glaubte nicht daran, dass das Kino profitabel sein könnte. "Dabei ist es doch viel mehr als nur ein Kino", sagt Lamya.

Die Hoffnung liegt auf der Sonnenenergie

Drumherum soll eine kleine Film- und Medienindustrie entstehen, eine eigene Filmschule, ein Synchronstudio, Schnitt- und Video-Workshops, eine Videothek, ein Open Air-Kino, ein Café mit Garten.

Das Goethe-Institut richtet im ersten Stock des Kinos eine Media-Lounge ein, eine multimediale Filmspezialbibliothek mit einer großen Auswahl an DVDs, mit Computerarbeitsplätzen und Internetzugang, zwei Großbildfernsehern mit Soundanlage. Das Auswärtige Amt unterstützt das Projekt maßgeblich mit seinem Programm "Future for Palestine".

Es soll einen Raum für Deutschkurse geben, die Nachfrage steigt, auch bei der jungen Generation aus dem Flüchtlingslager Jenin, bislang unterrichtet die einzige Deutschlehrerin ihre Klassen im benachbarten Kinobüro.

Mit den Werbespots einheimischer Unternehmer, die auf einem LED-Bildschirm laufen sollen, hoffen die Betreiber des Cinema Jenin bald Geld einzunehmen. Zudem soll das Kino mit Sonnenenergie betrieben werden, ein Pilotprojekt. Im April hat die Brandenburger Firma B 5 Solar dem Kino das erste Panel gespendet. Für die Mittelständler des Ortes liegt in der Sonnenergie die Zukunft, nicht nur für ihre Stadt, sondern für das gesamte Westjordanland. Zur Sonne, zur Freiheit?

Nicht alle sehen das Projekt so enthusiastisch. Juliano Mer Khamis hat sich anfangs vehement gegen diesen Versuch der Normalisierung gewehrt. Er sitzt auf dem orientalischen Sessel in seinem schlichten Büro, im Freedom Theatre im Flüchtlingslager von Jenin.

​​ Er trägt Dreitagebart, schwarzes T-Shirt, Jeans, er bietet Espresso an. In seinem Regal stapeln sich DVDs mit Kinski-Filmen von Werner Herzog, europäischen Theaterstücken, "Hamlet" oder "Shoppen und Ficken", provozierende Inszenierungen. Seine Mutter, eine Jüdin, hat einst einen palästinensischen Kommunisten geheiratet und ging ins Camp. Sie hat ein Kinder- und Jugendtheater gegründet, sie bekam dafür 1993 den Alternativen Nobelpreis. 2002, als israelische Panzer das Lager niederwalzten, wurde auch das Theater vollkommen zerstört.

"Die Krankheit der Besatzung in den Knochen"

Nirgends war der Widerstand härter, nirgends kämpften sie erbitterter gegen die Besatzung. Jenin galt als Hochburg der Selbstmordattentäter und Terroristen. Juliano Mer Khamis kannte die meisten von ihnen als Kinder, er hat das Theater wieder aufgebaut und führt es nun weiter. Seinen deutschen Kollegen und das Kinoprojekt wolle er unterstützen, aber man könne nicht tolerieren, "dass unsere Partner mit der israelischen Propaganda kooperieren", so stand es in einem offenen Brief an Marcus Vetter, der den Dialog mit den Israelis sucht.

Juliano Mer Khamis schimpft auf die Apartheid, den Elektrozaun, die Arbeitslosigkeit, die Checkpoints, von denen die frühere "Gartenstadt Palästinas", umgeben ist. "Wir haben die Krankheit der Besatzung in unseren Knochen: Wie soll man da von Alltag reden?", ruft er. Kunst soll nicht versöhnen, sondern sie sei ein Instrument des gewaltfreien Widerstandes. Oder des Friedens?

Sakaria Zbeidy hockt auf der Treppe des neu errichteten Gästehauses, ein paar Schritte vom Kino entfernt. Er raucht, sein Gesicht ist mit schwarzen Flecken übersät. "Die stammen von einer Bombe, die neben mir explodiert ist", erklärt er ruhig. Der ehemalige Anführer der Al-Aksa-Brigaden, des militärischen Arms der Fatah-Bewegung, stand ganz oben auf der Todesliste der israelischen Armee. Er hat die Waffen gestreckt, er lebt, steht aber nun unter Aufsicht der palästinensischen Behörden, seine Familie darf er nur tagsüber besuchen.

Sakaria Zbeidy ist im Flüchtlingslager von Jenin groß geworden, er repräsentiert die Vergangenheit und nun auch das gewandelte Gesicht der Stadt, die sich neu erfinden möchte. Als wenn das so einfach ginge.

Marcus Vetter kommt vorbei, er klopft ihm auf die Schulter. Der Deutsche, er sieht in ihm einen der künftigen Manager des Kinos. "Sakaria ist mutig, mit ihm kann man Israel die Hand reichen." Er träumt noch immer davon. Das kleine Kino und die große Versöhnung. Der erste Schritt ist getan, das Kino wird eröffnen, der Aufbruch ist da. Nur wie geht es weiter, wenn Marcus Vetter nicht mehr da ist?

Es soll chaotisch bleiben, sagt er, verrückt, kreativ, spontan. Er klingt wie ein Visionär, aber die Palästinenser, die es dann übernehmen, sie müssen ihre Rolle erst noch finden. Sie haben nun einen Ort dafür.

Maxi Leinkauf

© Goethe Institut 2010

Redaktion: Nimet Seker/Qantara.de

Qantara.de

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Palästina/Israel
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