Christliche Minderheiten in Ägypten

Die Kopten und ihr Kampf um neue Kirchen

Ein neues Gesetz sollte den Bau von christlichen Gotteshäusern in Ägypten erleichtern, doch die Realität sieht anders aus. Von Flemming Weiß-Andersen, Eva Plesner und Elisabeth Lehmann

Younan Khalaf steht vor dem Rohbau seines Hauses und reibt sich die Augen. Noch immer stehen nur die Grundmauern. Eisenstangen ragen oben heraus, ein Dach gibt es noch nicht. Der Wiederaufbau dauert, denn Khalaf geht immer wieder das Geld aus. Der koptische Christ ist auf Spenden aus seiner Gemeinde angewiesen.

Younan Khalaf wohnt in Kom Al Loufi, einem Dorf im Süden Ägyptens, nahe der Stadt Minya. Sein Haus ist im Sommer abgebrannt. "Eines Abends standen etwa 2.000 Menschen vor meinem Haus und haben 'Allahu akbar' und 'auf in den Kampf' und solche Sachen gerufen." Dann sei sein Haus in Flammen aufgegangen. Genau wie die seiner vier Brüder.

Die Polizei hat danach 19 der mutmaßlichen Brandstifter festgenommen – alles extremistische Muslime aus Kom Al Loufi. Sie kamen alle auf Kaution wieder frei. Bis heute läuft eine Art Schlichtungsverfahren, wer den Wiederaufbau der Häuser finanziert.

Auseinandersetzungen dieser Art sind nahezu Alltag zwischen Muslimen und Kopten in Ägypten. Etwa sieben Prozent der Bevölkerung sind Christen, hier im Süden, rund um Minya, stellen sie mehr als ein Drittel.

Unter Präsident Al-Sisi sollte alles besser werden

Younan Khalaf steht vor dem Rohbau seines Hauses; Foto: Flemming Weiß-Andersen
Im Visier der Extremisten: Younan Khalafs Haus wurde im vergangenen Sommer von einem radikalen Mob abgebrannt. Heute steht er vor dem Rohbau seines neuen Hauses. Der Wiederaufbau läuft schleppend. Noch ist nicht geklärt, wer für die Finanzierung des Hauses aufkommt. Die Kopten sind die größte christliche Glaubensgemeinschaft im Nahen Osten und machen etwa zehn Prozent der 90 Millionen Einwohner Ägyptens aus. Die Minderheit sieht sich immer wieder gewaltsamen Übergriffen ausgesetzt.

Es hatte Gerüchte gegeben, dass Khalaf und seine Brüder eine Kirche in Kom Al Loufi bauen wollten. Allein das reichte aus, um die Situation eskalieren zu lassen. Kein Einzelfall. Vor allem unter der Präsidentschaft des Muslimbruders Mohamed Mursi wurden Kopten regelmäßig angegriffen und Kirchen angezündet.

Als Abdel Fattah al-Sisi an die Macht kam, sollte alles besser werden. Auch Al-Sisi ist zwar ein gläubiger Muslim. Doch er versprach den Kopten Gleichberechtigung, hielt an ihrer Festschreibung in der Verfassung fest und unterzeichnete im Sommer sogar ein Gesetz, das Neubauten von Kirchen erleichtern sollte. Doch die Realität sieht anders aus, sagt Bischof Makarios von Minya: "Wir haben 160 Jahre auf dieses Gesetz gewartet. Aber es legt so viel Macht in die Hände örtlicher Gouverneure, die den Neubau von Kirchen mit Verweis auf die Sicherheitslage ablehnen können."

Tatsächlich ist die Sicherheitslage für Kopten fast immer kritisch. Erst vor wenigen Wochen sind mindestens 27 Menschen bei einem Selbstmordanschlag auf eine Kirche in Kairo ums Leben gekommen. Der selbsternannte "Islamische Staat" hat die Verantwortung dafür übernommen.

Kirchen werden mit Waffen bewacht

Younan Khalaf und die anderen Kopten aus Kom Al Loufi müssen zur Messe auf Kirchen in der Umgebung ausweichen. "Im Moment beten wir in Ezbeth Raflah, das ist rund sechs Kilometer entfernt." Doch auch da seien sie nicht willkommen. "Eines Tages haben radikale Islamisten die Straße blockiert und uns zum Umkehren gezwungen. Dann sind sie nach Ezbeth Raflah gefahren und haben die Muslime dort gewarnt, wir würden ihre Erde beschmutzen, wenn wir dort beten."

Die kleine Kirche in Ezbeth Raflah wird von zwei bewaffneten Sicherheitsleuten bewacht. Überall sind Überwachungskameras angebracht. "Reine Vorsichtsmaßnahmen", nennt der Priester, Vater Filtawos, das. Er ist neu in der Gegend, arbeitet erst seit knapp einem Jahr in Ezbeth Raflah. Er ist ein ruhiger Mann mit rundlichem Gesicht und spärlichem Bart. Er versucht, deeskalierend auf die Konfliktgruppen zu wirken, wählt seine Worte mit Bedacht: "Es hat ein paar sehr unschöne Ereignisse in den Nachbardörfern gegeben. Aber ich muss erst noch verstehen, was dort wirklich passiert ist."

Christen bewachen Kirche in Ezbeth Raflah; Foto:Flemming Weiß-Andersen
Zwang zur Selbstverteidigung: Gewaltattacken gegen die koptische Gemeinschaft in Ägypten nehmen stetig zu. Seit Ende 2010 wurden ihre Kirchen wiederholt zum Ziel von Anschlägen islamistischer Extremisten. Zum Schutz bewachen Sicherheitsleute die Kirchen, wie hier in Ezbeth Raflah.

Kopten sehen sich als Ureinwohner Ägyptens

Die Kopten sehen sich quasi als die "Ureinwohner" Ägyptens. Sie stellten noch vor der Islamisierung im 7. Jahrhundert die Mehrheit im Land, der Name "Kopte" leitet sich aus dem griechischen Wort für "Ägypter" ab. Doch seit sie in der Minderheit sind, fühlen sie sich als Bürger zweiter Klasse, werden vom Staat gegängelt und immer wieder zum Spielball der Politik. Präsident Anwar al-Sadat ging in den 1970er Jahren einen Pakt mit den Islamisten ein und zwang den Papst der Kopten, Schenuda III., sogar ins Exil. Nach Sadats Tod erholten sich die Beziehungen zwischen Kopten und Muslimen unter Hosni Mubarak wieder etwas. Doch ewiger Zankapfel blieb der Bau neuer Kirchen.

"In meiner Provinz gibt es 90 Kirchen, davon sind aber nur die Hälfte richtige Kirchengebäude. Die andere Hälfte sind nur Orte, an denen wir unsere religiösen Rituale abhalten dürfen. 150 Dörfer haben gar keinen Ort zum Beten", zählt Bischof Makarios von Minya auf. Manchmal seien die Räume so klein, dass die Messen unter freiem Himmel oder in Zelten stattfinden müssten. Das neue Gesetz, so ist der Bischof überzeugt, wird daran nichts ändern. Trotzdem hat sich der Papst der Kopten, Tawadros II., sehr zufrieden darüber geäußert. "Er mahnt uns zu Geduld und hofft darauf, dass die Situation in Zukunft besser wird."

Die Behörden verweigern Kom Al Loufi eine Kirche

Kopten bei einem Gottesdienst in einer ehemaligen Fabrikhalle; Foto: Flemming Weiß-Andersen
Eine "provisorische" Kirche in einer alten Fabrikhalle: Viele Kirchen der koptischen Gemeinde in Ägypten wurden zerstört. Bischhof Makarios berichtet, dass von den 90 Kirchen in seiner Provinz nur noch die Hälfte richtige Kirchengebäude sind.

Die Menschen in Kom Al Loufi haben die Hoffnung auf eine eigene Kirche fast aufgegeben, denn die Behörden lehnen die Baugenehmigung nach wie vor ab. "In unserem Dorf gibt es ungefähr 10.000 Häuser, darunter 22 Moscheen. Und keine davon hatte eine Baugenehmigung", ärgert sich Younan Khalaf. Es gebe eine einfache Erklärung dafür: Die Verantwortlichen in den Behörden seien nun einmal Muslime und sorgten sich vor allem um ihre eigenen Gotteshäuser.

Flemming Weiß-Andersen, Eva Plesner und Elisabeth Lehmann

© Qantara.de 2017

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Leserkommentare zum Artikel: Die Kopten und ihr Kampf um neue Kirchen

LIebe Autoren! Bitte mal auf die Karte gucken oder selbst mal in den Süden fahren! Minya liegt zwar südlich von Kairo, gehört aber immer noch geografisch zum Norden Ägyptens oder maximal zur Mitte des Landes. Der Süden ist woanders.... Außerdem sind die geschilderten Umstände keinesfalls in ganz Ägypten so. Das kommt in der Tat wohl auf die jeweiligen Gouverneure, andere Entscheidungsträger und auf die Bevölkerung an. Im Gouvernorat Luxor zum Beispiel gibt es kaum Probleme untereinander, dort wurde in den letzten Jahren eine wirklich überdimensionale Kirche gebaut und es gibt in der Stadt selbst viele koptische Kirchen, koptische Schulen und dort und in der Umgebung viele kleine und große Klöster, genauso wie zum Beispiel in Assuan und an etlichen anderen Orten. Die Unruhen zwischen Kopten und Muslimen sind auf wenige Gebiete innerhalb Ägyptens beschränkt, in denen fundamentale Muslime die Oberhand haben. So schlimm wie geschildert ist es nicht!

Ingrid Wecker16.01.2017 | 19:03 Uhr

Die Autorin des vorherigen Kommentars hat Recht, dass es auch Gegenbeispiele gibt. Probleme beim Kirchenbau heißt keineswegs, dass keine neuen Kirchen gebaut werden. Und sicher spielen die Entscheidungsträger vor Ort und die Bevölkerung eine ganz entscheidende Rolle. Ein Problem, das auch der Artikel nicht angeht, ist die Frage nach dem Warum. Um das herauszufinden, müsste man auch die örtlichen Muslime, und bestensfalls natürlich auch die Täter befragen. Dass die Motivation in erster Linie religiös ist, ist eine Hypothese, die es erst einmal zu beweisen gilt. Ich glaube, dass verschiedene Faktoren eine Rolle spielen. (1) Ein diffuser Neid auf die Christen, die an vielen Orten wenn nicht wohlhabender, dann zumindest besser organisiert sind, und ein lebhaftes Gemeindeleben haben, das sich auch in einer regen Bautätigkeit ausdrückt. (2) Zum anderen spielen sozioökonomische Probleme zweifellos eine Rolle, denn die meisten Probleme gibt es in den Gebieten, die nach Entwicklungsindikatoren am schlechtesten dastehen, d.h. die Gouvernorate Minya, Sohag und Asyut. (3) Auch die Präsenz von islamistischen Gruppen spielt sicher eine Rolle, wobei ihre Beteiligung an Gewalt gegen Christen in vielen Fällen nicht gut dokumentiert ist.

Sebastian Elsässer23.01.2017 | 14:29 Uhr

So katastrophal unfair die Situation ist - hoffentlich lernen die Kopten dass man zum Gottesdienst keine Kirchengebaeude braucht. Die ersten Gemeinden haben sich in Privathaeusern getroffen, und so ist es auch in der verfolgten Kirche in China, und dort haben sich sogar Wunder ereignet. Das Aufhaengen von Ikonen mag toll sein und gut aussehen - aber all das brauchts nicht, sondern lenkt vom wirklichen Gottesdienst nur ab. Rueckbesinnung auf den Herrn Jesus als lebendigen Gott ist das einzige was ihnrn helfen kann.

Chris06.03.2017 | 03:00 Uhr