Nach der Logik des Verfassungsschutzes hatte der Referent Blume nämlich – Kontakt! Und will mit diesen Kontakten "bald zusammen wirken". In der Hysterie nach dem 11. September 2001 ist ein muslimisch verpartnerter Staatsdiener hochverdächtig. Das Kopfschütteln über die Unterstellung, ein "evangelischer Gefährder" zu sein, weicht bald der Schlaflosigkeit und Existenzangst: "Schadet es dir, dass du mich geheiratet hast?", fragt Zehra. "Du bist schließlich noch in der Probezeit!" Michael ist niedergeschlagen: "Wenn man Nachteile hat, weil man eine Andersgläubige liebt – ist es dann noch die Demokratie, an die ich glaube?" Sein Chef steht hinter ihm.

Bei der Landtagswahl 2011 gehen in Baden-Württemberg 58 Jahre CDU-Regierungszeit zu Ende. 
Michael Blume, inzwischen Vater dreier Kinder, packt im Büro Umzugskartons. Er plant, sich an der Universität Tübingen zu bewerben. Plötzlich steht Winfried Kretschmann im Türrahmen, der erste grüne Ministerpräsident. "Würden Sie bleiben? Für Kirchen- 
und Religionsangelegenheiten plus Integration von Minderheiten?" Ein unerwarteter Karrieresprung.

Tausend Menschenleben retten – da kann man sich doch nicht wegducken

Am 3. August 2014 überfallen Terroristen des sogenannten "Islamischen Staats" Dörfer und Städte im Nordirak, weil dort "Ungläubige" leben: Jesiden, Christen, nichtsunnitische Muslime. Sie ermorden rund 3.000 Männer vor den Augen ihrer Familien und entführen mindestens 5.000 Frauen und Kinder, um sie als Sklavinnen zu missbrauchen.

Rund 190.000 Jesiden leben in Deutschland oder sind hier geboren. Vertreter ihres Zentralrats zeigen im September 2014 Bilder, Folterungen von Kindern, öffentliche Hinrichtungen, sogar Kreuzigungen. Sie bitten um Katastrophenhilfe. Winfried Kretschmann ist schockiert, aber "Baden-Württemberg hat keine Armee . . .", erklärt er den Jesiden.

Seine Mitarbeiter erinnern sich an die späten Siebzigerjahre, als Niedersachsen vietnamesische "Boat People" aufnahm, denn Bundesländern ist es erlaubt, Sonderkontingente an Flüchtlingen aufzunehmen. "Sollen wir rund 1.000 Opfer sexueller Gewalt aus dem Nordirak holen?", fragt der MP, wie man ihn intern nennt, auf einer Konferenz aller Parteien, Landkreise und Kommunen, Kirchen und Verbände.

"Rechtlich geht es. Aber es wird zweistellig Millionen kosten. Und nicht der Bund, sondern allein wir tragen die volle Verantwortung." Alle Hände gehen hoch. Ein nie erlebter Konsens.

Andreas Malessa; Foto: privat
Andreas Malessa ist Hörfunk- und Fernsehjournalist in der ARD und evangelisch-freikirchlicher Theologe.

Jedes Leben zählt

Am Abend vor Weihnachten stellt Winfried Kretschmann die Frage: "Würden Sie es denn machen, Herr Blume?" Durch ein Fenster der Staatskanzlei sieht Michael einen geschmückten Weihnachtsbaum. Kann er was ändern am Elend der Welt? Er, der kleine Referatsleiter im Land der kehrwochengefegten Reihenhäuschen?

"Jeder in meiner Generation hat doch den Film 'Schindlers Liste' gesehen und gedacht: Würde ich 
mich das auch trauen? Diese Frage 
wurde plötzlich konkret", erinnert er sich, 
"tausend Menschenleben! Und wenn ich mich jetzt wegducke?" Er hört sich antworten: "Ja, das kriege ich hin. Aber ich muss zuerst meine Frau fragen."

Christvesper in der evangelischen Kirche. Blumes Kinder sind 11, 9 und 3. Die schönsten Jahre, um mit Kindern Heiligabend zu feiern. Zehra und Tochter Melissa spielen Flöte, Michael liest aus dem Lukasevangelium, Kapitel zwei vor. Zehra wundert sich, warum Michael dabei Tränen in den Augen hat. Es gibt Kartoffelsalat und Geflügelknacker. Dann die Bescherung.

Als die Kinder im Bett sind, muss es raus: "Der MP hat mich gefragt, ob ich die IS-Sklavinnen, ­tausend Frauen und Kinder, aus dem Irak hole." Zehra ist geschockt. "Alle auf einmal?" – "Nein, das braucht etliche Missionen." – "Wie oft? Wie lange?" –"Ich weiß es nicht. Wir müssen sie finden, ihren Gesundheitszustand checken, ihnen Visa ausstellen, sie herbringen, sie ­unterbringen. Wahrscheinlich dauert es ein Jahr." – "Wo du dann jedes Mal in den Irak . . .?"

Er nickt. Plötzlich weint sie und nimmt seine Hand: "Wir glauben beide, dass uns Gott einmal fragen wird, was wir mit dem Elenden vor unserer Tür gemacht haben, richtig?" Wieder nickt Michael. "Dauernd schäme ich mich, was für Verbrechen da unten im Namen des Islam begangen werden. Es ärgert mich dermaßen, dass diese Monster sich Muslime nennen!"

Sie schaut Michael an: "Du bist der Mann geworden, den ich damals in dir gesehen habe. In der Schule, im Ethikunterricht. Also gut: Mach es. Jedes Leben zählt."

Andreas Malessa

© Chrismon 2019

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