Führerscheinneuling Michael merkt auf der Fahrt ins Landschulheim nicht, dass die Handbremse halb angezogen ist. Vaters Karre qualmt, als er Zehra seine Liebe gesteht und ihr die lädierte Geranie überreicht. "Wir sollten erst mal Abitur machen und dann musst du meinen Vater fragen", sagt sie, verliebt und bekümmert zugleich.

Michael wird jüngster Jugendgemeinderat im Rathaus des Ortes, Zehra organisiert Themenabende, Oldie-Nights mit Eltern und DJ-Partys für Teenager, forciert lokale Umweltprojekte und wirbt für die CDU. Ihre Abiprüfungen schaffen beide mit Bravour. Zehra hat sich vier Weisheitszähne ziehen lassen, als Michael ihr auf dem Heimweg vom Kieferchirurgen einen Heiratsantrag macht. "Ja!" schreibt sie gerührt auf einen Zettel. Reden kann sie ja grad nicht.

"Baba Osman, ich liebe deine Tochter…"

Dann der Moment, den beide so lange fürchteten: "Baba Osman, ich liebe deine Tochter und bin mir sicher, dass ich sie heiraten will. Ich bitte dich um deinen Segen." Herr Tayanc ist überrumpelt und überrascht. "Du willst ein Ehemann sein, soso. Aber was glaubst du?"

Michael 
fährt es in den Magen. Meint Osman "Was glaubst du eigentlich, wer du bist?", oder meint er "Woran glaubst du?" Muss er zum Islam konvertieren? "Bist du ein Christ?", setzt Zehras Vater nach. Vielleicht ist ihm ein christlicher Schwiegersohn lieber als ein Atheist? "Äh . . . ich bin auf dem Weg. Ich bemühe mich, ein Christ zu werden. Und ich achte eure Religion."

Symbolbild Eheringe/Hochzeit; Foto: Rido - Fotolia.com
Dann der Moment, den beide so lange fürchteten: "Baba Osman, ich liebe deine Tochter und bin mir sicher, dass ich sie heiraten will. Ich bitte dich um deinen Segen." Herr Tayanc ist überrumpelt und überrascht. "Du willst ein Ehemann sein, soso. Aber was glaubst du?"

Zehras Mutter Anne legt Michael die Hand auf die 
Schulter und sagt: "Oglum!" Mein Sohn. Ein Ehrentitel und Kosename mit dem Gewicht einer Quasiadoption. Sie wendet sich an ihren Mann: "Michael ist kein Muslim, aber wenn du mich fragst – ich nehm' ihn als Schwiegersohn." Osman ist eingekreist von Menschen, die lieben.

"Dann ist es in Ordnung. Ich stimme zu", sagt er. Sein Lächeln wächst zu einem Grinsen. Die Männer umarmen sich. "So also funktioniert euer Patriarchat", denkt Michael erleichtert. Er absolviert einen Taufvorbereitungskurs, der ihm als eine Art verdichteter Konfirmandenunterricht angerechnet wird. Seine atheistischen Eltern reagieren verhalten positiv: "Wir haben für die Freiheit gekämpft. Wenn du die jetzt dazu nutzt, evangelisch zu werden, ist das auch okay."

Zehra entzündet die Taufkerze

Die Kirche im Ort ist rappelvoll. Erwachsenentaufen sind selten. Und dann noch ein stadtbekannter Jugendgemeinderat! Zehra und ihre Eltern sind ebenfalls da. Als Michael mit ein paar Tropfen Wasser auf den Kopf getauft ist, wendet sich der Pfarrer zur Gemeinde: "Ich möchte Zehra Tayanc nach vorne bitten." Die Leute drehen überrascht die Köpfe. "Sie ist seine Verlobte und hat maßgeblich dazu beigetragen, dass der Glaube in Michael entfacht wurde. Zehra – würdest du bitte seine Taufkerze entzünden?"

Zehra macht eine Banklehre, Michael studiert Religionswissenschaft an der Uni Tübingen. Es gibt drei Hochzeitsfeiern: säkular, muslimisch, christlich. Michael bekommt eine halbe Stelle als "Referent für 
interreligiösen Dialog" im Stuttgarter Staatsministerium und schreibt seine Magisterarbeit über das Thema "Die Öffnung des Islam in Deutschland durch eine neue islamische Elite".

Per Rundmail verschickt er Interviewfragen an junge Muslime, bittet um Weiterleitung und bedankt sich 
mit der Hoffnung, "bald mal wieder zusammen wirken zu dürfen". Erst als er 
die Fragebögen auswertet, merkt er, dass auch ein radikaler Muslim geantwortet hat. "Reicht der Einfluss von Islamisten mittlerweile bis in Baden-Württembergs 
Regierungszentrale?", bellt eine Zeitungsschlagzeile.

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