Welzbacher ist außerdem der Meinung, dass die Iraner überhaupt nicht gastfreundlich seien: "Die vielbeschworene Gastfreundlichkeit der Iraner. Sie ist ein Klischee, wie die russische Seele" (S. 127). Als Beweis zählt er Vorfälle wie diesen auf: "Der pampige Schaffner im Nachtzug Täbriz-Teheran, der die halbe Nacht mein Wechselgeld für den Tee zurückhielt…"

Dabei ist zu erwähnen, dass Welzbacher während seines gesamten Aufenthalts kostenlos im Gast-Apartment eines Diba-Mitarbeiters wohnen durfte. Doch auch hier hat er vieles zu beanstanden: "Das Apartment ist nicht aufgeräumt, auf Tischen und halbhohen Schränken stapelten sich leere Keksschachteln und ausgetrunkene Seltersflaschen, bevor ich kam…" (S.153). Des Weiteren kann er die Gratisdienste der Diba-Mitarbeiter nicht als Gastfreundlichkeit bezeichnen: Sie begleiten ihn überall und "vermitteln Kontakte, machen Termine, bestellen Taxis, empfehlen Restaurants, beantworten Fragen…" (S. 33).

Der große Basar in Teheran; Foto: mashregnews
Mit Welzbachers Orientbild unvereinbar: Über den großen Basar in Teheran, der nicht exotisch genug für den Autor zu sein scheint, schreibt er, es sei in "vielerlei Hinsicht ein modernes Handelszentrum, dessen Strukturen und Abläufe überall auf der Welt so ähnlich sind, wie das dahinterliegende Interesse".

Hamam à la Ingres

Es gibt aber ein Lokal, in dem sich der Autor doch im "Orient" fühlt: In einer Teestube, die Iraner "Ghahweh-Khane" aussprechen und die Welzbacher "Kafe-Khane" nennt. "Zum ersten Mal fühle ich mich wirklich angekommen in einer fremden Welt, weil sie die Vorstellung bestätigt, mit der ich gekommen bin" (S. 25). Er sieht eine Teestube in Täbriz als Symbol für das Morgenland, denn sie "entspricht den Vorstellungen von Orient in etwa so wie das Hamam auf den Odaliskenbildern von Dominique Ingres". Warum er das "Kafe-Khane", in dem "zwölf Männer mit faltigen Arbeitergesichtern aufgereiht vor weiß gekachelten Wänden an Holztischen sitzen", mit der vielfigurigen Komposition des Bildes "The Turkish Bath" (mehr als 24 nackte Frauen am Pool) vergleicht, bleibt unklar.

Es gibt jedoch viele Stellen im ganzen Buch, die abstrus und schleierhaft wirken, besonders, wenn es um die Gespräche mit den Zuständigen im Architekturbüro Diba geht. Statt das konkrete Thema anzusprechen und die diesbezüglichen Dialoge wiederzugeben, verwickelt sich der Autor in unzulängliche und lange Schilderungen und Kommentare, die kaum einleuchtend sind: "Auf meine Nachfrage folgen halbgare Erklärungen. Golineh redet von Verständigungs-, Orientierungsproblemen, von Problemen allgemeiner Art. Erstmals hängt etwas Unaussprechliches in der Luft, eine teuflische Lücke, die das Gespräch verdunkelt, wie eine kleine schwarze Wolke…" (S. 137). Klarstellen kann der Autor nur, dass Sinn und Zweck der Dienstreise sich bis heute nicht erfüllt hätten.

Und was sind Sinn und Zweck dieses Dienstreiseberichtes? "Iran, Ordibehescht 1396" erweist sich als eine Ansammlung von trüben Wahrnehmungen, halbgaren Kommentaren und Beobachtungen frei von jeglicher Sensibilität und Reflexion. Es ist ein Reisebericht, der ohne direkte Verwendung der für den Moment hingeschriebenen Aufzeichnungen des Autors und mit einer "wiederkehrenden und manchmal unerbittlichen Wut" (S. 166) verfasst worden ist.

Welzbacher stellt Sinn und Zweck seines Buches wie folgt dar: "Da die Reise auf geschäftlicher Ebene gescheitert ist, wäre es doch legitim, sie auf publizistischer Ebene zum Ergebnis zu führen, zum Beispiel, um dem Aufwand gerecht zu werden, den Kosten einen Sinn zu verleihen (S.169)." Das könnte ein legitimes Kalkül sein.

Fahimeh Farsaie

© Iran Journal 2019

Christian Welzbacher: "Iran, Ordibehescht 1396", Verlag Mattes & Seitz, Berlin 2018, 182 Seiten, ISBN: 978-3-95757-641-5

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