Wer am 4. Dezember Zweige von einem Obstbaum schneidet und sie bei sich im Haus in eine Vase stellt, der darf damit rechnen, dass die Obstzweige an Weihnachten erblühen.
Christen in der arabischen Welt

Die heilige Barbara wird im Nahen Osten besonders gefeiert

Was die Barbarazweige dem Westen sind, ist ein Weizenpudding dem Osten: In Nahost wird die heilige Barbara mit vielen Traditionen gefeiert - so auch im palästinensischen Aboud, wo sie sich einst versteckt haben soll.

In einer Dampfwolke entlässt der Topf den Duft von Winter in den Raum. Es riecht nach Getreide, Zimt, Fenchel und Anis. Auf dem Tisch warten Granatapfelkerne und eine Armada verschiedenster Nüsse auf ihren dekorativen Auftritt. Frauenstimmen begleiten die Kochgeräusche: Dorftratsch, dazwischen ein Gebet oder Lied. So oder ähnlich sieht es rund um den Barbaratag in vielen christlichen Küchen der Levante aus.

Am 4. Dezember, nach ostkirchlichem Kalender am 17. Dezember, feiern Christen die legendäre Märtyrerin. Die verschiedenen Traditionen in Nahost reichen von Prozessionen bis zu Kostümumzügen. Auf den Tisch kommt bei allen: "Burbara", ein nach dem arabischen Namen der Heiligen benannter Weizenpudding.

An diesem Herbstmorgen ist es ruhiger als üblich im alten Ortskern von Aboud. Naive christliche Motive zieren die Hauswände zur Straßenseite. Die meisten Familien sind zur Olivenernte in ihren Feldern, sagt der griechisch-orthodoxe Priester Emanuel Awwad. Wie ein Grüngürtel in der vom Sommer noch trockenen Landschaft ziehen sich die Haine um den 2.500-Seelen-Ort.

Noch einen Steinwurf weiter auf einem Hügel liegen sie, die für Laien lediglich erahnbaren Überreste der antiken Barbara-Kirche aus dem 6. Jahrhundert. https://de.qantara.de/inhalt/karl-josef-kuschel-weihnachten-und-der-koran-die-basis-des-dialogsHierher ziehen am Vorabend des Festtags die Dorfbewohner in einer Prozession, begleitet von Pfadfindergruppen und volkstümlichen Barbara-Gesängen.

 

Der örtlichen Überlieferung nach versteckte sich Barbara in einer Höhle in jenem Hügel in Aboud, auf ihrer Flucht vor ihrem Vater, der ihr, blind vor Wut über die Bekehrung der schönen Tochter zum Christentum, nach dem Leben trachtete. Viele Jahre schützte die Felsgrotte das Mädchen; am Ende jedoch fand und enthauptete sie der Vater. Ein Doppel-Felsgrab zwischen Kirchenruine und Barbaragrotte, erklärt Vater Emanuel, diente einer Weile den Gebeinen der Barbara und einer Gefährtin, bevor sie in ihre Heimatstadt in der heutigen Türkei überführt wurden.

Historisch lässt sich von der beliebten Heiligen nicht viel mehr nachweisen als ihre Verehrung. Woher sie kam oder wo sie starb, dafür gibt es verschiedene Traditionen. Was in der Überlieferung Realität, was Legende ist, lässt sich kaum sagen. Der Verehrung tut das keinen Abbruch, im Gegenteil. Auch das libanesische Baalbek oder etwa das irakische Karemlasch beanspruchen, Ort des Barbara-Martyriums gewesen zu sein.

Glaubt man Abouds Bürgermeister Hannah Khoury, so hat der orthodoxe Priester Awad an der jüngsten Popularität der jahrhundertealten Barbara-Tradition in dem Dorf erheblichen Anteil. Christen feiern hier ebenso wie Muslime, sagt Khoury; immer mehr Besucher kommen aus anderen palästinensischen Orten hinzu. Aboud ist das einzige christliche Dorf in der Gegend, argumentiert Vater Emanuel. Neben dem wirtschaftlichen Aspekt des Barbara-Tags stärke das gemeinsame Feiern die Gemeinschaft und ihre Zugehörigkeit zum Land.

Im Schein von Kerzen geht es nach den Gebeten auf dem Barbarahügel zurück in den alten Ortskern und in den Gemeindesaal. Dort sitzt man zusammen und isst Burbara, den Khourys Frau Iman und andere Frauen aus Aboud für das ganze Dorf gekocht haben. Der Weizen stand hoch, besagt die Tradition, und bot Barbara auf ihrer Flucht Schutz. Der warme Weizenbrei erinnert daran.

Vielleicht waren es aber auch die alten Kleider, die die Heilige unerkannt bleiben ließen – dies jedenfalls sagt der Volksmund im Libanon und Syrien. "Die Kinder verkleiden sich zu dem Fest, bis man sie nicht mehr erkennt", erklärt Fadia aus Damaskus. In den vergangenen Jahren habe sich ein halloweenmäßiger Gruselfaktor in den Verkleidungsstil eingeschlichen – zum Leidwesen der Kirchen zwar, angesichts des blutigen Endes der Barbara aber doch nicht ganz unpassend.

Der Weizenpudding kommt auch bei anderen Gelegenheiten auf nahöstliche Tische. Im palästinensischen Beit Dschallah etwa wird die Speise zu Beerdigungen gereicht, während sie im Libanon unter dem Namen "Sneinijeh" für den ersten Zahn eines Kindes gekocht wird.

Eine andere nahöstliche Barbara-Tradition wiederum kommt den in Deutschland bekannten "Barbara-Zweigen" nahe: Am Abend des Festtags pflanzt man Weizenkörner in kleine Schalen. Bis Weihnachten soll es zu einem kräftigen Grün austreiben, das dann die Weihnachtskrippen ziert. Vater Emmanuel zitiert aus dem Johannes-Evangelium: Nur wenn das Weizenkorn in die Erde falle und sterbe, bringe es reiche Frucht. (KNA)

 

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