Die libanesische Autorin und Bildende Künstlerin Chaza Charafeddine
Chaza Charafeddines Novelle "Beirut für wilde Mädchen"

Ein Leben zwischen den Welten

Eine Kindheit und Jugend in Beirut, ein Leben zwischen Libanon, Schweiz und Deutschland und eine besondere Stimme der arabischen Literatur: In “Beirut für wilde Mädchen“ erzählt die libanesische Autorin Chaza Charafeddine die Geschichte ihres Landes aus ihrem ganz persönlichen Blickwinkel. Gerrit Wustmann hat das Buch für Qantara.de gelesen.

Als am 4. August 2020 ein Chemikaliendepot am Beiruter Hafen explodierte und neben der berühmten Promenade auch weite Teile der angrenzenden Stadtviertel in Schutt und Asche legte, blickte die Weltöffentlichkeit auf den Libanon – wieder einmal wegen einer Katastrophe. Der Unfall, bei dem 200 Menschen starben, wurde zum Symbol für ein zerrüttetes Land im politischen Blindflug.

Ständige Konflikte, Korruption der politischen Eliten, eine Wirtschaftskrise und obendrein die Corona-Pandemie setzten den Menschen im Land ohnehin schon zu. Es schien, als sei der 4. August der Moment gewesen, an dem der Kessel endgültig explodierte.

Krisen und Kriege bringen in der Regel den Libanon ab und an in europäische Medien. Dass der 1920 im Zuge der willkürlichen, geostrategisch motivierten Grenzziehungen von Briten und Franzosen erschaffene Staat bis heute von den Verwerfungen seiner Gründungszeit geprägt bleibt, ist dabei eher nicht im Bewusstsein.

Vom „Paris des Ostens“, in dem lange Zeit Kunst und Kultur erblühten, von Beirut als der Literaturhauptstadt der arabischen Welt, ist kaum noch die Rede. All das sagt uns wenig über den Libanon und viel über die Haltungen in hiesigen Nachrichtenredaktionen.

Politische Beben dringen ins Private ein

Wohin also den Blick wenden, wenn man wissen will, was sich jenseits des niedrigen Tellerrandes befindet? Die naheliegendste Antwort ist: In die Literatur! Ursprünglich 2012 erschien Chaza Charafeddines autobiografische Novelle „Flashback“ beim Verlag Dar Al Saqi in Beirut. Nun liegt der Band, aus dem Arabischen übersetzt von Günther Orth, um einige auf Deutsch verfasste Kapitel erweitert und mit einem erhellenden Nachwort von Stefan Weidner, in der Edition Converso auch hierzulande vor. Der deutsche Titel: „Beirut für wilde Mädchen“.

Charafeddine, 1964 in Tyros geboren, wuchs in der Hafenstadt auf, musste sie aber als Kind verlassen, weil der libanesische Bürgerkrieg, der Mitte der 1970er Jahre begann, die Lage zu gefährlich machte. Sie ging schließlich in die Schweiz und nach Deutschland, bevor sie viele Jahre später in den Libanon zurückkehrte. In der Novelle verarbeitet die Autorin und Bildende Künstlerin ihre Kindheit und Jugend, aber auch die Zeit im Ausland, in knappen, episodischen Kapiteln. In einer lakonischen und klaren Sprache erzählt sie, wie sie als Kind erlebt hat, was Weltgeschichte und Machtpolitik mit einem jungen Menschen und dessen Familie machen.

Cover von Chaza Charafeddines Novelle "Beirut für Wilde Mädchen" (auf Deutsch erschienen 2021 bei edition converso)
„Chaza Charafeddine bedient sich am Grundgerüst arabischer Erzähltradition, befreit dieses aber von allem Ballast: Sie schmückt nicht aus, verzichtet weitgehend auf Metaphern und setzt die Pointen so unvorhersehbar und beiläufig, wie das Leben sie uns an die Hand gibt. Dadurch entsteht eine Unmittelbarkeit, die vor allem die kindliche Perspektive erlebbar macht,“ scheibt Gerrit Wustmann in seiner Rezension.

Die politischen Erdbeben prägen dieses Leben, dringen tief ins Private ein. Die Stärke von Charafeddines Buch ist, dass sie dafür nicht die Form des Sachbuches gewählt hat. Dabei wäre es möglich gewesen, am roten Faden der eigenen Biographie entlang eine Geschichte des Libanon seit den Sechzigern zu erzählen. Stattdessen wählt sie eine literarische Form, die weder Roman noch Tagebuch ist, die nicht fiktiv, aber auch nicht zwangsläufig gänzlich Bericht ist.

Arabische Erzähltradition ohne Schnörkel

Sie bedient sich am Grundgerüst arabischer Erzähltradition, befreit dieses aber von allem Ballast: Sie schmückt nicht aus, verzichtet weitgehend auf Metaphern und setzt die Pointen so unvorhersehbar und beiläufig, wie das Leben sie uns an die Hand gibt. Dadurch entsteht eine Unmittelbarkeit, die vor allem die kindliche Perspektive erlebbar macht. Das kleine Mädchen, das aus einer muslimischen Familie stammt und eine französische, von Nonnen geleitete Schule besucht, merkt zwar gelegentlich, dass manches an ihrem Alltag seltsam ist, nimmt all das aber erstmal hin – wie wohl die meisten Kinder der Welt.

Als eines Tages – es ist der Beginn des libanesischen Bürgerkrieges, sie ist elf Jahre alt – panische Betriebsamkeit ausbricht, die Mutter sie und ihre Geschwister von der Schule abholt und auf den Straßen Tumult ausbricht, kann sie sich keinen Reim auf die Ereignisse machen.

Die Eltern flüchten in den Glauben

Sie wird mitgezogen, ihre Welt auf den Kopf gestellt – wie auch einige Jahre später, als die Eltern sich nach der Islamischen Revolution in Iran, die für die schiitische Familie von großer Bedeutung ist, mehr und mehr der Religion zuwenden:

„Die Kluft zwischen uns und unseren Eltern wurde immer tiefer, in immer mehr Dingen wurden wir einander fremd. Sie verstanden nicht, dass es uns einfach nicht interessierte, einen Glauben zu praktizieren, zumal wir daran überhaupt nicht gewöhnt waren. Und wir kapierten nicht, warum die Eltern uns in eine Welt zwingen wollten, mit der uns dem Gefühl nach rein gar nichts verband und die im Widerspruch zu allem stand, was wir bisher gekannt hatten.“

Den Abriss der historischen Hintergründe liefert Stefan Weidner in seinem Nachwort, das all jenen Leserinnen und Lesern, die mit der Landesgeschichte weniger vertraut sind, als Vorwort zu empfehlen ist.

Es sind weniger die politischen Brüche und die Kriege, die Charafeddine letztlich dazu bringen, ins Ausland zu gehen. Es ist in erster Linie der Antrieb der Eltern: In den wohlhabenden Schichten Beiruts ist es üblich, die Kinder an die Universitäten Europas zu schicken – eine Entscheidung, die der Vater später bereut, als er sich längst dem Konservatismus zugewandt und von den französischen Einflüssen, die den Libanon so lange prägten, weit entfernt hat.

Charafeddine erzählt derweil davon, wie seltsam doch die Schweizer und die Deutschen in manchen Dingen sind, nur um nach Jahren der Abwesenheit zu dem Schluss zu kommen, dass auch die Libanesen komisch sind, auf ihre ganz eigene Weise. So dreht sie das ständige Gerede von den kulturellen Unterschieden um, hält dem Publikum den Spiegel ebenso vor wie sich selbst: „Das ist sehr verworren, in der Tat. Aber nicht nur für einen Nicht-Libanesen; für uns ist es genauso verwirrend.“

Gerrit Wustmann

© Qantara.de 2021

Chaza Charafeddine, Beirut für wilde Mädchen, edition converso 2021, aus dem Arabischen übersetzt von Günther Orth, mit einem Nachwort von Stefan Weidner.

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