Charlie-Hebdo-Prozess

Wer beantwortet die Fragen der Opfer?

In Frankreich hat am vergangenen Mittwoch der Prozess der islamistischen Attentate auf das Satiremagazin "Charlie Hebdo" und einen koscheren Supermarkt begonnen. Angehörige hoffen auf Antworten und Linderung. Aus Paris informiert Lisa Louis.

In Maryse Wolinskis Wohnung ist ihr Mann Georges noch immer allgegenwärtig. An der Wand und auf den Regalen sieht man Bilder von den beiden. Und überall hängen noch die Post-Its, die er ihr immer hinterließ.

"Gute Nacht, meine Liebste" und "Ich liebe Dich, Maryse, ich liebe nur Dich" ist darauf zu lesen. Fünf Jahre ist es nun her, dass islamistische Attentäter Georges beim Anschlag auf das Satiremagazin "Charlie Hebdo" kaltblütig erschossen. Maryse ist davon noch immer zutiefst erschüttert.

"Er fehlt mir so"

"Mein Leben ist völlig aus den Fugen geraten", sagt sie gegenüber der Deutschen Welle (DW). "Er fehlt mir so - er und sein Blick, der mich 47 Jahre lang begleitet hat. Durch seine Abwesenheit habe ich Krebs bekommen. Und ich habe regelmäßig Alpträume. In manchen von ihnen bin ich mein Mann und erlebe meine letzten Momente, während die Kalaschnikow auf mich gerichtet ist."

17 Menschen fielen im Januar 2015 den Attentätern zum Opfer. Zunächst schossen Chérif und Saïd Kouachi in der Redaktion des Satiremagazins "Charlie Hebdo" um sich, dann waren sie tagelang auf der Flucht. Mittäter Amedy Coulibaly nahm im Supermarkt Hypercacher 19 Menschen als Geisel.

Maryse Wolinksi, die Witwe des ermordeten Georges Wolinski; Foto: DW/L. Louis
Maryse Wolinski, Witwe und eine der Klägerinnen im Charlie-Hebdo-Prozess: "Mein Leben ist völlig aus den Fugen geraten. Durch seine Abwesenheit habe ich Krebs bekommen. Und ich habe regelmäßig Alpträume. In manchen von ihnen bin ich mein Mann und erlebe meine letzten Momente, während die Kalaschnikow auf mich gerichtet ist."

Die Polizei erschoss alle drei Attentäter. Nun stehen 14 angebliche Komplizen vor Gericht, die die Terroristen logistisch unterstützt haben sollen - etwa, indem sie ihnen Autos oder Waffen beschafften. Den Angeklagten droht zwischen zehn Jahren Gefängnisstrafe und lebenslänglich. Die Anhörungen sollen bis zum 10. November gehen. Die Gerichtsverhandlung ist eine der wenigen in der französischen Geschichte, die man auf Video aufzeichnen wird.

Was ging den Tätern durch den Kopf?

Maryse Wolinski ist eine der Klägerinnen in dem Prozess. Sie hofft, dass im Laufe des Verfahrens wenigstens einige ihrer Fragen beantwortet werden.

"Es ist für mich wichtig, so genau wie möglich zu verstehen, was dem Attentäter Chérif Kouachi durch den Kopf ging", erklärt sie. "Das ist so, als ob jegliche zusätzliche Information mich meinem Mann in seinen letzten Momenten näher bringen würde."

Das Satire-Magazin "Charlie Hebdo" war damals zum Ziel des Anschlags geworden, weil es wiederholt Karikaturen des Propheten Mohammeds veröffentlicht hatte. Die Attacke war ein Anschlag auf die Pressefreiheit, und dagegen gingen wenige Tage später Millionen Menschen in Paris auf die Straße. Der Satz "Je suis Charlie" (Ich bin Charlie) wurde zum weltweiten Slogan.

Georges Wolinskis Post-It für seine Frau Maryse: "Gute Nacht, meine Liebste"; Foto: DW/L. Louis
"Er fehlt mir so": In Maryse Wolinskis Wohnung ist ihr Mann Georges noch immer allgegenwärtig. An der Wand und auf den Regalen sieht man Bilder von den beiden. Und überall hängen noch die Post-Its, die er ihr immer hinterließ. "Gute Nacht, meine Liebste" und "Ich liebe Dich, Maryse, ich liebe nur Dich" ist darauf zu lesen.

"Die Kultur der Satire geht verloren"

Dennoch ist die Pressefreiheit in Frankreich seitdem zunehmend unter Druck geraten - auch weil populistische Politik immer mehr Anklang findet und die Menschen traditionellen Medien gegenüber misstrauischer werden. Das bestätigt auch eine Umfrage des Meinungsinstituts "Kantar" für die Tageszeitung "La Croix". Danach interessieren sich 41 Prozent der Franzosen nicht mehr für die Informationen der traditionellen Medien.

"Charlie Hebdo" publiziert indes weiterhin, jedoch von einer geheimen Adresse aus und mit Polizeischutz rund um die Uhr. Das Magazin bekommt noch immer regelmäßig Morddrohungen. Sein Chefredakteur Gérard Biard beklagt gegenüber DW, dass das Internet die Pressefreiheit noch stärker unter Druck gebracht habe.

"Sobald man einen kritischen Kommentar auf sozialen Netzwerken veröffentlicht, nehmen die Leute das sofort persönlich", meint er. "Sie beschimpfen und bedrohen uns. Aber Satire und Karikaturen sollen doch stören. Sie sollen zum Denken anregen. Diese Kultur der Satire geht immer mehr verloren."

Von den 30 Mitgliedern der Redaktion von "Charlie Hebdo" sind etwa die Hälfte Neuzugänge. Einige der Journalisten und Zeichner haben das Magazin nach den Attacken verlassen - so wie Zineb El Rhazoui. Zum Zeitpunkt der Attacke war sie, wie Biard, nicht in der Redaktion.

Eine "Verfechterin der Laizität"

Zineb El Rhazoui arbeitet noch immer als Journalistin und sagt von sich selbst, sie sei eine "Verfechterin der Laizität". Aber in diesem Kampf verliere ihre Seite immer mehr an Boden, bedauert sie gegenüber DW. Auch Rhazoui steht unter Polizeischutz.

"Wir dachten damals, wir seien am absoluten Tiefpunkt angekommen," erinnert sie sich. "Aber das war gar nicht so. Nach Januar 2015 kamen noch viele andere schreckliche Anschläge - die auf die Konzerthalle Bataclan im November desselben Jahres oder auch der Anschlag auf die Nationalfeierlichkeiten in Nizza am 14. Juli 2016. Immer wieder schrien Attentäter 'Allah Akhbar', und radikale Islamisten propagieren ihre Weltsicht immer schamloser."

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron; Foto: picture alliance/AP Images/G. Fuentes
"Freiheit zu glauben oder nicht zu glauben": Im Streit um die erneute Veröffentlichung der Islam-Karikaturen im französischen Satire-Magazin "Charlie Hebdo" hat Staatschef Emmanuel Macron die Meinungsfreiheit in seinem Land verteidigt. Diese umfasse auch das Recht zur Gotteslästerung (Blasphemie), sagte der 42-Jährige am letzten Freitag im Paris.

Der Prozess einer Ideologie?

Die Gerichtsverhandlung hat für sie auch symbolische Bedeutung. "Ich hoffe, dass dabei dieser Weltsicht der Prozess gemacht wird. Sie ist inzwischen viel zu gefestigt. Islamisten nutzen den Deckmantel der Meinungsfreiheit, um ihre freiheitsbeschränkenden Ideen zu verbreiten. Vielleicht kann diese Gerichtsverhandlung uns Angehörigen und Überlebenden in unserer Trauer etwas Linderung verschaffen."

Die Wichtigkeit der Verhandlung erkennt auch Anwältin Marie Dosé an. Sie vertritt einen der Angeklagten, der den Attentätern Waffen geliefert haben soll und dem bis zu 20 Jahre Gefängnisstrafe drohen.

"Durch diesen Gerichtsprozess werden die Opfer ihrer Trauer Ausdruck verleihen können, und unser Land kann versuchen, mit diesem schrecklichen Teil seiner Geschichte fertigzuwerden", sagt sie gegenüber DW. "Dennoch sollten wir uns nicht im Gegner täuschen - oder glauben Sie wirklich, dass die Attentäter irgend jemandem von ihren Plänen erzählt hätten? Die Angeklagten wussten nicht, was die Terroristen vor hatten. Sie brechen unter dem Gewicht der Anschuldigungen fast zusammen. Es ist, als wären sie die Attentäter und nicht die Kouachi-Brüder oder Coulibaly."

Für Maryse Wolinski ist die Verhandlung auch ein weiterer, kleiner Schritt in Richtung Normalität. Genauso wie die drei Bücher, die sie bereits über das Attentat auf "Charlie Hebdo" veröffentlicht hat. Das Letzte heißt "Unter Lebensgefahr" und erzählt von den vergangenen fünf Jahren, ihrem Leiden und dem Bestreben, besser zu verstehen, wie es zu dem Anschlag kommen konnte.

Sie publiziert auch weiterhin bisher unveröffentlichte Karikaturen ihres Mannes. So besteht ein Teil von ihm fort - auch wenn seine Anwesenheit ihr für immer fehlen wird.

Lisa Louis

© Deutsche Welle 2020

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