Cees Nooteboom im Oktober 2002 auf der Frankfurter Buchmesse; Foto: dpa
Cees Nooteboom bereist die islamische Welt

Radikaler Islamismus vertreibt den Scheherazadeh-Kitsch

Mit welchen Augen betrachtet der unermüdliche Reisende Cees Nooteboom die islamische Welt? Er sieht Vieles, versteht aber nichts. Und bemüht sich nicht, genauer auf die Zwischentöne zu hören. Eine Kritik von Ilja Braun

Dass der Prophet im eigenen Lande nichts gilt, ließ sich der niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom jahrelang gern nachsagen. Schließlich ist die kritische Anerkennung durch die Kulturgroßmacht Deutschland, im Falle Nootebooms zuerst repräsentiert durch Reich-Ranicki, in den kleinen Niederlanden bis heute ein Adelszeichen. Ironischerweise ging im Falle Nootebooms damit einher, dass er kaum mehr als niederländischer Schriftsteller galt, sondern Prädikate wie "Weltenbummler", "Kosmopolit" oder gar "Weltbürger" nur so um die Ohren geschlagen bekam, während er in seiner Heimat jahrelang als "Reiseschriftsteller" ohne literarische Weihen auskommen musste.

Erst vor einigen Jahren hat sich dieses Blatt gewendet, als der heute 77-Jährige den P.C. Hooftprijs erhielt, die niederländische Version des Büchner-Preises. Sein deutscher Verlag Suhrkamp ehrte Nooteboom 2004 mit einer edlen Gesamtausgabe. Zur Hälfte besteht diese Gesamtausgabe aus Reiseberichten: durch die Niederlande und durch des Autors Lieblingsland Spanien (Band 4), durch den Rest von Europa, Deutschland und Berlin (Band 5), durch Afrika, Asien, Südamerika, die USA, Australien und die Südsee (Band 6) und "quer durch die Welt", so die etwas ratlose Verlagsbeschreibung für Band 7.

Mehr oder weniger ein Abfallprodukt dieser Gesamtausgabe ist das schmale Bändchen "Der Laut seines Namens – Reisen durch die arabische Welt", das vornehmlich Texte aus den 60er und 70er Jahren enthält. Sie entstanden während Nootebooms Reisen zu den arabischen Kulturstädten Spaniens, aber auch durch Persien, Marokko, Tunesien, Mali und Indien.

Die islamische Welt beschränkt sich nicht auf Arabien

Zwar haben das westafrikanische Mali, wo die Amtssprache Französisch ist, oder Indien, wo hauptsächlich Hindi und Englisch gesprochen werden, mit der arabischen Welt überhaupt nichts zu tun. Gemeint ist vielmehr die islamische Welt – man hat sich wohl beim Umschlag vertan, während im Buch selbst der Untertitel korrekt ist.

Doch ohne den Buchmessen-Schwerpunkt zur "arabischen Welt" 2004 hätte es diesen Band vermutlich sowieso nicht gegeben, und auch keine Rezension in einer großen Tageszeitung mit der Überschrift "Auf dem fliegenden Teppich". Also sei's drum. Propheten wurden schon immer leicht missverstanden.

Buchcover 'Der Laut seines Namens' von Cees Nooteboom
Primat des Sehens über das Hören: "Der Laut seines Namens" von Cees Nooteboom

​​Ein großer Seher ist Nooteboom immerhin, das haben die frühesten Reisetexte des Autors mit späteren gemein. "Schauen ist alles, was ich kann", schreibt der bekennende Augenmensch, und tatsächlich gehen alle seine Reiseberichte von visuellen Wahrnehmungen aus, die so minutiös wie möglich beschrieben werden.

Das Material erscheint stets als unmittelbar Vorgefundenes, die Kunde des Erzählers als noch unverfälschter, wenngleich poetisch stilisierter, erster Eindruck. So wie hier, vor einer Moschee: "Als ich von dem Platz wegspaziere, komme ich in einen Wald aus steinernen Säulen unter einem gefältelten Ziegelsteinhimmel. Zwei Frauen, fast ganz in ihren schwarzen Tschorbas verborgen, flattern vorbei und verschwinden hinter einer Tür, aus der leise jammernder Gesang dringt. Ich schaue durch das Schlüsselloch und sehe einen alten Mann mit weißem Turban sich hin und her wiegen. Sonst ist es sehr still."

Diese Stille herrscht allerdings nicht nur in der hier beschriebenen Situation, sondern in Nootebooms Reiseberichten überhaupt: Sie leben vom Primat des Sehens über das Hören. Das hat zunächst einen ganz einfachen Grund: "Ich werde verstanden, wenn ich französisch spreche, ich darf in Hotels schlafen und in kleinen Droschken fahren, doch die Stimmen, die ich höre, sind fremd, ich verstehe sie nicht."

Der Autor von "Wie wird man Europäer?" ist in Isfahan, Marrakesch oder Tunesien ziemlich aufgeschmissen. Das wäre ihm kaum persönlich vorzuwerfen, sähe er selbst nicht seine Berichte aus der Fremde allein durch die subjektive Augenzeugenschaft legitimiert. Dabei muss man schließlich kein Marxist sein, um zu wissen, dass die Mechanismen, die das Leben in einer modernen Welt bestimmen, sich nicht durch bloßes Hinsehen erschließen.

Bewusst gewählte Ignoranz

Allein, von solchem Interesse ist bei Nooteboom von vornherein nichts zu verspüren, im Gegenteil: "Den Versuch, Einblick in die marokkanische Politik zu gewinnen, unternimmt man besser nicht. Nach einer Woche des Bemühens habe ich mich, ungeübt wie ich bin, verheddert [...]. Nein, lieber als mit kleinen Fischen nach Hause zu kommen, habe ich sie wieder in dem großen Meer freigelassen, aus dem ich sie herausgefischt hatte: dem Meer der widersprüchlichen Geschichten", schreibt der angebliche Kosmopolit 1960.

Nooteboom ist das alles zu kompliziert, lieber lässt er sich "in einen sanften touristischen Zustand zurückfallen, der sich damit begnügt, unter Palmen zu staunen, im Bus am Fester zu sitzen und die Postkarten mit den schönsten Farben auszusuchen."

Solche bewusst gewählte Ignoranz als Reaktion auf die Zumutungen weltbürgerlichen Informiertseins könnte fast schon wieder sympathisch sein, folgte ihr nicht auf dem Fuß ein Seitenhieb auf die Massentouristen: "Verwöhnt in seiner Einsamkeit, asozial geworden in seiner Verwöhntheit, reist der Weiße durch Afrika und sieht nichts. Und die Touristen sehen nichts, die in immer größeren Mengen an ein paar wilden Tieren und für Geld tanzenden Masken vorbeigeschleppt werden", heißt es 1971.

Die Realität ist zu komplex

Nein, mit der dumpfen Masse will Nooteboom sich natürlich nicht gemein machen, er sieht ja, und wie, auch wenn er nichts begreift: "Was weiß ich inzwischen von diesem Land? Ich bin hier, halte mich hier auf, doch jeder Schritt, den ich draußen gehe, ist ein Schritt in einer andersartigen Welt." (1960) Das genügt dem Weltbürger völlig, "alles, was ich lese, stürzt mich in noch größere Verwirrung [...], dann und wann schimmert darin ein Hauch von Bedeutung, aber ich weiß nicht, wie ich das, was ich lese, mit der überwältigenden Wirklichkeit verbinden soll, die ich um mich herum sehe, sie ist zu mächtig, zu groß, zu alt." (2003).

Was den Autor freilich nicht hindert, alle Nase lang allerlei kunst- und kulturgeschichtliche Schriften zu zitieren – dass er Lévi-Strauss und den Baedecker gelesen hat, sollen wir durchaus wissen.

Dem exotischen Zauber der Fremde tut dies keinen Abbruch: "Der Traum, den ein Mann träumt, der in der Wüste lebt, ist ein Traum von Oasen, Schutz, Blumen, Farben, Genuss, rauschendem Wasser." (1975) Ob Persien, Marokko, Tunesien, Indien oder Mali – überall begegnet Nooteboom nur einer unspezifisch rätselhaften Fremde, die zu enträtseln gar nicht erst der Versuch unternommen wird, weil dann vermutlich nicht viel übrig bliebe. Alles soll ein bisschen geheimnisvoll vor sich hin funkeln, bevor es wieder im großen Strom des Vergessens versinkt.

Am Ende bleibt Wellness: "Ich habe Kavier aus dem Kaspischen Meer gegessen und seltsame Fische aus dem Persischen Golf, Lammkopf komplett mit Zunge, Hirn und Augen, habe Wein aus Schiras getrunken, der eine Art schwerer Träume fördert, in denen Scheherazades Stimme ihre Geschichte erzählt; es ist genug." So bringt man es zu staatlichen Kulturpreisen.

Islamismus macht dem Orientalismus-Kitsch den Garaus

Beachtung verdient eigentlich nur das Nachwort aus dem Jahre 2004, verfasst vor dem Mord an Theo van Gogh, aber immerhin nach dem 11. September. Vor dem aktuellen weltpolitischen Hintergrund erscheinen die frühen Reisetexte Nootebooms noch einmal in einem ganz anderen Licht.

"Die Texte [...] in diesem Buch sind die Berichte eines unschuldigen Reisenden", räumt er ein, "oder vielleicht sollte ich sagen: eines Reisenden in einer unschuldigen Zeit. [...] Ich sah eine Welt, die ich sehen wollte, eine exotische, orientalische Welt aus Tausendundeiner Nacht [...], ich blieb außen, genauso wie ich bei den Niederlagen Syriens und Ägyptens außen blieb oder beim verzweifelten Drama zwischen Israel und den Palästinensern, das die Wirkung eines Brennglases hat in einer extrem entflammbaren Welt."

Ist dies selbstkritisch gemeint? Soll damit letzten Endes doch noch die beschauliche Perspektive des Bildungsbürgers, der sich von der Fremde bezaubern und entzücken lässt, in Frage gestellt werden? Leider nein. Nooteboom hat lediglich zu bedauern, dass der islamische Fundamentalismus ihm den Scheherazade-Kitsch ausgetrieben hat: "Dieses Außen gibt es nicht länger, es ist zu uns gekommen und wird dies auch in Zukunft tun."

"Das wenig anregende Bild einer intoleranten Religion"

Unvermeidlich folgt die Plattitüde über "das den gesamten Globus überstrahlende westliche Weltbild", dem gegenüber "der fundamentalistische Terror und die großen muslimischen Bevölkerungen in Europa" stünden, und abgerundet wird das Ganze durch eine Floskel der political correctness: Die Lösung des Konflikts könne nur "in der Ausräumung der unvorstellbaren Unwissenheit in Bezug aufeinander liegen."

Mit seinen Reiseberichten aus der islamischen Welt hat Cees Nooteboom dazu jedenfalls in keiner Weise beigetragen. Für seine Leser wird der Islam wohl auch weiterhin das "wenig anregende Bild einer intoleranten Religion" sein, "die, gestützt auf den Reichtum unseres Jahrhunderts, eine unterschätzte Gefahr für den Rest der Welt darstellt." (Cees Nooteboom anno 1982, Gesammelte Werke Band IV, S. 159)

Ilja Braun

© Qantara.de 2011

Redakteur: Lewis Gropp/Qantara.de

Der Laut seines Namens. Reisen durch die islamische Welt. Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen und Rosemarie Still. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2004, 270 S., 10,00 Euro

Gesammelte Werke. Bände 4,5 und 6: Auf Reisen. Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen, Andreas Ecke und Rosemarie Still. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2004, je 40,90 Euro

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