White ist allerdings nicht der Meinung, Moskau ziele darauf ab, die libysche Küste und damit die Einwanderungsrouten nach Europa zu kontrollieren. Das beste, was sich Russland erhoffen kann – und wohl tatsächlich erhofft – ist ein kooperatives libysches Regime, das mächtig genug ist, dies selbst tun zu können.

Und Libyen-Experte Tim Eaton glaubt, Libyen sei in Hinblick auf Einmischung von außen sehr misstrauisch. Daher sei es auch kaum vorstellbar, dass Ministerpräsident Sarraj oder Feldmarschall Haftar dem Aufbau eines russischen Marinestützpunkts zustimmen würden – selbst wenn die Russen dies vorhätten. Im Gegenteil, gegenwärtig ist es General Haftar, dersich damit brüstet, dank seiner Macht die ungeregelte Migration nach Europa unter Kontrolle zu bringen. Wer auch immer dazu effektiv in der Lage sein will, muss nicht nur See- sondern auch Landwege kontrollieren.

Afrikanische Geflüchtete in Tripolis; Foto: AFP/Getty Images
Libyen als Transitland für afrikanische Flüchtlinge: Die Zahl der Migranten in libyschen Lagern ist nach Angaben der "Internationalen Organisation für Migration" (IOM) mittlerweile stark gesunken. Derzeit befinden sich laut IOM-Angaben etwa 5.000 Menschen in 26 libyschen Lagern. Vor einem Jahr seien es noch 17.000 gewesen. Damals wurde internationale Kritik laut, als Berichte über Gefangenschaft, Folter und Sklaverei bekannt wurden. Insgesamt leben laut IOM in dem Land mindestens 600.000 Flüchtlinge.

Abgesehen davon, dass die Russen ihren verlorenen Einfluss in Nordafrika wieder herstellen wollen, dient die russische Einmischung laut White allein Informationszwecken. Allerdings hält Moskau es auch für wichtig, militant-islamistische Elemente zu unterdrücken, und sich, sofern es Khalifa Haftar hilft, bei Ägyptens Diktator Sisi Lieb Kind zu machen, der ja gemeinsam mit den Vereinigten Arabischen Emiraten zu den größten Unterstützern Haftars zählt.

Offen für alle Konfliktparteien

Doch das Doppelspiel der russischen Diplomatie und des russischen Militärs in Libyen wirft viele Fragen auf. Einige Beobachter erwähnen sogar die Möglichkeit, rivalisierende russische Staatsorgane könnten dort verschiedene Seiten unterstützen. Wahrscheinlicher ist es allerdings, dass Russland versucht, zu allen Konfliktparteien die Kommunikationskanäle offen zu halten – unabhängig davon, wer letztlich gewinnt.

Dies spiegelt die unterschiedlichen russischen Interessen in Libyen wider und deutet laut Eaton darauf hin, dass die russischen Akteure auch weiterhin relativ opportunistisch vorgehen. Sie wollen mit möglichst geringem Aufwand die Chancen nutzen, die ihnen am meisten Vorteile bieten. Dass Russland beabsichtigt, sich stark genug zu engagieren, um als internationaler Vermittler für eine politische Einigung in Libyen dienen zu können, ist allerdings unwahrscheinlich.

Und ebenso wie andere Akteure, die versucht haben, in Libyen Fuß zu fassen, könnte auch Russland den vielen militanten Strömungen und rivalisierenden Parteien dort unterliegen. In diesem Fall könnte das Land dort nicht nur Soldaten verlieren, sondern müsste auch eventuelle Pläne aufgeben, sich in Libyen nennenswert etablieren zu können.

Stasa Salacanin

© Qantara.de 2018

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

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