Bürgerkrieg in Libyen

Spielball der regionalen Mächte

Die arabische Welt wird gegenwärtig von zahlreichen Bürgerkriegen erschüttert. Der, von dem man im Westen am wenigsten hört, könnte sich als der Gefährlichste erweisen: der Stellvertreterkrieg in Libyen. Von Joseph Hammond und Suhaib Kebhaj

In Libyen tobt seit 2011 ein Bürgerkrieg, der in vielerlei Hinsicht ein Stellvertreterkrieg ist, den Qatar mit verbündeten Muslimbruderschaften gegen die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und Saudi-Arabien austrägt.

Die Rivalität zwischen Qatar und den VAE liefert mehr Treibstoff für die Fortsetzung des libyschen Bürgerkriegs als nationalistische oder islamistische Ideologien. Nicht zuletzt sorgte diese Rivalität Anfang dieses Jahres für Schlagzeilen, als Saudi-Arabien und seine Verbündeten die diplomatischen Beziehungen zu Qatar abbrachen.

Qatar und die VAE können ihre Muskeln im Libyenkonflikt stärker spielen lassen, da sich die Vereinigten Staaten und auch die anderen Großmächte eher zurückhalten – anders als die beispielsweise im Jemen oder in Syrien der Fall ist.

Beiden Golf-Monarchien geht es um ihren Einfluss auf das Nachkriegslibyen und somit um künftige Wirtschaftsinteressen. Schließlich birgt das Land einige der letzten bedeutenden und noch nicht vollständig erschlossenen Öl- und Gasvorkommen im Nahen Osten. Abgesehen von der Ölwirtschaft unterhält Qatar Finanzgeschäfte mit Libyen, die noch aus der Gaddafi-Ära stammen. Doch auch die VAE mischen seit jeher im libyschen Finanzsektor mit.

Chaos der drei Koalitionen

Nach den umstrittenen Wahlen im Jahr 2014 ist Libyen erneut ins Chaos abgeglitten, was auf die divergierenden Interessen der zahlreichen rivalisierenden Akteure zurückzuführen ist: Berber-Milizen, IS-Terroristen, ehemalige Angehörige der Militärstreitkräfte Gaddafis und viele weitere Fraktionen. In den letzten drei Jahren konnten sich allerdings einige größere Koalitionen herausbilden, die jeweils für sich in Anspruch nehmen, Libyens legitime Regierung zu stellen.

Der "Neue Allgemeine Nationalkongress" mit Sitz in Tripolis ist weitgehend von der Muslimbruderschaft beeinflusst und wird von Qatar unterstützt. Die selbsternannte "Libysche Nationalarmee" (LNA) unter Führung von Ex-General Chalifa Haftar wird hingegen von den VAE und von Saudi-Arabien unterstützt. Die LNA nimmt für sich in Anspruch, das (ost-)libysche Repräsentantenhaus in Tobruk zu vertreten.

In Paris for peace talks, July 2017. French President Emmanuel Macron is flanked in Paris by Libyan Prime Minister Fayez al-Sarraj of the Government of National Accord (left) and General Khalifa Haftar, head of the Libyan National Army (photo: Reuters)
Friedensverhandlungen mit offenem Ausgang: Mit einem Spitzentreffen wollte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron im vergangenen Juli zu einer Krisenlösung im Libyenkonflikt beitragen. Auf dem Schloss von La Celle Saint-Cloud trafen sich u.a. der Ministerpräsident der international anerkannten Übergangsregierung, Fajis al-Sarradsch, und der Militärführer Chalifa Haftar. Seit dem Sturz von Langzeitmachthaber Muammar al-Gaddafi im Jahr 2011 herrscht in dem ölreichen nordafrikanischen Land ein Bürgerkrieg. Die Einheiten von General Haftar kontrollieren weite Teile im Osten des Landes. Er hatte zuletzt weiter an Einfluss gegenüber der Übergangsregierung von Al-Sarradsch im westlichen Tripolis gewonnen.

Beide der oben genannten Fraktionen stehen nach offizieller Lesart zur Regierung der Nationalen Einheit, die von den Vereinten Nationen als Libyens legitime Regierung anerkannt ist. Beide Seiten haben allerdings weitere Verbündete. Ägypten steht hinter Chalifa Haftar. Die Türkei unterstützte in der Vergangenheit den "Allgemeinen Nationalkongress".

Qatar mischt bereits seit Langem in der libyschen Politik mit und unterhält seit der Gaddafi-Ära Verbindungen zur islamistischen Opposition. Im Verlauf des Arabischen Frühlings von 2011 unterstützte Qatar die Muslimbruderschaft. Diese stellte in mehreren arabischen Staaten die bestorganisierte politische Kraft dar.

Qatar erkannte als erstes Land die libyschen Rebellen an und versorgte diese Anfang 2011 beim Kampf gegen Gaddafi mit Waffen. Laut Medienberichten entsandte Qatar zudem Spezialeinheiten nach Libyen. Zumindest aber wurden libysche Rebellen in Qatar militärisch ausgebildet.

Auch die Emirate schickten bereits frühzeitig Waffen an Rebellengruppen, versäumten es aber, dauerhafte Bindungen aufzubauen. Stattdessen wandten sie sich General Haftar zu, einem mutmaßlichen ehemaligen CIA-Agenten, der bis zum Jahr 2011 im Exil in den USA lebte.

Der Napoleon Libyens

Im Mai 2014 bildete Haftar aus den von ihm kontrollierten Brigaden die sogenannte "Libysche Nationalarmee" (LNA) und ging damit gegen islamische Extremisten vor. Haftars Definition von Extremisten schließt allerdings viele Gruppierungen ein, die andere als moderat betrachten würden. An diesen Brigaden manifestierte sich der Streit zwischen Qatar und den VAE, denn beide Länder unterstützen im Libyenkonflikt rivalisierende Seiten. Einen Monat später zogen Bahrain, die VAE und Saudi-Arabien ihre Botschafter aus Qatars Hauptstadt Doha für insgesamt acht Monate ab.

Der 70jährige Haftar ist möglicherweise der gewiefteste Militärbefehlshaber, den Libyen jemals hervorgebracht hat. Indes macht der "Napoleon Libyens"  aus seinen Ambitionen kein Geheimnis. Er sieht sich als künftiger Herrscher des Landes.  Sein schneller Aufstieg ist auch das Ergebnis der ägyptischen und emiratischen Luftangriffe zur Unterstützung der von ihm befehligten LNA.

Aufgrund der Missbilligung der USA agierten beide Länder zunächst verdeckt. Doch nach dem Massaker an koptischen Christen im Februar 2015 führte Ägypten auch offiziell Luftangriffe gegen islamistische Milizen in Libyen durch. Qatar, das den aus islamistischen Gruppierungen getragenen "Neuen Allgemeinen Nationalkongress" unterstützt, nannte die Luftangriffe Ägyptens einen "furchtbaren Anschlag". Al-Jazeera berichtete ausführlich über die zivilen Opfer der Operation.

Die anhaltenden Luftangriffe lassen den Konflikt zunehmend eskalieren. Einst verdeckt geführte Operationen werden jetzt in aller Offenheit ausgeführt.

Qatar leistete allerdings bislang keine direkte militärische Unterstützung, zumal Libyen außerhalb der operativen Reichweite der qatarischen Luftwaffe liegt. Selbst die 24 aus Frankreich eingekauften Kampfflugzeuge des Typs Dassault Rafale können Libyen nicht ohne Zwischenstopp oder Luftbetankung erreichen, denn das würde entsprechende Vereinbarungen mit Verbündeten erfordern.

Wechselnde Bündnispartner

Die diplomatischen Beziehungen haben sich im Golf-Kooperationsrat inzwischen wieder normalisiert. Die politische Lage am Golf scheint sich gegenwärtig zumindest zu beruhigen. Qatar schloss sich sogar der von den Saudis angeführten militärischen Intervention im Jemen an.

Libyens General Haftar; Foto: Reuters
Der "Napoleon Ägyptens": Der 70jährige Haftar ist möglicherweise der gewiefteste Militärbefehlshaber, den Libyen jemals hervorgebracht hat. Aus seinen Ambitionen macht er kein Geheimnis: Er sieht sich als künftiger Herrscher des Landes. Sein schneller Aufstieg ist auch das Ergebnis der ägyptischen und emiratischen Luftangriffe zur Unterstützung der von ihm befehligten LNA.

In Libyen blieben die Spannungen zwischen den beiden Ländern allerdings unvermindert bestehen. In den letzten Monaten intensivierten die VAE und Ägypten sogar ihre militärische Unterstützung zugunsten von Haftar.

Dies wurde bei den jüngsten Bombenangriffen Ägyptens in Libyen deutlich. Offiziell als Vergeltung für die Anschläge am 26. Mai auf koptische Christen deklariert, räumte die ägyptische Regierung ein, dass die neuerliche Bombardierung nicht allein auf die Täter abzielte.

Vor allem richtete sie sich gegen eine Koalition aus islamistischen Milizen, die sich unter dem Namen "Shura Council of Mujahideen" in Derna zusammengeschlossen hatten. Die Gruppe stand den Bemühungen Haftars zur Kontrolle über das Land entgegen. Arabischen Presseberichten zufolge wurde die Gruppe von Qatar unterstützt. Als weiterhin isoliertes Land mit wenigen Optionen könnte Qatar Libyen für Nadelstiche gegen die VAE nutzen.

Und in den Untiefen der libyschen Politik könnte Haftar leicht in die Defensive geraten. Haftars LNA ist keine moderne Armee, sondern eine Allianz aus Milizen, die ihre Bündnispartner nach Interessenlage gegebenenfalls schnell wechseln. Die Schwäche Haftars ist die Stärke Qatars, das die finanzielle Unterstützung seiner Stellvertreter jederzeit aufstocken und dazu flankierende Öffentlichkeitsarbeit leisten kann, insbesondere über Al-Jazeera.

So oder so ist zu erwarten, dass in Libyen noch lange gekämpft wird. Während die westlichen Staaten auf die Ereignisse in Syrien und Jemen blicken, wären sie gut beraten, den Ereignissen in Libyen mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Dort könnten die Spannungen zwischen den Golfstaaten aus einem Bürgerkrieg einen Krieg werden lassen.

Joseph Hammond und Suhaib Kebhaj

© Qantara.de 2017

Joseph Hammond ist Autor des "American Media Institute" und arbeitete als Journalist aus Kairo über den Arabischen Frühling 2011. Darüber hinaus war er in vier Kontinenten als Reporter tätig. Suhaib Kebhaj ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Internationalen Währungsfonds und kann auf umfangreiche Erfahrung aus Tätigkeiten in seiner Heimat Libyen zurückgreifen.

Aus dem Englischen von Peter Lammers

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