Buchtipp "Warum hasst ihr uns so?"

Mona Eltahawy: Der Nahe Osten braucht eine sexuelle Revolution

Frauen in islamischen Ländern bleiben Menschen zweiter Klasse – solange es keine echte Revolution gibt, glaubt die streitbare ägyptische Journalistin Mona Eltahawy. Claudia Kramatschek stellt ihr jüngstes Buch vor.

Die Freiheit der Frau kann als Gradmesser dafür gelten, wie weit der Begriff der Freiheit in einer Gesellschaft verwirklicht ist: Freiheit meint immer Freiheit für alle – egal ob Mann oder Frau. Es war insofern ermutigend, als im Rahmen der Arabellion auch vermehrt Frauen Flagge zeigten. Und es war ebenso entmutigend, wie schnell die Rechte der Frauen in eben den Ländern, in denen endlich der lang unterdrückte Ruf nach Freiheit ertönte, wieder beschnitten wurden und noch immer beschnitten sind.

Dass die politische Revolution mit einer gesellschaftlichen – was letztlich meint: sexuellen Revolution einher gehen müsste, betonte im vergangenen Jahr schon die ägyptische Journalistin Shereen El Feki in ihrem Band "Sex und die Zitadelle". Die ebenfalls aus Ägypten stammende Journalistin Mona Eltahawy legt mit ihrer nun ins Deutsche übersetzen Streitschrift "Warum hasst Ihr uns?" noch nach und behauptet kühn: Der Nahe Osten brauche eine sexuelle Revolution – denn nur die sexuelle Revolution ermögliche jene Freiheit der Frauen, die wiederum diesen Ländern selbst die ersehnte Freiheit garantiere.

Grundlegende Misogynie

Der Band ist starker Tobak, vom ersten Satz an: "Grundsätzlich gibt es nichts zu beschönigen", so beginnt Mona Eltahawy ihre Ausführungen über die in ihren Augen grundlegende Misogynie der arabischen Welt. "Wir arabischen Frauen leben in einer Kultur, die uns grundsätzlich feindlich gegenüber steht und die geprägt ist von der Verachtung der Männer. Sie hassen uns nicht etwa wegen unserer Freiheiten, wie es das abgedroschene amerikanische Klischee nach 9/11 gerne hätte. Wir haben keine Freiheiten, weil sie uns hassen".

Buchcover Mona Eltahawy: "Warum hasst ihr uns so? Für die sexuelle Revolution der Frauen in der islamischen Welt"
Eine sexuelle Aufklärung tut, so Mona Eltahawy, dringend Not – und zwar (entgegen des anders lautenden deutschen Buchtitels) für beide Geschlechter! Doch bis es soweit ist, wird vor allem die Wut der Frauen wachsen und wachsen, konstatiert Claudia Kramatschek.

Mona Eltahawy spricht dabei über Erfahrungen aus erster Hand: Sie selbst kommt in Ägypten zu Welt; als sie sieben Jahre alt ist, zieht ihre Familie allerdings nach Saudi-Arabien: "Es war, als wären wir auf einen anderen Planeten gezogen, dessen Bewohner sich inbrünstig wünschten, es gäbe keine Frauen".

Beide Länder stehen daher im Mittelpunkt ihrer kritischen Bestandsaufnahme – auch, wenn sie immer wieder Zahlen und Fakten aus anderen arabischen bzw. muslimischen Ländern einflicht, so etwa dem Jemen und dem Libanon, aus Syrien oder dem Sudan.

Keuschheitswahn und Hypersexualisierung

Diese Zahlen und Fakten sind erdrückend und bedrückend zugleich – manchmal wünscht man sich, man könnte ein 'ja, aber' entgegen setzen. Doch eben solch ein 'Ja, aber' lässt die Autorin nicht gelten: Weder entlässt sie – die selbst lange aus Überzeugung den Hidschab getragen hat – ihre Religion aus der Verantwortung für die patriarchale Unterdrückung, noch will sie 'kulturelle Eigenheiten' gelten lassen.

Wo von diesen die Rede ist, stütze man nur die Hardliner und Fundamentalisten, die den weiblichen Körper, so Eltahawy, zu "kulturellen Vektoren" machen, in deren Körper die männlichen Vorstellungen von Kultur eingeschrieben werden. Frauen werden somit allein auf das Hymen und das Kopftuch reduziert – Keuschheit und Reinheit sind der Altar, auf dem gegebenenfalls ihr Leben geopfert wird, allein um des guten Rufes willen: Ehrenmorde, Kinderheirat, Polygamie, Genitalverstümmelung in Ägypten, häusliche Gewalt, das Zusammenwirken von häuslicher und staatlicher Gewalt – siehe etwa die Vergewaltigungen auf dem Tahrir-Platz und die sogenannten Jungfräulichkeitstests, die in Ägypten durchgeführt werden.

Allumfassende Kontrolle

Mona Eltahawy macht dabei unmissverständlich klar: Es geht nicht um die propagierte Keuschheit – selbst in Mekka wurde sie nämlich als Jugendliche bei der Umrundung der Kaaba trotz züchtiger Kleidung sexuell belästigt. Darüber reden durfte sie nicht. Es geht vielmehr um Kontrolle – auch um die der weiblichen Mobilität.

Die sogenannten Personenstandsgesetze in Saudi-Arabien nennt sie eine Politik der Geschlechterapartheid: Erwachsene Frauen, die einen Vormund – und sei es der eigene minderjährige Sohn – benötigen, um beispielsweise erneut heiraten zu können? Dafür hat sie nur ätzende Worte übrig: "Religiöse Hardliner machen Saudi-Arabien lächerlich. Ein Land, das innerhalb von sechs Jahrzehnten mehrspurige Autobahnen durch die Wüste zog und im Datenstrom bestens vernetzt ist, sperrt seine Frauen in eine mittelalterliche Sphäre, und die Welt schweigt dazu".

Die ägyptische Journalistin Shereen El Feki, Autorin des Buchs "Sex und die Zitadelle"; Foto: Kristof Arasim
Dass die politische Revolution mit einer gesellschaftlichen – was letztlich meint: sexuellen Revolution einher gehen müsste, betonte bereits im vergangenen Jahr die ägyptische Journalistin Shereen El Feki in ihrem Band "Sex und die Zitadelle".

Die Welt – dazu gehört sowohl der Westen, aber auch der schweigende muslimische Rest. An diesen richtet sich ihr Buch vornehmlich; auch wenn sie auf die zynische westliche Doppelmoral hinweist, dass ausgerechnet das frauenfeindliche Saudi-Arabien – nicht aber der Iran – sich in ein Gremium wie "UN Women" einkaufen durfte, das verspricht, den weiblichen Sport zu fördern.

Die Wut der Frauen wird die islamische Welt verändern

Dennoch ist ihr Ziel nicht die 'Rettung durch den Westen'. Sie wünscht sich vielmehr, dass der Westen all jenen Frauen mehr Gehör und Stimme verleihen würde, die in der muslimischen Welt teils ihr Leben aufs Spiel setzen, um für das eigene Geschlecht zu erlangen, was den Männern selbstverständlich scheint: die Freiheit, sich zu bewegen und zu leben, wie man will.

Fallbeispiele mutiger Frauen – so etwa der Korso jener Frauen, die in Saudi-Arabien gegen das Fahrverbot protestierten und dafür im Gefängnis landeten und den Pass entzogen bekamen – wechseln sich daher mit den eigenen Erfahrungen der Autorin ab; das verleiht dem Buch seine so persönliche wie lebendige Note. Für sich zu sprechen, ist die Botschaft, die sie an die Frauen hat.

Die Männer lässt sie dennoch nicht außen vor: Sie weiß, dass auch viele von ihnen unter der von ihrer Kultur und Religion auferlegten bigotten Doppelmoral leiden. Eine sexuelle Aufklärung tut, so Mona Eltahawy, daher dringend Not – und zwar (entgegen des anders lautenden deutschen Titels) für beide Geschlechter! Bis es soweit ist, wird aber vor allem die Wut der Frauen wachsen und wachsen. Sie ist – schenkt man der Autorin Glauben – schon jetzt unermesslich groß und wird die islamischen Länder über kurz oder lang grundlegend verändern.

Claudia Kramatschek

© Qantara.de 2015

Mona Eltahawy: "Warum hasst ihr uns so? Für die sexuelle Revolution der Frauen in der islamischen Welt", aus dem Amerikanischen von Ursula Held, Piper Verlag 2015, 203 Seiten.

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Leserkommentare zum Artikel: Mona Eltahawy: Der Nahe Osten braucht eine sexuelle Revolution

Männliche Körper werden ja gleichfalls zu "kulturellen Vektoren" gemacht, vielleicht mit anderem Vorzeichen, aber nicht sich gegenseitig aufheben, sondern verstärkend. Die Beschneidung von Jungen und das Bild, unbeschnitten kein echter Mann zu sein und der damit verbundene männliche Rolle spielt hier doch offensichtlich eine Rolle. Männer werden so zum Patriachat erzogen, in eine Rolle gedrückt.

Rerun22.06.2015 | 23:17 Uhr

Das Buch werde ich mir sofort kaufen. Frauen müssten weltweit den 1. Mai 2016 ausrufen und für sich die gleichen Rechte einfordern wie die Männer für sich beanspruchen.

Bertholdfritz@ ...23.06.2015 | 09:31 Uhr

Danke an die Autorin, endlich spricht mal jemand Klartext! Genauso ist es! Ich durfte diese teils subtile, teils offene, aber stete Unterdrückung der Frauen selbst in Tunesien, Ägypten, Syrien und Jordanien erleben. In etlichen anderen Ländern ist es noch viel schlimmer. Für viele Frauen ist dies allerdings leider fast selbstverständlich, denn es wird ihnen vom Kleinmädchen an geistig und körperlich eingebläut, was für weibliche Wesen "gottgegeben" oder der Ehre der Familie (hier speziell natürlich der Ehre der männlichen Verwandten...) angemessen ist. Es schrieb einmal ein kluger Autor in "Zenith" folgendes: "Es sind die Mütter, die etwas ändern können. Sie müssen ihre Söhne zu emanzipierten Männern erziehen".

Ingrid Wecker23.06.2015 | 10:29 Uhr

Naja, ich sag mal: Sex sells ... ; - )

Gerd Friedrichsen23.06.2015 | 13:33 Uhr

Diese Revolution müssen die Frauen selber machen.Da kann ihnen kaum einer helfen.
Die Befreiung faengt an,denke ich,bei den Bekleidungsvorschriften.

Ich warte mit Spannung auf das was noch kommt.

vakit24.06.2015 | 20:41 Uhr

alle macht den unterdrückten moslemischen frauen ..es währe endlich frieden und freiheit für alle in den moslemischen ländern..auch bin ich überzeugt davon das die wirtschaft in ihren ländern florieren würde..ich wünsche den frauen viel mut und zuversicht ..sie werden es schaffen

wolfgang meierkorn25.09.2015 | 01:08 Uhr