Buchtipp: "Warum Bayern ein orientalisches Land ist"

Bier und Wüstensand aus dem Morgenland

Das bayerische Selbstverständnis könnte anfangen zu wackeln. Denn die Einflüsse des Orients auf die Bajuwaren sind viel einschneidender, als die meisten wohl ahnen. Von Hans Kratzer

Ein stattlicher Teil der bayerischen Staatsbürger und Staatsbürgerinnen zeichnet sich durch einen Kropf aus, und noch häufiger sitzt auf den Körpern der Eingeborenen ein Quadratschädel. Als weitere Stammesmerkmale fallen bisweilen die gekräuselten Haare der Männer sowie der dunkle Teint der Frauen auf, der zum Beispiel bei der Schauspielerin Uschi Glas sehr ausgeprägt war.

Als Kind in Niederbayern wurde sie deshalb, wie sie selber beklagt, als "protestantische Negerin" verspottet. Die einstige Einlassung des Anwalts Fritz Berthold, wonach die Altbayern "Abkömmlinge sudanesischer Kantinenwirte, irakischer Bauchtänzerinnen und syrischer Haarauszupfer" seien, mag frech klingen. "Aber so falsch ist sie gar nicht", argumentiert der Historiker Klaus Reichold. Ethnologisch betrachtet, besteht kein Zweifel daran, dass bei der Stammesbildung der Bayern nicht zuletzt ein Haufen orientalischer Hilfssoldaten und Sklavinnen aus den Reihen der römischen Limes-Truppen mitgewirkt haben.

Viele weitere Indizien lassen auf eine kulturelle Nähe von Orient, Afrika und Bayern schließen. Der Löwe im bayerischen Staatswappen etwa, der maurische Kiosk im Park des Schlosses Linderhof, die Hauben der Frauenkirche, die der Al-Aqsa-Moschee in Jerusalem nachempfunden sind, dazu der Orient-Express, der auf dem Weg von Paris nach Istanbul Bayern querte. Und nicht zuletzt die Weißwurst, die ohne exotische Zutaten wie Ingwer und Kardamom überhaupt ganz fad schmecken würde. So drängt sich die nicht ganz bierernst zu verstehende Frage auf: Muss der Freistaat Bayern angesichts all dieser buntscheckigen Belege vielleicht sogar als orientalisches Land definiert werden?

Reichold vertritt dazu einen klaren Standpunkt, den er zuletzt in einem originellen Buch dargelegt hat. Es trägt den steilen Titel: "Warum Bayern ein orientalisches Land ist." Den populären Spruch "Mia san mia" hält Reichold für einen ausgesprochenen Schmarrn. Kein Mensch wisse, wer die Bayern wirklich sind, sagt er, aus dem heutigen Gebiet von Bayern kämen sie zweifelsfrei nicht. Selbst die Landespatronin, die Muttergottes, sei eine Zuagroaste aus Galiläa.

Der Autor gesteht aber zu, dass der Orient nur eine von vielen Quellen ist, aus denen sich der weiß-blaue Kosmos speise. Doch sei Bayern ähnlich exotisch und rätselhaft wie der Orient und viel bunter und widersprüchlicher, als viele denken. Wobei festzuhalten ist, dass diese Denkweise im Norden weniger verbreitet ist. Das Magazin Der Spiegel urteilte einmal, das schönste Land der Bundesrepublik sei zu widersprüchlich, "um sich selbst zu verstehen, geschweige denn von anderen verstanden zu werden".

Nicht einmal das Bier wurde in Bayern erfunden, sondern im Zweistromland

Buchcover: Klaus Reichold: „Warum Bayern ein orientalisches Land ist und andere weiß-blaue Wahrheiten“. Edition Luftschiffer.
Der Ausspruch "Mia san mia" ist schon immer ein ausgemachter Schmarrn. Denn kein Mensch weiß, wer die Bayern wirklich sind und woher sie kommen. Aus Bayern jedenfalls nicht. Selbst die Landespatronin, die Muttergottes, ist eine »Zuagroaste« aus Galiläa.Zugegeben: Der Orient ist nur eine der Quellen, aus denen sich das weiß-blaue Wesen speist. Bayern ist aber ähnlich exotisch, geheimnisvoll und rätselhaft - viel bunter und widersprüchlicher, als man gemeinhin denkt.

Reichold sagt, Bayern schöpfe seine Kraft und Identität daraus, dass es seit Jahrhunderten Menschen, Kultur und Traditionen aus aller Welt erfolgreich integriert und vereinnahmt habe.

Auch die Forschung bestätigt, dass sich die bayerische Bevölkerung aus einem Durcheinander ehemaliger Zuagroaster zusammensetzt, die jeweils ihre eigenen Sitten und Gebräuche in die hiesige Kultur einbrachten.

Umgekehrt hat der bayerische Einfluss gelegentlich weit in die arabische Welt hineingereicht. Der Tegernseer Mönch Froumund behauptete vor 1000 Jahren in einer Schrift, all die Völker, die hinter dem Ararat hausten, hätten damals bairisch gesprochen. Für ihn war das sehr schlüssig, denn laut seiner Theorie hatten die Bayern die Sintflut überlebt und dann in der Golfregion eine Art Aufbauhilfe geleistet. Selbst im Emir von Katar könnte ein Bayern-Gen stecken, hat er doch vor längerer Zeit eine Wahnsinnssumme für den blauen Wittelsbacher hingeblättert, für jenen Diamanten also, der einst strahlend auf der bayerischen Königskrone prangte.

Jeder weiß, dass in diesem Stein die Seele Bayerns ruht. Als Ex-Ministerpräsident Horst Seehofer vor Jahren Katar besuchte, hätte er dem Emir durchaus hinreiben können, er solle das Ding wieder herausrücken, das gehöre in die Schatzkammer der Münchner Residenz. Aber er tat es nicht, vielleicht unter dem Eindruck, dass Katar und Bayern Bruderländer sind, in denen traditionell der Ober den Unter sticht.

Immerhin erging es Seehofer im Orient besser als dem Kaiser Friedrich Barbarossa, der 1189 von Regensburg aus zum Kreuzzug aufbrach, dann aber in Kleinasien in einem Fluss ertrank. Die tapfere Bertha von Sulzbach aus der Oberpfalz brachte gar das Kunststück fertig, in Istanbul zur Kaiserin von Byzanz gekrönt zu werden. Sie ruht nun in der Grablege der byzantinischen Kaiser, die später von den Osmanen in die heute noch bestehende Zeyrek-Moschee umgewandelt wurde.

So hart es auch klingen mag: Nicht einmal das Bier wurde in Bayern erfunden, sondern im Zweistromland, wo schon vor fast 4000 Jahren Dutzende unterschiedliche Sorten gebraut wurden. Ebendort verkündete König Hammurapi I. die älteste überlieferte Schankordnung der Welt, derzufolge jede Priesterin, die ein Bierhaus aufsuchte, unverzüglich dem Scheiterhaufen zu überantworten war.

So weit sei es in Bayern schon deshalb nicht gekommen, sagt Reichold, weil der katholische Glaube die Weihe von Frauen zu Priesterinnen nicht vorsieht. So hat alles zwei Seiten. Dass sich der bayerische Katholizismus aus dem Orient speist, zeigt sich eindrucksvoll in Oberammergau, das sich bei den Passionsspielen seit altersher in die Heilige Stadt Jerusalem verwandelt. Aus der Alpenkette am Horizont wird das Judäische Bergland, und auf der Bühne wirbelt Wüstenstaub durch die Luft.

Onuphrius wiederum, der ursprüngliche Stadtpatron von München, soll der Spross einer äthiopischen Fürstenfamilie gewesen sein und sein Leben als Einsiedler in Ägypten zugebracht haben. Anders der Lebemann Herzog Max, der Vater der Kaiserin Sisi, der sich kurz nach Sisis Geburt ewig im Orient herumtrieb, um dort edle Pferde, Bauchtänzerinnen und Tempel zu bewundern.

Osmanische Elitesoldaten versuchten einst, Feinde zu schrecken, indem sie mit Trommeln und Becken krachlaut lärmten. Diese Art von Geräusch wird heute mit Vorliebe von bayerischen Blaskapellen zelebriert, wo Trommeln ebenso unentbehrlich sind wie der Mokka und die Datteltörtchen, die sich König Ludwig II. im türkischen Salon auf dem Schachen reichen ließ.

"Überall das Stärkste nehmen und zum Eigenen machen", das sei ein bayerisches Erfolgsrezept, sagt Reichold. So humorvoll überzeichnet manche Geschichte sein mag, er ist fest überzeugt, dass geschlossene Weltbilder auf dem Irrglauben beruhen, es gebe "Die und Uns", also jeweils homogene Gruppen mit einem festgezurrten Kanon von kulturellen, politischen und religiösen Überzeugungen und Verhaltensmustern. Zwischen diesen Gruppen klaffe eben kein unüberwindbarer Abgrund, es gehe alles zusammen, sagt Reichold. Auch unsere Vorfahren seien irgendwann als Fremde ins Land gekommen. "Unsere Identität ist keineswegs einheitlich weiß-blau, sondern vielfältig."

Hans Kratzer

© Süddeutsche Zeitung 2021

Das Buch "Warum Bayern ein orientalisches Land ist" (Edition Luftschiffer) erhielt vor einiger Zeit neben neun anderen Werken die Auszeichnung "Bayerns Beste Independent Bücher 2020".

Die Redaktion empfiehlt