Buchtipp Spôjmaï Zariâb:

"Wenn Katzen Menschen werden"

In dem Kurzgeschichtenband "Wenn Katzen Menschen werden" erzählt die in Frankreich lebende afghanische Schriftstellerin Spôjmai Zariâb über Kinder als Helden, die in einer Atmosphäre von Armut und Gewalt leben. Stefan Weidner stellt den Band vor.

Spôjmai Zariâb; Foto: Michael Kirsten
Spojmai Zariâb schreibt auf Dari, der afghanischen Variante des in Iran gesprochenen Farsi

​​Wenn man von seinen Kindern gefragt wird, warum Katzen keine Menschen sind, sollte man sich die Antwort gut überlegen. Die Mutter in der Titelgeschichte von Spôjmai Zariâbs Erzählband "Wenn Katzen Menschen werden" antwortet ein wenig zu leichtfertig: "Der Mensch hat keinen Schwanz. Der Mensch geht auf seinen zwei Beinen."

Die Tochter, die mit der Mutter gerade einen Tag im Zoo verbracht hat, schließt daraus, dass eine Katze auf zwei Beinen und ohne Schwanz ein Mensch wäre; und erzählt ihre Erkenntnisse weiter. In einer Atmosphäre von Armut und Gewalt aber und in einem Land, in dem Katzen keine Haustiere sind, sondern Freiwild wie in Afghanistan, endet das, was in unseren Breiten ein Schmunzeln über die Einbildungskraft des Kindes auslösen würde, in einem Blutbad.

Die meisten Erzählungen Zariâbs drehen sich um Kinder, und obgleich nicht alle so blutig enden wie die Geschichte von den Katzen, die Menschen werden, sind es keine Geschichten für Kinder (allenfalls für Jugendliche).

Schriftstellerische Weisheit

Dass die 1949 geborene, seit 1991 in Frankreich lebende afghanische Autorin Kinder zu Protagonisten wählt, ist ein Akt schriftstellerischer Weisheit. Das Gewaltgeschehen, das geistige und materielle Elend in Afghanistan der letzten dreißig Jahre könnte selbst einen Tolstoj überfordern.

Von den Bildern zu erzählen, die davon ins kindliche Bewusstsein dringen, verkleinert den Maßstab, wahrt aber die Proportionen: Die Verstümmelung der Katze ist keine Gewalt an Menschen. Aber Kinder erleben sie als ähnlich traumatisch.

Spojmai Zariâb schreibt auf Dari, der afghanischen Variante des in Iran gesprochenen Farsi. Die Unterschiede sind nicht sehr groß, Dari klingt nur ein wenig altertümlicher, von den rasanten Entwicklungen verschont, die in einem sich rapide modernisierenden Land wie Iran die Sprache heimsuchen. Wer auf Dari schreibt, könnte somit an die großartige iranische Literatur des 20. Jahrhunderts anschließen, steht in der Tradition von Modernisten wie Sadeq Hedayat, Huschang Golschiri und Mahmud Doulatabi.

Doch nur sehr wenigen afghanischen Autoren, sofern sie nicht längst in westlichen Sprachen schreiben, wie etwa Khaled Hosseini in den USA, gelingt es, die Formensprache der literarischen Moderne so geschickt einzusetzen wie dem 1963 geborenen Atiq Rahimi, der mittlerweile mit zwei – wenn auch schmalen – Büchern auf Deutsch vertreten ist.

Geschichten aus Kinderperspektive

Zariâbs Geschichten sind dagegen ausgesprochen konventionell. Obschon Kinder die Helden sind, wird doch nicht, wie es Mode ist, aus Kinderperspektive erzählt. Nicht selten wird das Geschehen aus der Autorenperspektive kommentiert und moralisch gewertet. Was aber den erfahrenen Leser in unseren Breiten stört, dürfte die Erzählungen für viele Leser in Afghanistan überhaupt erst zugänglich machen.

​​Und während sich beispielsweise bei Atiq Rahimi stets der Verdacht aufdrängt, hier sei, wenn auch auf Dari, nur fürs westliche Publikum oder ein paar Dutzend Kabuler Intellektuelle geschrieben, verfasst Zariâb eine Literatur, die auch eine normale afghanische Leserschaft erreichen kann. Authentischer ist daher ein Einblick in die Herzen der Afghanen kaum denkbar.

Die Erzählungen spielen zu einem großen Teil in der Zeit vor dem russischen Einmarsch. Aber auch damals schon vermochte nur der engste Familienkreis Geborgenheit zu vermitteln.

Bornierte Islaminterpretation

In der ersten Erzählung gelingt es einem Verwandten, mit seiner islamisch verbrämten Herrenmentalität die Festtagsstimmung der Familie zu zerstören und die mit Kinderfreude gemalten Tierbilder der Tochter zu verbrennen: "Am jüngsten Tag des Gerichts werden all die Tiere ihr nachstellen und sagen: Jetzt wo du uns gezeichnet hast, gib uns auch eine Seele, mach uns lebendig. Kann sie das, ihnen Leben geben?"

Gegen die bornierte Islaminterpretation des Onkels würde ein Blick auf das schöne Cover des Buches helfen. Dort sieht man originale Illustrationen zum "Buch der Tiere" des im Jahr 869 gestorbenen Al-Djahiz.

Um das Leben zur Hölle zu machen, braucht es freilich keinen reaktionären Islam. Schiere Gleichgültigkeit genügt, wie die Lehrerin demonstriert, die sich nicht um ihre Kinder kümmert und ihnen dann als Abschlussarbeit aufgibt, ein "Werkstück" anzufertigen. Was sie sich darunter vorstellt, kann und will sie nicht sagen.

Die Situation der Exilanten wird in der Erzählung "Von Zahlen bezwungen" thematisiert. Während sich die afghanische Studentin danach sehnt, einmal wieder ihre Muttersprache zu hören, gelingt es ihrem iranischen Kommilitonen, obwohl auch er ein Stipendium hat, nicht, sich aus dem Bann des Umrechnungskurses zu lösen. Was auch immer er kaufen könnte, der Gegenwert in der heimatlichen Währung mutet ihm so ungeheuerlich an, dass er sich ins nackte Elend spart – von den seelischen Verzehrungen ganz zu schweigen.

Stefan Weidner

© Stefan Weidner 2006

Spôjmai Zariâb: Wenn Katzen Menschen werden. Erzählungen. 110 S., geb. Insel Verlag, Frankfurt 2005.

Qantara.de

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