Buchtipp Reza Aslan: "Kein Gott außer Gott"

Kompaktes Wissen über die Geschichte des Islam

Das Buch des Iraners "Kein Gott außer Gott. Der Glaube der Muslime von Muhammad bis zu Gegenwart" ist eine literarisch lebendige und differenzierte Darstellung der Geschichte der islamischen Welt. Helena Sabbagh hat es gelesen.

Muslimische Pilger in Mekka; Foto: AP
Reza Aslan's Buch "Kein Gott außer Gott" geht den Ursprüngen und wichtigsten Glaubensgrundsätzen des Islams auf den Grund.

​​Fällt das Stichwort Islam oder Muslime, so handelt es sich dieser Tage meist um das Thema "Terror". Wer sich über diese Angst verursachende Erscheinung unserer globalisierten Welt informieren möchte, dem mangelt es wahrlich nicht an Auswahl: Egal, ob Print, Fernsehen, Hörfunk oder Internet: Über den Terror von Islamisten wird täglich berichtet.

Wer aber jenseits des Tagesjournalismus mehr über die Ursprünge des Islams, seine religiösen Grundlagen und die historische Gestalt Mohammads erfahren möchte, dem sprangen in den Regalen des Buchhandels bislang meist die farbigen Aufmachungen der Werke von Scholl-Latour und Co. ins Auge.

Seltener, und wenn in zweiter Reihe, fand der willige Leser auch die Publikationen aus dem Fachbereich Islamwissenschaften. Fing er darin an zu blättern, so ließ er es häufig auch schell wieder sein, denn die Titel hatten meist den entscheidenden Nachteil, dass sie mit ihren langen Fußnotenapparaten, verwirrenden Umschriften und ihrem glanzlosen akademischen Ausdruck die ganze Aufmerksamkeit des Lesers forderten – ohne dabei entsprechende Lesefreude zu bereiten.

Unangestrengte Darstellung akademischen Wissens

Nun liegt eine aus dem Amerikanischen übersetzte Neuerscheinung von Reza Aslan vor, die Beides bietet: In "Kein Gott außer Gott. Der Glaube der Muslime von Muhammad bis zu Gegenwart" paaren sich auf vortrefflicher Weise Lesegenuss und eine unangestrengte Darstellung akademischen Wissens.

Reza Aslan; Foto: &copy rezaaslan.com

​​Reza Aslan, geboren in Iran und 1979 siebenjährig mit seiner Familie in die USA emigriert, studierte unter anderem in Harvard Religionswissenschaften und ging darüber hinaus beim renommierten University of Iowa's Writers Workshop in die Lehre.

"Keine Gott außer Gott", das im Übrigen Aslans erstes Buch ist, liest sich als säße man im Kinosessel: Gekonnt und leicht entspannen sich Geschichten, aber nicht linerar, sondern unterbrochen durch Szenen, auf die Aslan quasi Spotlights richtet, indem er sie literarisch-poetisch aufbereitet.

So darf sich der Leser zum Beispiel fühlen, als sei er in den Weiten der arabischen Wüste eigens anwesend, wenn die Anhänger Mohammeds bei der Hidschra, dem Auszug aus Mekka nach Medina, dem Eintreffen ihres Propheten entgegenfiebern. An anderer Stelle lockern Reiseerlebnisse des Autors oder etwa sufische Verse den Textfluss auf.

Gleichzeitig gelingt es dem Autor aber, auf rund 300 Seiten kompaktes Wissen über die Geschichte des Islams, also von Mohammad bis in die Gegenwart, zu vermitteln und in Bezug zu aktuellen Fragestellungen zu setzen.

Differenzierte historische Darstellung

In zehn Kapiteln werden so elementare wie akute Fragen behandelt, wie: Worum geht es beim Dschihad, ist der Islam eine kriegerische Religion, sind seine Grundlagen frauenfeindlich, wie sieht das Verhältnis zu anderen Religionen aus?

Wohltuend ist, dass bei aller literarischen Lebendigkeit die differenzierte Darstellung historischer Sachverhalte keineswegs zu kurz kommt, sondern im Mittelpunkt steht. Anmerkungen und Literaturhinweise sind dabei kapitelweise zusammengefasst am Ende des Buches zu finden.

​​Ausgesprochen interessant ist etwa in den ersten beiden Kapiteln die Einführung in die mekkanische Gesellschaft der vorislamischen Zeit. Damals hatte der Stamm der Quraisch als Hüter der Schlüssel zur Ka'ba so viel Macht auf sich vereinigt, dass dadurch das in Arabien vorherrschende Stammesgefüge aus dem Gleichgewicht geriet.

Das hatte für viele zur Folge, dass sie ihren Lebensunterhalt nicht mehr bestreiten konnten, Geld zu Wucherzinsen aufnehmen mussten und dadurch zu Sklaven wurden.

Mohammad, selbst Waisenkind, entging diesem Schicksal. Er hatte das Glück, zunächst unter dem Schutz seines Onkels zu stehen, bis er die einflussreiche Chadidscha heiratete.

Als er später den Kampf mit der geballten Wirtschaftsmacht der Quraisch aufnahm, so verfolgte er dabei klare reformerische und soziale Ziele, seine revolutionär-egalitären Botschaften zwangen Mohammad schließlich, Mekka zu verlassen.

Modernität des Islams

Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 hatte Aslan, damals Gastprofessor an der University of Iowa, das sprunghaft angestiegene Interesse an seinen Einführungsveranstaltungen zum Islam überrascht.

Dieses Erlebnis war ausschlaggebende Motivation für sein Buch, das er zum einen an die westliche Öffentlichkeit gerichtet wissen wollte, die über Religionen allgemein und auch über den Islam wenig weiß. Zum Zweiten wollte er aber auch jenen Muslimen, die wie er in zweiter Generation in Amerika leben, die Modernität des Islams aufzeigen.

Aslan, der Huntingtons "clash of civilisations" für eine inadäquate Beschreibung gegenwärtiger Entwicklungen hält, sieht uns in einer Zeit der innerislamischen Reform, oder, wie es an anderer Stelle heißt, inmitten eines "muslimischen Bürgerkriegs", der, wie jeder reformatorische Umbruch der Vergangenheit, von Gewalt begleitet würde.

In seinem Buch, wie auch in seinen zahlreichen sonstigen öffentlichen Beiträgen, lässt der Autor keinen Zweifel daran, dass er am Ende jene Kräfte als Sieger sieht, die den Islam als vereinbar mit demokratischen Grundsätzen halten.

Dabei postuliert er selbst für die islamisch geprägte Welt die Entwicklung einer "indigenous democracy", die nicht den Säkularismus als Voraussetzung braucht, sondern den Pluralismus.

Helena Sabbagh

© Helena Sabbagh 2006

Reza Aslan ist Islamwissenschaftler an der University of California, Santa Barbara. In den USA ist er vor allem durch seine Beiträge für große Zeitungen bekannt (New York Times, Los Angeles Times, Washington Post u.a.). Für seine wissenschaftliche und literarische Arbeit wurde er vielfach ausgezeichnet.

Reza Aslan: "Kein Gott ausser Gott, Der Glaube der Muslime von Muhammad bis zur Gegenwart" , Verlag C.H. Beck 2006, 335 Seiten (aus dem Englischen von Rita Seuß "No god but God. The Origins, Evolution, and Future of Islam".

Qantara.de

Buchtipp: "Geschichte des Islam"
Atemberaubende Vielfältigkeit
In ihrem Buch "Die Geschichte des Islam" analysiert die Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer die Entwicklung der Weltreligion von ihren Anfängen, der Blütezeit des Islams, bis in die frühe Neuzeit. Mona Naggar hat es gelesen.

Buchtipp: Der Islam in der Gegenwart
Standardwerk des modernen Islam
In thematisch und geographisch überschriebenen Kapiteln bereiten 45 Autoren die Vielfalt islamisch geprägter Gesellschaften zum Ende des 20. Jahrhunderts überzeugend auf. Kurt Scharf stellt das Buch vor.

Ilija Trojanow
Zu den heiligen Quellen des Islam
Knapp vierzig Jahre alt und in drei Kontinenten zuhause - es gibt kaum einen deutschen Schriftsteller, der so sehr Kosmopolit ist wie Ilija Trojanow. Seinen Bericht über eine Pilgerreise hat Thomas Bärthlein gelesen.

www

"Kein Gott außer Gott" im Verlag C.H. Beck

Verwandte Themen
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.